Drehbesuch am Naturfilm-Set

Etwas „überdrüber“ darf’s schon sein

Von Jan Wiele
 - 17:17
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„Haben S’ schon mal a Hirschbrunft gesehen?“ - Der Redakteur begrüßt uns in Lederhose bei der Ankunft in Bad Gastein, Hans-Peter Stauber ist mit Haut und Haaren ein Mann für Bergthemen und Sport, früher beim ORF, schon seit ein paar Jahren nun bei Servus TV. Er hat seinen Hund Zeus dabei, einen Terrier in Beigebraun, der passt zur sanft grünen Tracht. Das Gasteinertal hat sich in schönsten Herbstfarben aufgebäumt.

Wir sind hier, um dem Geheimnis seines Arbeitgebers auf die Spur zu kommen, eines Senders, der beim Zappen vielleicht manchem eher durchrutscht, weil sein Name ein bisschen lustig nach Regionalfernsehen klingt. Wenn Stauber darüber spricht, klingt es ganz anders und erhält fast eine Grandezza: Der Raum, in dem man „Servus“ sage, reiche schließlich von Bayern bis Triest, bis hinein nach Ungarn, über viele Grenzen und ganz verschiedene Natur-und Kulturlandschaften hinaus.

Fünf Jahre gibt es Servus TV jetzt, und längst hat sich herumgesprochen, dass dieser Privatsender den öffentlich-rechtlichen Kanälen ordentlich Konkurrenz macht, und das nicht nur im Kultur- und Dokumentarprogramm, sondern auch durch gute Spielfilme. Wert legt der Sender auf Eigenproduktionen. Etwa sechzig Prozent des Programms machen sie aus, und besonders die Naturfilme fallen auf. Wie aber entsteht eine solche Doku?

Tarnkleidung selbst auf dem Kopf

Im Geländewagen geht es hoch ins Jagdrevier von Thomas Tscherne. Der Gasteiner aus einer alten Hoteliersfamilie hat die Försterschule besucht und trägt die Haare zum Pferdeschwanz gebunden. In jahrzehntelanger Arbeit hat er hier wieder einen großen Hirschbestand aufgebaut. Wenn er erzählt, fangen seine Sätze oft an mit: „Was die Leute gar nicht mehr wissen ...“. Sie wüssten zum Beispiel nicht, dass ein Hirsch auf seine Brunft so konzentriert sei, dass er wochenlang nicht zum Fressen komme. Oder dass so ein Hirschgeweih ein Drittel des Körpergewichts ausmache, bevor es abgeworfen werde.

Stauber hatte die Idee, aus dem Jäger einen Bilderjäger zu machen: Zusammen mit dem Kameramann Klaus Illitsch, der sich auch „Der Filmfuchs“ nennt und eine kleine Produktionsfirma betreibt, die individuelle „Jagdreisebegleitung“ anbietet, hat er nun schon Wochen im Wald verbracht. Illitsch, der stets gut dreißig Kilo Ausrüstung auf dem Rücken schleppt, ist darüber dünn geworden und zeigt den locker sitzenden Hosenbund.

Wir müssen jetzt sehr still sein und schleichen, und zwar in Tarnkleidung, selbst auf dem Kopf, nur ein Schlitz für die Augen ist frei. Das Wild bemerke ein Gesicht schnell und werde davon aufgeschreckt, sagt der Filmfuchs. Endlich erreichen wir einen Baumstamm. Er liegt am Rand einer Lichtung. Dann heißt es warten. Nach anderthalb Stunden bewegt sich ganz oben an der Lichtung etwas. Was, ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Der Kameramonitor von Klaus Illitsch zeigt gestochen scharf einen Hirsch.

Die Härtesten unter der Sonne

Solche Bilder würden alle sorgsam archiviert, sagt Redakteur Stauber später, zum Beispiel unter „Hirsch, Vierzehnender, kommt von rechts“. „Und wenn irgendwann jemand mal Bilder von einem Vierzehnenderhirsch braucht, der von rechts aus dem Wald kommt, dann ist er da!“ Er meint das durchaus ernst: Für einen jungen Sender sei es eminent wichtig, ein eigenes Archiv aufzubauen, um Sendungen oder auch einzelne Filmpassagen vielleicht einmal wieder weiterverkaufen zu können.

Stauber ist es offenbar sehr wichtig, dass man beim Sender des Milliardärs Dietrich Mateschitz nicht etwa verschwenderisch mit den Ressourcen umgeht: „Wir bemühen uns, das Budget so gering wie möglich zu halten. Dazu gehört auch eine gute Planung von Synergien zwischen verschiedenen Projekten.“ So könne man die gerade gedrehten Bilder sowohl für die Reihe „Wildes Land“ als auch für eine Doku über das Gasteinertal verwenden.

Das klingt bodenständig, beschreibt Servus TV aber nicht erschöpfend. Denn dessen finanzielle Stärke, das ist kein Geheimnis, beruht auch auf der Marke Red Bull, für deren diverse Extremsportwettbewerbe mit waghalsigen und teuren Höhenflügen es ein eigenes Programmfenster gibt. Der Sender übertrug vor zwei Jahren den Stratosphärensprung Felix Baumgartners aus 39 Kilometer Höhe und zeigt regelmäßig zweifelhafte „Challenges“ - ob nun in stark motorisierten Gefährten, bei lebensgefährlichen Wingsuit-Sprüngen oder beim „Dolomitenmann“, dem „Bewerb für die Härtesten unter der Sonne“, wie es heißt, dessen Erfinder Werner Grissmann das Gebirge als „die größte Arena der Welt“ begreift.

Ein vorsichtig-fernes Röhren

Trotzdem, sagt Programmchef Klaus Bassiner am Telefon, habe Servus TV „eine ganz andere DNA als Red Bull“. Der Sender stehe für werteorientiertes Fernsehen und mache ein „anspruchsvolles Programm mit hohem Informationsanteil“. Bassiner ist nach vielen Jahren beim ZDF, wo er lange verantwortlich für Reihen und Serien war, 2012 zu Servus TV gewechselt. Die Stärke des Senders sieht er in der „Glokalisierung“ - also dem Anspruch, lokal und global zugleich zu sein. „Wir schauen auf unsere Heimat, wir schauen aber auch auf die Heimat der anderen.“ Was das bedeuten kann, erklärt Redakteur Stauber: dass man zum Beispiel einen Dokumentarfilm nur über das Weihnachtslied „Stille Nacht“ drehen könne, der dessen Geschichte vom Zillertal in die Welt hinaus verfolge.

Ist Servus TV vielleicht auch so etwas

wie ein Balsam für den von Trash und Krimis strapazierten Fernsehzuschauer, ein Anker des Schönen im Schreckensprogramm? Das will Stauber dann doch nicht nur so sehen. Auch Programmchef Bassiner betont, dass Servus TV ein Vollprogramm mache, bei dem kein Thema bewusst ausgeklammert werde. „Wir haben kritische Reportagen und Talks, zum Beispiel zu Edward Snowden oder dem Walschlachten bei den Färöer-Inseln, oder es geht um den Euro. Bei uns gibt es also nicht nur schöne, heile Welt.“

Im Wald ist es unterdessen langsam, aber sicher kalt geworden, die Sonne zieht sich auch von den letzten Berggipfeln über der Baumgrenze zurück. Die Naturfilmer sind offenbar unermüdlich - und werden schließlich belohnt. Es beginnt mit einem vorsichtig-fernen Röhren, dann werden die Brunftschreie lauter und die Abstände zwischen ihnen kürzer. Etwas klackert oben an der Lichtung: Es sind zwei rivalisierende Hirsche, die sich mit den Geweihen beharken.

Stundenlang Panorama-Kino

Spektakuläre Bilder seien natürlich ein Aushängeschild von Servus TV, sagt Klaus Bassiner. Hans-Peter Stauber dagegen räumt ein, er würde nie die Geschichte zugunsten des Bilds vernachlässigen: „Es muss auch gar nicht immer so überdrüber sein“, meint er. Abends am warmen Kachelofen erzählt Stauber dann, dass zu dem Gasteiner Filmdreh eigentlich auch noch der Künstler Friedrich Liechtenstein kommen sollte, der mit dem „Supergeil“-Werbespot bekannt wurde, die Gegend offenbar liebe und ja auch sein Musikalbum „Bad Gastein“ getauft hat. Leider hat es mit so viel Synergie dann doch nicht geklappt - wäre bestimmt lustig gewesen, den „Selfie-Man“, so heißt Liechtensteins Buch, in dem nichts als Handy-Selbstporträts zu sehen sind, mit der Hirschbrunft zu konfrontieren.

Ein bisschen „Überdrüber“ gibt es dann aber doch noch: In Zell am See startet am nächsten herrlich klaren Morgen der sendereigene Hubschrauber mit Cineflex-Technik, um das Gasteinertal von oben zu filmen. Es geht zu Bergkämmen und Gipfelkreuzen hinauf, dann wieder hinunter zu einer Kirchturmspitze - ein beeindruckendes Erlebnis auch für Fernsehzuschauer, denn nachts, wenn auf anderen Kanälen Bahnstrecken oder Kaminfeuer gezeigt werden, gibt es bei Servus TV stundenlang Panorama-Kino.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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