Zeitschrift „Camerawoman“

Fotos von Street Art und interessanten Leuten

Von Andrea Diener
 - 16:54

Schon an der Idee scheiden sich die Geister: Brauchen Frauen wirklich ein geschlechtsspezifisches Fotomagazin? Vielleicht sollte ich mich das selbst fragen. Ich bin eine Frau und ich fotografiere. Und ja, ich meide die üblichen Magazine mit den Canonplastebombern und Mördertüten vornedrauf ebenso weiträumig wie Fotoforen, in denen Objektivfetischisten Ziegelwände ablichten, um Verzerrung und Eckenunschärfe unter Laborbedingungen zu evaluieren. Es interessiert mich nicht. Vielleicht ist das so, weil ich eine Frau bin. Aber auch die meisten fotografierenden Männer, die ich kenne, machen einen weiten Bogen um diese materialfixierte Hobbyistenwelt.

Jetzt gibt es also „Camerawoman“, ohne Plastebomber vornedrauf, dafür mit einer edlen schwarzweißen Dame, die an einer Kompaktkamera mit dem Finger den Auslöser nicht findet. Auch sonst gibt man sich Mühe, nicht allzu technisch daherzukommen, sondern möglichst nach Frauen-Lifestyle-Magazin auszusehen, und das schießt ja nun auch wieder über das Ziel hinaus. Sollte es nicht um Fotografie gehen? Gewarnt sein kann man auch bei den Titelthemen: Haustiere, Essen, Fashion, Promis. In dieser Reihenfolge. Gut. Ich frage noch einmal: Sollte es nicht um Fotografie gehen?

Ich gestehe, ich war vage neugierig, als ich meinen Teil in den Crowdfundingtopf warf, mit dem das Heft finanziert wurde. Es erscheint im befife Verlag mit 60.000 Exemplaren als Sonderausgabe von „Camera“ („Das junge Fotomagazin“), momentan werden vier Ausgaben pro Jahr angepeilt. Seit Dienstag liegt es am Kiosk.

Hände erzählen ja so viel

Und es sieht nicht nur anders aus, als herkömmliche Fotomagazine, es stehen auch andere Texte in diesem Heft. Der erste beginnt so: „Sonne, Strand, Badespaß. Yvonne und Marisa fotografieren gern im Urlaub.“ Schön für Yvonne und Marisa. Dann geht es damit weiter, dass alles möglichst unkompliziert sein soll, „easy zu bedienen“ und „mit Flexi-Band“. Das ist die Geschichte über die Unterwasserkamera Olympus TG-3. Es könnte auch eine Anzeige der Unterwasserkamera Olympus TG-3 sein. Zum Glück liebt Anne ihre Asahi, die sie von ihrem Freund geschenkt bekam, denn die gibt’s nicht im Fachhandel, sondern nur gebraucht auf Ebay. Das war dann wohl der Technikteil. So etwas nennt man wohl „niederschwellig“.

Frauen, das wissen wir ja alle, sind wahnsinnig sozial, haben viel Gefühl und Empathie und alles. Deshalb liegt es nahe, dass in einem Frauenfotomagazin auch keine Fotos von toten Sachen gezeigt werden, sondern von Menschen. Die idealoptimierte Traumgeschichte geht so: Mutter und Tochter reisen und fotografieren gemeinsam in der Weltgeschichte herum, abseits der ausgetretenen Pfade, versteht sich. Kambodscha und so. Dabei fotografieren sie total empathisch lauter Menschen oder auch nur ihre Hände, die erzählen ja so viel. Ich wünsche mir, dass Rainald Grebe ein Lied darüber schreibt.

Eine andere Frau fotografiert Cafés. Sie wollte „etwas Eigenes haben, das mich glücklich macht“, sagt sie. Ich muss ein bisschen kichern, weil ich an Loriots berühmtes Jodeldiplom denken muss, aber das ist sicher nicht fair. Die Grundfrage ist nämlich: „Wer sind eigentlich diese kreativen Menschen, die mit Leidenschaft und Enthusiasmus unseren Kiez bereichern?“ Lauter tolle Charaktertypen in lichten Räumen. Und Großaufnahmen von Cupcakes gehen ja auch immer.

Winkekatzen und Weizengras-Shots

Kommen wir zu den Kochrezepten. Nein, das ist kein Witz, das ist hier schließlich eine Frauenzeitschrift. Wir hatten schon Badespaß, Empathie und Cupcakes, jetzt kommt Pasta. Und ein bisschen Foodporn hat noch keinem Instagram-Account geschadet. Also los: Kochen, ins Studio tragen, Käse hobeln, Abdrücken, fertig. Hochglanz hat man nicht mehr so: „Heute sind vor allem Fotos im Shabby-Styling angesagt.“ Wenn da nicht mal die Foodblogger schuld sind!

Immer noch nicht genug Lifestyle? Dann geht es drei Doppelseiten lang mit Jill durch Amsterdam. Sie knipst Winkekatzen und Grachten und Weizengras-Shots – Smoothies sind wohl schon wieder durch – und originelle Cafés und bunte Torten und auch mal sich selbst. Der Informationswert hält sich ebenso in Grenzen wie der ästhetische oder originelle Mehrwert, den so etwas haben könnte.

Und damit das Heft jetzt nicht zu oberflächlich gerät, schnell fünf Seiten einfühlsame Obdachlosenportraits in Schwarzweiß dahinter, die Königsdisziplin des sozial ambitionierten Flickr-Straßenfotogafen. „Ich interessiere mich einfach für Menschen“, sagt diese Frau Bendel. „Für Menschen, die mir ihre Geschichten erzählen möchten.“ Man sehnt sich nach wenigstens einem Satz, der nicht völlig abgeschmackt daherkommt.

Apropos abgeschmackt: es folgt der Motivratgeber. Knipsen Sie doch mal ein Blümchen! Oder einen Regenbogen! Oder dramatische Wolken! Einen streunenden Hund, lustige Schilder, tolle Schatten. Oder „sogenannte Street Art“, die sich besonders häufig „in urbaner Umgebung“ findet. Darüber hat ja Kraftklub zum Glück schon ein Lied geschrieben, da muss es Rainald Grebe nicht mehr tun.

Mit etwas Kaffeesatz zum Kunstwerk

Was fehlt? Tiere fehlen! Tipps für tolle Tierbilder gibt es natürlich auch. Und Einrichtungstipps fürs Wohnen mit Rahmen. Und die Bastelrubrik: „Langweiliges Bild? Mit etwas Kaffeesatz wird ein Kunstwerk draus!“ Während meine innere Kunsthistorikerin leise zu weinen beginnt, bleibt noch eine Frage: Wo sind die Promis? Die steckten irgendwo zwischen den weltweiten Händen und den Cupcakes und sind tatsächlich die beste Fotostrecke im Heft: Esther Haase, Modefotografin und die einzige weit und breit, die nicht irgendwie semiprofessionell vor sich hinwurschtelt.

Ich habe so viele Einwände. Wie intelligent könnte man ein solches Heft machen, wie viele kluge Frauen könnte man zum Gespräch laden, was für großartige Bilder von Fotografinnen sämtlicher Jahrzehnte könnte man zeigen! Ich läse gern einen Essay, der mehr hergibt als oberflächliche Affirmation der kreativen Zuckungen von irgendwem. So bleibt der ungute Eindruck, dass sich da einer zu uns technikdoofen Damen herunterbeugt, uns am Patschehändchen nimmt und gut zuredet: Guck mal, Mädchen! Du brauchst keine Angst vor den vielen Knöpfen zu haben! Aber vielleicht gibt es erst dann ein solches Heft, wenn da keine männlichen Redakteure mehr sitzen, die sich ausdenken, was Frauen so wollen könnten.

Den besten Rat für fotografierende Frauen hat übrigens immer noch Redaktionslegende Barbara Klemm: „Wenn ich mir eine neue Handtasche kaufe, nehme ich die Leica mit, um zu sehen, ob sie da hineinpasst“, sagte sie einmal in einem Interview. Weil man die Kamera nämlich immer dabeihaben muss. Und viel mehr muss man am Anfang auch nicht beachten.

„Camerawoman“ erscheint viermal jährlich und kostet 5 Euro.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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