ZDF-Krimi „Drachenjungfrau“

Sie fanden sie am Ufer

Von Matthias Hannemann
 - 17:10

Kinder machen so etwas: In der Gruppe einen Einzelnen jagen, bis der an einer Felskante steht und nicht weiß, ob er den Sprung in den schäumenden Wasserfall unter ihm überleben würde oder nicht. Und manche Kinder machen leider auch so etwas, davon handelte gerade erst die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“: Sie setzen ihrem Leben ein Ende.

Ereignete sich auch an den rauschenden, brausenden und tosenden Wasserfällen von Krimml, den höchsten Wasserfällen Österreichs, ein Suizid-Drama? Im Krimi „Drachenjungfrau“ wird die Leiche der fünfzehnjährigen Lena Striegler gefunden, sie könnte sich umgebracht haben. Aber der Stein in ihrer Hand spricht für einen Mord. Kommissar Martin Merana muss es herausfinden. Gespielt wird er von Manuel Rubey, der zuletzt als Dandy-Knacki in der ZDFneo-Serie „Knast“ auf sich aufmerksam machte und auch dieser Rolle manchmal trockenen Witz unterjubelt.

Merana ist Ermittler in Salzburg. Er kommt aus dem Nest Krimml, zwei Stunden entfernt, aber das ist eine Heimat, die er nicht wirklich vermisst. Ihn plagt die Erinnerung an den Tag, an dem er als Kind von einer Truppe Dorfidioten an den Rand der Wasserfälle getrieben wurde. Ausgerechnet in der Nacht, in der das Mädchen die Felsen herunterstürzte, kamen jene Bilder und Töne zurück.

Mehr noch: Auch seine in Krimml lebende Großmutter (Christine Ostermayer) hatte zur selben Zeit das Gefühl, im Ort sei etwas passiert. Der Eindruck der alten Dame war so stark, dass sie ihren Enkel in Salzburg telefonisch aus den Albträumen weckte, Stunden vor der Nachricht von Lenas Tod. Sie wird ihm später auch von einer lokalen Sage erzählen, die von einem toten Mädchen in den Wassermassen handelt.

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Fernsehtrailer„Drachenjungfrau“

Diese Sage wäre für den Fall verzichtbar gewesen, er hat Atmosphäre genug. „Drachenjungfrau“ freilich, Teil vier einer von Manfred Baumann erdachten Buchreihe um Martin Merana, verdankt der Sage seinen Titel, und mit Speck fängt man Mäuse, wie es auf dem pickepackevollen Krimimarkt auch andere tun. Nikolaus Leytner, Stefan Hafner und Thomas Weingartner haben die Vorlage des langjährigen ORF-Redakteurs jedenfalls solide fürs Fernsehen adaptiert, wie Catalina Molina, eine an der Wiener Filmakademie bei Michael Haneke ausgebildete Regisseurin, die Geschichte umgesetzt hat.

Das eigentliche Erfolgsgeheimnis des Films sind seine komischen Sekunden und die leicht angejazzte, in den besten Momenten vor allem auf Schlagbesen, Kontrabass, Klavier und leise Trompete setzende Musikspur von Patrik Lerchmüller. Diese Verbindung von demonstrativer Lockerheit und Schwermut passt gut zum nachdenklichen Merana. Und er hat früher Trompete gespielt. Sie liegt noch in seinem Zimmer in Großmutters Haus.

Derart untermalt, lässt sich sogar das abgenutzte erzählerische Grundmotiv ertragen: Der Kommissar aus der Stadt, ebenso kaffeekundig wie cool, kommt für einen Fall in die provinzielle Heimat zurück, in der man das kulinarische Angebot der Tankstelle schätzt. Er ist natürlich mit sämtlichen Schleichwegen in den Wäldern vertraut, was sich bei einer Verfolgungsjagd auszahlt, kennt selbstverständlich auch die traumatisiert ins Leere starrende Mutter des toten Mädchens (Patricia Aulitzky). Ihr Lebensgefährte ist einer von Meranas Peinigern aus der Kindheit.

Selbst Erlinger erinnert sich noch an Merana als Bub – der von „Tatort“-Kommissar Harald Krassnitzer maximal schmierig gespielte Bürgermeister, der arabische Investoren mit voll vermummten Frauen auf seiner Terrasse empfängt und Schönheitswettbewerbe durchführt, um Schwung und Geld in die Region zu bringen. Bei den Wettbewerben müssen sich die Mädchen aus der Region im Bikini entblättern, wenn sie den „Marketenderinnen-Award“ gewinnen wollen.

Eben noch mit von der Partie: Lena Striegler. Sie gewann sogar den Vorentscheid, was Konkurrentinnen wie Vanessa (Cristina Maria Ablinger) nicht schmeckte. Aber den von Merana angeleiteten Ermittlern entgeht nicht, wie gequält das Mädchen auf der Veranstaltung, die unmittelbar vor ihrem Tod stattfand, in die Kameras schaute. Und ein Pfefferspray hatte sie wohl auch aus guten Gründen dabei, als sie sich in tiefster Nacht von der After-Show-Party entfernte. Die Wasserfälle von Krimml rauschen noch imposanter als einst die Snoqualmie Falls in der Fernsehserie „Twin Peaks“.

Drachenjungfrau, heute, Montag 11. Juni, um 20.15 Uhr im ZDF

Quelle: F.A.Z.
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