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Neuer „Tatort“ aus Freiburg

Die wissen von nichts

Von Matthias Hannemann
 - 17:57
Sie bekommen es gleich mit einem, schweren Fall zu tun: Hans-Jochen Wagner und Eva Löbau spielen die Kommissare aus Freiburg. Bild: SWR/Alexander Kluge, F.A.Z.

In Gesellschaften, denen es vergleichsweise gutgeht, die alles haben und darauf bauen können, dass es für die großen Katastrophen des Lebens ein von Staat, Versicherungen und engagierten Nachbarn geknüpftes Netz gibt, sind tote und vermisste Kinder das Schlimmsten, was bleibt. Das erklärt, weshalb das Thema immer wieder vom Fernsehen aufgegriffen wird. Es rüttelt die Zuschauer auf, und auch der „Tatort: Goldbach“, der erste Fall des neuen Freiburger Gespanns, greift darauf zurück: Ein Mädchen stirbt, ein Junge ist fort. Von den Eltern und Freunden und ihrer Suche nach Täter und Kind erzählt die Geschichte.

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Als Reihenauftakt ist das gelungen. Ernst und Dramatik, die „Goldbach“ innewohnen, pusten alle Erinnerungen an die Nettigkeiten hinweg, mit denen das Freiburger „Tatort“-Konzept vorgestellt worden war. Es werde, ließ der SWR wissen, „in eine weltweit bekannte Region“ führen, „die für Mythen und Sagen genauso steht wie für atemberaubende Natur“, außerdem für „spannungsreiche Sujets vom bäuerlichen Leben und Religiosität bis zu Massentourismus, Ökologiebewusstsein und Strukturwandel“.

Was hätte wohl Harald Schmidt aus einem solch verräterischen Texthohlkörper gemacht? Er sollte eigentlich als Chef der Freiburger Kommissare Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) und Franziska Tobler (Eva Löbau) auftreten, gemeinsame PR-Fotos lagen schon vor. Dann sagte Schmidt aus persönlichen Gründen ab. Die Lücke füllt Steffi Kühnert, die in der Rolle Cornelia Harms heißt. Sie mimt die Vorgesetzte mit leicht vergrämtem, von Jahrzehnten im bürokratischen Apparat gezeichneten Gesicht, und zwar hübsch unprätentiös, wie sich überhaupt jeder im Trio bemüht, die erste Runde unaufgeregt zu bestehen. Das Drehbuch von Bernd Lange weicht Humorigem aus.

Es weigert sich auch, aufgesetzte Ermittler-Biographien voller privater Probleme zu entwerfen. Über Friedemann Berg und Franziska Tobler erfahren wir nur, dass Berg, ein stets konzentriert wirkender Mann mit kleinem Wohlstandsbauch, mitunter einen Schnaps benötigt, Tobler scheint glücklich liiert. Alles wohltuend normal. Verstärkt wird dieser Eindruck durch eine leicht wacklige Kameraführung mit bewusst gesuchten Unschärfen, die „Goldbach“ (Kamera: Andreas Schäfauer) aussehen lassen wie mit der Spiegelreflex gefilmt.

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Angenehm durchschnittlich, jedenfalls passend für Freiburger Verhältnisse, sind auch die drei Elternpaare, mit denen die Geschichte ansetzt. Mindestens zwei von ihnen gehören zu einer Schicht, die man vor einigen Jahren als Bionaden-Bohème bezeichnet hätte, junge Familien, ein Arzt und ein Freiberufler, die es zeitgeistgemäß in den Schwarzwald zog. Die dritte Familie, die von einem Sägewerk lebt, bekam gerade noch einmal Nachwuchs. Es sind Nachbarn und Freunde. Man hat Spaß daran, gemeinsam einen abgebrochenen Baum aus dem Bach zu ziehen, und auch im Laufe dessen, was nun passiert, treten die Betroffenen zunächst wie eine Elternpflegschaftsvertretung auf. „Die wissen nichts, die machen nichts“, sagen sie über die Polizei.

Denn ein Kind ist verschwunden. Und ein anderes, die elfjährige Frieda, liegt erschossen im Wald: Suchtrupps mit Hunden durchstreifen den Forst, ein Helikopter schwebt über dem entfärbten Terrain. Doch statt Linus wird eine Kiste voller Waffen gefunden. Was zu ihrem Hersteller führt, aber auch daran erinnert, wie leicht sich einst der Amokläufer von München Waffen im Darknet besorgen konnte. Ein Lager seines Händlers hob man später an einer Verkehrsinsel aus. In diesem Punkt streift „Goldbach“ ein Thema mit großer Relevanz. Etwas schnell zeichnet sich ab, dass nicht nur aufgescheuchte Waffennarren aus der Region, sondern einer der Jungen den tödlichen Schuss abgegeben haben könnte. Aber die Suche nach dem vermissten Kind und dem Besitzer der Kiste garantieren, weil Regisseur Robert Thalheim die Eltern im Blick behält, eine beständige Emotionalität. Es wird Winter, im Fernsehen. Wer Kinder hat, sollte sich warm anziehen.

Der Tatort: Goldbach läuft am Sonntag, 1. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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