TV-Film „Aidas Geheimnisse“

Kinder der Nacht

Von Oliver Jungen
 - 22:33

Im Sommer 1945 endete der Zweite Weltkrieg, aber sein Schatten lastete noch Jahrzehnte schwer auf Europas Gesellschaft. Sogar das Leben von Menschen, die erst nach Kriegsende geboren wurden, konnte bis ins hohe Alter durch die dunkle Zeit bestimmt werden, wie dieser sehenswerte Dokumentarfilm des israelischen Regisseurs und Produzenten Alon Schwarz (Ko-Regie Shaul Schwarz; Koautor Halil Efrat) zeigt. Der Filmemacher musste nicht weit gehen, um auf die ungeheure und doch so zeittypische Geschichte zu stoßen: Sie ereignete sich in seiner eigenen Familie.

Mit elf Jahren hatte Alons Onkel Izak Sagi erfahren, von seinen israelischen Eltern adoptiert worden zu sein. In Wahrheit ist er im Jahre 1945 im Displaced-Persons-Camp Bergen-Belsen zur Welt gekommen und dann als jüdisches Waisenkind nach Israel verschickt worden. Er sei allerdings gar keine Waise, erfuhr der Teenager. Seine Mutter, eine Polin namens Aida, lebe noch, und zwar in Kanada. Er konnte den Kontakt zur Mutter herstellen und erfuhr, dass sein Vater Grisha im Krieg gefallen war. Erst mit Mitte sechzig, als Izak über irritierende Dokumente stolpert, die auf ein weiteres Familienmitglied deuten, kommt ihm zu Ohren, dass die Mutter seinen neuen Geschwistern lange zuvor anvertraut hatte, Izak besitze einen blinden Bruder, aber niemand dürfe ihm dies je mitteilen. Jahrzehntelang hat sich die Adoptivfamilie an diese Vorgabe gehalten.

Hier beginnt die kriminalistische Spurensuche des Films, die klug verschränkt wird mit der hochinteressanten Geschichte des Überlebenden-Camps von Bergen-Belsen, damals eine Anlaufstelle für Entwurzelte. Das Leben blühte hier nach 1945 wieder auf, es gab Partys, Affären, Ehen und eine große Zahl von Geburten. Man tat viel, um einen Platz im Camp zu ergattern. Anhand von Fotos und Dokumenten gelingt es dem Filmteam, Izaks blinden Bruder Sheb Shell ausfindig zu machen, der all die Jahre ebenfalls in Kanada lebte, ohne etwas von seiner Mutter oder seinem Bruder zu wissen. Er wiederum ist bei Vater Grisha aufgewachsen, der keineswegs im Krieg gefallen, sondern gerade erst gestorben ist. Es kommt zu einer emotional anrührenden Wiedervereinigung zwischen den beiden Brüdern, zwei beeindruckenden Persönlichkeiten, und auch zwischen Sheb und seiner Mutter. Doch schnell wird klar, dass Aida weitere Geheimnisse eisern für sich behält und die Geschichte noch lange nicht an ihrem Ende ist.

Jetzt wird es immer erstaunlicher, denn selbst vermeintliche Gewissheiten wie Religion, Nationalität und Vaterschaft stehen bald in Frage. Schließlich findet sich dank DNA-Tests, Hinweisen in Archiven und den Erinnerungen einer Zeitzeugin ans DP-Camp – Grisha, der gutaussehende Schürzenjäger, steht ihr noch vor Augen – eine mögliche und wahrscheinliche Erklärung dieser traurig verunglückten Familiengeschichte voller Scham und unbewältigter Traumata.

Und doch hat sich die zersprengte Familie von der Vergangenheit nicht unterkriegen lassen, sich sogar einen freundlichen Humor bewahrt. Das verleiht dieser sehr persönlich gehaltenen Reise in die Vergangenheit einen warmherzigen, hoffnungsvollen Glanz, der auch auf der Bildebene wiederzufinden ist: Vertrauliche, aber nie indiskrete Gesprächssituationen, bei denen viel umarmt wird, wechseln sich ab mit kurios-amüsanten Einstellungen, die uns die Familie im Whirlpool oder Izak auf dem Aufsitzrasenmäher zeigen. Auch die eigens komponierte Musik (Yaniv Fridel, Ofer Shabi) setzt einen willkommenen Kontrapunkt zur inhaltlichen Dramatik.

Das Ende des Films wartet dann mit einer weiteren Überraschung auf. So nah kommt man an das Schicksal dieser Menschen, die sich nach dem Krieg als im eigenen Leben Deplazierte fühlen mussten – eine ganze Generation –, heute nur noch selten heran. Die hervorragende internationale Koproduktion, an der auch der SWR und Arte beteiligt waren, ist eine Sternstunde des Fernsehens.

Aidas Geheimnisse, heute, Mittwoch 16. August, um 22.45 Uhr im Ersten.

 

Quelle: F.A.Z.
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