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Fernseh-Thriller „Unter Beschuss“

Die Seite, für die man sich entscheidet

Von Michael Hanfeld
 - 17:00
Feuer aus allen Rohren: Die Cops Pierre (Bernard Blancan, links), Manu (Moussa Maaski, Mitte), Mireille (Guilaine Londez, rechts) und ihr Team wollen die Gangster stellen Bild: ZDF/Stéphane Beneyton, F.A.Z.

Warum es Vincent Drieu auf diesen Außenposten verschlagen hat, erfahren wir peu à peu. Es muss schließlich einen besonderen Grund haben, dass ein Elitepolizist wie er die Fahndungsgruppe in einem Revier übernimmt, das am Rande von Marseille auf einer Industriebrache liegt und wie eine Ruine anmutet. Nur noch ein paar Wochen, dann haben die Polizeichefin Vasseur (Zabou Breitman) und ihre Truppe es hinter sich, und der ganze Laden wird abgerissen. Bis dahin wollen sie das Chaos verwalten und Straftaten notieren, aber bloß nicht aufklären. Denn das würde nur Ärger bringen.

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Den wiederum zieht Drieu (Richard Berry) magisch an, einfach weil er seine Arbeit macht und eins und eins addiert. Ein gestohlenes Auto; ein Kleindealer, der an einer Überdosis stirbt; ein Boxer, der ungerührt Schläge einsteckt, bis er stirbt; eine Frau, die ihren Mann vermisst, aber nicht sagt, warum; der regelmäßig anschlagende Alarm in einem Waffenlager, in dem aber anscheinend doch nichts gestohlen wird - all das sind Mosaiksteine, die Drieu zu einem ziemlich furchterregenden Bild fügt. Zumal, wenn man von Kollegen umringt ist, die vollauf damit beschäftigt sind, über das Gröbste hinwegzusehen. Kein Wunder, dass bald der erste Anschlag auf Drieu verübt wird.

Ohne viele Worte

Der Film „Unter Beschuss“ (Regie Claude-Michel Rome) ist ein klassischer Polizeithriller der Sorte, wie sie in Amerika seit jeher entstehen und es sie in Frankreich, anders als bei uns, im Kino auch mehr oder weniger regelmäßig gibt. Der Einstieg - ein Schwerkrimineller wird beim Gefangenentransport befreit - ist eine große Schlacht auf offener Straße, die an Stücke von Michael Mann erinnert. Der Schluss ist ein Showdown, wie wir ihn von John Carpenters „Assault on Precinct 13“ (oder dessen Remake) kennen: Die Polizeistation, in der sich ein ohnehin trauriger Haufen versammelt, wird mit großer Artillerie belagert, die Chancen scheinen klar verteilt, es wird geschossen aus allen Rohren, und einen Verräter gibt es selbstverständlich auch.

Doch es ist nicht nur Action, die in „Unter Beschuss“ (“Les Insoumis“) zählt. Die Charaktere stimmen (allen voran Richard Berry in der Rolle des wortkargen Vincent Drieu), und das Sozialkolorit hat Hand und Fuß. Wir befinden uns in einer südfranzösischen Banlieue, die meisten der Verdächtigen haben ihre Wurzeln in Afrika oder dem Nahen Osten und einige der Polizisten auch. Doch nicht die Herkunft spielt hier eine Rolle, sondern die Seite, für die man sich entscheidet.

Dem Polizisten Drieu gelingt es, seine Kollegen, die eben noch demotiviert gestohlene Handtaschen suchten, auf sich und ihren Auftrag einzuschwören. Es beginnt damit, dass sie frühmorgens gemeinsam joggen gehen. Die Szenen, in denen der drahtige Elitepolizist, ein übergewichtiger Streifenbeamter, eine junge Ermittlerin und der Revierälteste, dem es schon peinlich ist, vor seiner Frau in kurzen Hosen dazustehen, in der prallen Sonne vor einer Raffinerie entlanglaufen, begleitet von stampfenden Geräuschen der Ölverarbeitung, ziehen sich durch den ganzen Film. Der Worte werden nicht viele gemacht. Kein Postkartenidyll, nirgends. Gnadenlos strahlt die Sonne auf die Szenerie herab und legt alle Depressionen bloß. In Reiseprospekten sieht die französische Mittelmeerküste wahrlich anders aus. In den Wochen des Totalfußballprogramms ist ein solch stimmiger Thriller eine noch nötigere Abwechslung als sonst.

Unter Beschuss läuft am Montag, den 18. Juni, um 23.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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