Der „Wanderhure“ dritter Teil

Hui Buh, ich bin die Adlerfrau

Von Johanna Adorján
© Sat.1, F.A.Z.
Ihr Mann hält sie für tot, das Kind wird ihr entrissen, und eine „Wanderhure“ ist sie auch nicht mehr: Und dann geht Alexandra Neldel sogar noch unter die Tartaren.

Das Mittelalter mag grausam gewesen sein, auf keinen Fall aber war es so grausam wie „Das Vermächtnis der Wanderhure“, der dritte Teil der „Wanderhuren“-Saga, von der man nur hoffen kann, dass es eine Trilogie bleibt. Wie schon in den ersten beiden Teilen der unbegreiflich erfolgreichen Sat.1-Produktion spielt Alexandra Neldel die Hauptrolle, eine Wanderhure, also eine übers Land ziehende Prostituierte, wobei dieser Aspekt ihrer Talente inzwischen in den Hintergrund getreten ist. Denn - sie ist sesshaft geworden, hat einen Ritter namens Michi geheiratet, mit dem sie eine präpotente Tochter namens Trudi hat; Kind Nummer zwei ist unterwegs.

Alexandra Neldel guckt oft besorgt, mehr werde ich zu ihrer Darstellung nicht sagen.

Ihr Mann, Michi, sieht genauso aus wie sie, nur mit Bart. Daran sind die beiden gut auseinanderzuhalten. Er ist, wie gesagt, Ritter, und also solcher hat er natürlich, man kennt das von Playmobil, Ritterkämpfe auszufechten, und exakt mit solch einem beginnt der Film, der im Folgenden so viel an Handlung aufbietet, dass ich nur versuchen kann, das Nötigste zu berichten.

Nürnberg, anno 1430.

Schnell informieren uns die vor Informationen nur so strotzenden Dialogsätze, die von den Schauspielern bewundernswerterweise ohne Losprusten vorgetragen werden, über Folgendes: Marie a.k.a., die Wanderhure, fühlt sich bei Hofe nicht wohl. „Der Hof ist nicht meine Welt.“ Ihr Mann ist froh, dass sie ihm nun einen Sohn gebären wird (woher sie das ohne Ultraschall weiß?), denn: „Selbst wenn mir etwas zustößt, wärst du mit deinem Sohn immer noch Freifrau.“ Michi ist übrigens, wie seine Frau weiß, „des Königs bester Ritter“, wohl mit ein Grund dafür, dass er den erwähnten Ritterkampf mühelos gewinnt.

So.

Jetzt wird’s kompliziert. Nicht nur drohen dem König, dessen bester Ritter Michi, der Mann von Marie, der Wanderhure, ist, Gefahr durch böse, schlitzäugige Tartaren, die es auf sein Reich abgesehen haben. Nein, die größte Intrigantin des Abendlandes befindet sich auch noch directement an seinem Hof: Es ist die hübsche, junge, blonde Hulda, die - ich hoffe, Sie sitzen - ein Kind von ihm erwartet, wo sie jedoch eigentlich mit dem Vetter des Königs verheiratet ist, von dem der König, den übrigens Götz Otto spielt, aber annimmt, er sei tot. Was er auch wenig später sein wird, aber noch lebt er und schmiedet böse Pläne mit seiner Frau Hulda, von denen der König, der seinen Vetter ja tot glaubt, nichts ahnt.

Das muss der König sein, der hier Sigismund heißt und von Götz Otto gespielt wird
© Sat.1, F.A.Z.
Das muss der König sein, der hier Sigismund heißt und von Götz Otto gespielt wird

Die Ritter in Franken hatten damals ganz unterschiedliche Dialekte, einer scheint aus Hamburg zu kommen, ein anderer aus Salzburg. Das aber nur nebenbei.

In der Gefangenschaft gebären

Als ein böser Tartar, der übrigens auch eine österreichische Sprachfärbung hat, vom König die Herausgabe Ungarns fordert, bleckt dieser überrascht die Zähne und fegt kurz darauf Schwerter von einer Holztafel. Er fordert seine Ritter auf, den inzwischen wieder weggerittenen Tartaren zu töten, und gebraucht in Rage versehentlich ein Wort, das erst im 19. Jahrhundert aufkam: „Menschenmaterial“.

Ich überspringe Einiges und verrate nur, dass die Wanderhure etwas später in Gefangenschaft ihr Kind gebären muss. Dahinter steckt - natürlich - die intrigante Hulda, die ihre Haare inzwischen zu einer Amy-Winehouse-Frisur toupiert trägt. Schön an der Misslage, in die die Wanderhure durch einiges, was jetzt zu weit führen würde, geraten ist, ist, dass die Geburt nur drei Sekunden dauert - dann hat sie ihren Sohn ins Stroh gepresst.

Hatte ich schon erwähnt, dass Hulda auch schwanger war? Ach ja, hatte ich. Na ja, ich greife etwas vor, aber ich möchte wirklich jedem ersparen, sich diesen Film selbst ansehen zu müssen, also, Spoiler Alert: Sie hatte ihre Schwangerschaft nur vorgetäuscht, vermutlich mit immer dickeren Kissen - nun nimmt sie der Wanderhure deren Kind weg und behauptet, es sei ihres. Also: ihres zusammen mit dem König. Verstehen Sie? Götz Otto, der in diesem Film König Sigismund heißt, strahlt selig: „Mein erster Sohn. Da ist mir etwas gelungen, was eurem Gemahl, meinem Vetter, zu Lebzeiten nicht gelungen ist.“ (Zur Erinnerung: Er hält seinen Vetter, Huldas Mann, ja für tot.)

So, Wanderhure entführt!

Ich springe wieder. Hulda vergiftet ihren Mann, der vom König ja längst für tot gehalten wurde, nun tatsächlich. Und wir erfahren, dass sie mit dem bösen Tartaren von vorhin, dem mit dem österreichischen Zungenschlag, gemeinsame Sache macht. Der heißt übrigens Nogaj. Oder Nogar. Und mit Nachnamen Khan. So, und der entführt jetzt die Wanderhure. Deren Baby ihr abhanden gekommen ist. (Zur Erinnerung: Das präsentiert ja jetzt Hulda dem König als ihr Kind!) Ich muss wieder springen, sonst wird das nie fertig.

Nougat und die Wanderhure reiten ins Tartarenlager. Nougat will mit ihr schlafen, aber sie ziert sich (denn sie ist ja keine Wanderhure mehr, sondern eine reitende Ehefrau). Irgendwann entflieht sie kurz, dann wird sie wieder gefasst, aber sie war lange genug frei, dass sie einen Adler befreien konnte, der sich verfangen hatte. Das klingt wie ein Randdetail, wird aber später noch wichtig sein, deshalb erwähne ich es (also: schon mal merken!)

Auch erwähnen möchte ich noch ein paar Personen, aber nur der Vollständigkeit halber - eine dunkelhäutige Schönheit names Alika, die mit Nougat Sex hat; ein vietnamesisch aussehender Mann, der vorgibt, für die Tartaren zu sein (oder einer von ihnen?), in Wahrheit aber auf der Seite der Wanderhure ist; die uralte Nai-Nai (Naj-Naj?), eine Greisin, die immer die Augen so weit nach oben dreht, dass nur das Weiße zu sehen ist, und die, anders als die anderen Tartaren, kein Deutsch spricht.

Maria hätte das nicht besser gekonnt als die Marie des Alexandra Neldel. Und so ein Baby obendrein!
© Sat.1, F.A.Z.
Maria hätte das nicht besser gekonnt als die Marie des Alexandra Neldel. Und so ein Baby obendrein!

So, und von jener, der uralten Naj-Naj, erfährt die Wanderhure jetzt, dass sie in Wahrheit die Adlerfrau ist! Das klingt erstmal ein bisschen verwirrend, aber da es so oft erwähnt werden wird, kommt man schon mit: Die Wanderhure ist die Adlerfrau. Die Wanderhure ist die Adlerfrau. Sehen Sie, eigentlich ganz einfach.

Sozusagen doppelte Penetration

Und nun wendet sich ihr Schicksal. Denn da sie nun ja die Wanderhure, äh, Entschuldigung, die Adlerfrau ist, behandeln sie die Tartaren, die sie ja gefangen genommen haben, auf einmal sehr zuvorkommend. Freundschaftlich wäre zu viel gesagt, aber schon ziemlich nett und irgendwie mit Respekt. Sie stellen ihr jetzt auch Make-up zur Verfügung, und vor allem beim Kohlstift langt die Adlerfrau ganz schön zu. Sie ist auch aufgestiegen: als Adlerfrau ist sie Nougats erste Haremsdame. Es kommt zum Geschlechtsakt. Als Nougat in die Adlerfrau eindringt, dringen zugleich schmalzige, wenn auch ein wenig wehmütig klingende Streichertöne in den Gehörgang des Zuschauers, sozusagen eine doppelte Penetration.

König Otto übrigens wälzt sich derweil nackt zu Hause in Franken mit der intriganten Hulda im Bett. Und Michi? Der ist traurig, weil er seine Wanderhure, von der er ja noch gar nicht weiß, dass sie die Adlerfrau ist, tot glaubt. Und mit ihr seinen Sohn. Den er noch nie gesehen hat, von dem der König aber annimmt, es wäre seiner.

Es wogt die Brust, es grimmt der Blick, es ist Gefahr im Verzug: Szene aus dem „Vermächtnis der Wanderhure“
© Sat.1, F.A.Z.
Es wogt die Brust, es grimmt der Blick, es ist Gefahr im Verzug: Szene aus dem „Vermächtnis der Wanderhure“

Oh Gott, ich hab noch sechs Seiten vollgeschriebene Notizen, der Film ist noch nicht mal halb um, wie kriege ich das bloß alles unter? Ich mach’s knapper.

Kurzer Dialog, der viel erzählt: Alika: „Du kannst nicht gehen. Du bist die Adlerfrau!“ Adlerfrau: „Als Adlerfrau befehle ich dir, dass du mich gehen lässt.“ Alika: „Du bist die Adlerfrau - du weißt, was du tun musst.“ Zirka zehn Minuten später: Adlerfrau zu Hulda, die inzwischen im Tartarencamp aufgetaucht ist: „Ich bin die erste Frau Nougat (Nurja?) Khans - und ich fordere mein Kind zurück!“ Klar?

Details an dieser Stelle zu kompliziert

Unterdessen hat sich auch der König mit Gefolgschaft (darunter auch der unglückliche Michi) auf den Weg zu den Tartaren gemacht. Unterwegs kommt es zu Szenen wie von einer Party der Ergo-Versicherungsgesellschaft - willfährige Frauenzimmer (ehemalige Kolleginnen der jetzigen Adlerfrau?) bieten sich den Mannen des Königs dar. Michi aber mag nicht. Gut, kann man verstehen. (Wir erinnern uns: Er glaubt seine Frau und seinen Sohn tot).

Während Hulda weiter vor sich hinintrigiert, versucht die Adlerfrau (inzwischen akzeptiert man sie doch schon ganz natürlich als solche, oder?), die Psyche von Nougat (oder doch Nourgal?) zu ergründen. Er hat nämlich eine problematische Kindheit gehabt, Details an dieser Stelle zu kompliziert. Er hat jetzt auch Sex mit Hulda. Das mit seiner Kindheit lässt die Adlerfrau nicht los. Irgendwann fragt sie Alika: „Alika, die Nai-Nai, kann jeder zu ihr gehen?“

Ja, kann!

Wird also auch Nourgaj. Und jetzt halten Sie sich fest: Die uralte Naj-Naj wird ihm verraten (ich greife vor), dass er gar nicht Nourgaj (Nougat?) ist, sondern ein Andrej!

Und jetzt geht es Schlag auf Schlag.

Einiges kommt ans Licht.

Andrej (damals noch Nourgaj) zur Wanderhure (da schon Adlerfrau): „Du bist keine Tartarin.“ Antwort: „Und du nicht der leibliche Sohn des Khan!“

Nourgaj will dann auch irgendwann ihr Baby töten, woraufhin dessen leibliche Mutter (nicht: Hulda!) an sein Mitgefühl appelliert. Daraufhin stößt er sie auf eine Ecke mit Sitzkissen. Der Babydarsteller ist an dieser Stelle des Films übrigens gute sechs Monate alt. Wenn das so weitergeht, wird er bald sprechen können und vielleicht auch solche fabelhaften Dialogsätze sprechen wie: Adlerfrau zu Andrej: „Ich verstehe dich nicht.“ Andrej zur Adlerfrau: „Ich dich auch nicht.“

Es passiert dann noch ganz viel.

Wenn Sie sich den Film tatsächlich anschauen und es schaffen, bis zum Schluss durchzuhalten, was nichts anderes bedeuten kann, als dass sie den Ton abgedreht haben und die ganze Zeit über den Bildschirm hinweg auf irgendetwas anderes in Ihrem Wohnzimmer gucken, dann werden sie auch noch den Titelsong von Rea Garvey hören. Er läuft während des Abspanns. Und wenn sie ihn nicht mit eigenen Ohren gehört haben, würden Sie nie glauben, wie schlecht der ist.

„Das Vermächtnis der Wanderhure“ läuft am Dienstag, 13. November, um 20.15 Uhr bei Sat.1.

Quelle: F.A.Z.
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