Fernsehduell in Großbritannien

Ersetzen wir die Politiker doch durch Schweineschmalz

Von Gina Thomas, London
 - 20:29

Als Roy Hattersley, damals stellvertretender Labour-Parteiführer, seine Teilnahme an der satirischen Nachrichtensendung „Have I Got News for You“ zum dritten Mal kurzfristig absagte, wurde er auf dem Panel ersetzt - durch eine Packung Schweineschmalz. Diese besitze einige der Eigenschaften des Labour-Politikers und werde wahrscheinlich eine ähnliche Vorstellung geben, sagte der Moderator.

Nun drohen die britischen Rundfunksender - BBC, ITV, Channel 4 und Sky -, sie würden im possenhaften Gerangel um die Fernsehdebatten mit den Spitzenkandidaten der Wahl am 7. Mai den sich zierenden David Cameron vertreten lassen - durch einen leeren Stuhl. Die Fernsehduelle, die vor fünf Jahren im britischen Wahlkampf Premiere hatten, sind den Konservativen in schlechter Erinnerung geblieben. Als er sich 2010 zur Wahl stellte, hatte sich Cameron noch leidenschaftlich für die Fernsehdebatten eingesetzt. Er dachte, daraus Kapital schlagen zu können. Er sei schon immer dafür gewesen, die Streitgespräche stärkten das Vertrauen in die Demokratie und sie passten in die Zeit, sagte Cameron. Schließlich fänden sie in jedem Land statt, „sogar, um Himmels willen, in der Mongolei“.

Cameron feilscht mit den Sendern

Heute, als Premierminister, singt Cameron ein anderes Lied. Viele glauben, die große Resonanz für den liberaldemokratischen Außenseiter Nick Clegg habe die Tories 2010 um die absolute Mehrheit gebracht. Der konservative Premierminister und seine Berater nehmen an, dass Cameron bei einer Fernsehdebatte nichts zu gewinnen hätte, anders als der Labour-Kandidat Ed Miliband, dessen Ansehen so niedrig ist, dass er wiederum nichts zu verlieren habe. Der Oppositionsführer will mit dem Versprechen punkten, dass er im Falle eines Wahlsieges ein Gesetz verabschieden werde, das die Teilnahme der Spitzenkandidaten an Fernsehdebatten vorschreibe. Cameron indes taktiert, um den Plan der Fernsehsender, drei Debatten zu inszenieren, zunichtezumachen.

Zunächst hat der Premierminister darauf bestanden, dass die Grünen einbezogen werden. Nach langem Gerangel hat er den Sendern dann sein letztes Angebot unterbreitet: Er werde an einer neunzig Minuten langen Debatte teilnehmen mit den Spitzenkandidaten von sieben oder, wenn sich die nordirische Democratic Unionist Party doch noch durchsetzen sollte, acht Parteien: Konservative, Labour, Liberaldemokraten, Schottische Nationalisten, walisische Plyd Cymru, United Kingdom Independence Party (Ukip) und Grüne. Der Premierminister bedingt sich außerdem aus, dass die Sendung in der Woche vom 23. März an ausgestrahlt werden müsse, vor dem „offiziellen Beginn des Wahlkampfes“ am 30. März. Dann, so lautet das Kalkül, könnte sich der konservative Spitzenkandidat bis zur Wahl wieder von einem eventuellen Rückschlag erholen. Den könnte ihm vor allem der unbeschwert-leutselige Ukip-Führer Nigel Farage zufügen.

Wer gibt als Erstes klein bei?

Die Sender pokern aber auch noch weiter: Sie fordern drei Debatten an den bereits im vergangenen Oktober festgelegten Terminen, 2., 16. und 30. April. Es solle zwei zweistündige Debatten mit den sieben Parteiführern und ein Duell zwischen Cameron und Miliband geben, den beiden Politikern, die realistischerweise Premierminister werden könnten, auch wenn eine absolute Mehrheit als unwahrscheinlich gilt. Diese Debatten werde es geben, ob Cameron teilnehme oder nicht.

„Hochmut“, rufen Camerons Kritiker und schimpfen ihn einen Angsthasen. Sie werfen ihm vor, den demokratischen Prozess abwürgen zu wollen. „Hochmut“, rufen seine Verteidiger und bemängeln, dass die Sender den Politikern Bedingungen vorschreiben. Vor allem der BBC wird unterstellt, dass sie gegen die Pflicht zur Unparteilichkeit verstoße, indem sie sich auf die Seite von Labour schlage.

Nun ist die Frage, wer in diesem Blickduell als Erster wegschaut. Ob Cameron klein beigebe oder nicht, verlieren werde in jedem Fall die BBC, warnen einige. In der nächsten Legislaturperiode wird über ihre Zukunft verhandelt, und dann melden sich die konservativen Kritiker wieder. Ihre Haltung könnte ein weiterer Nagel zum Sarg der BBC sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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