Kirche und Kino in Russland

In rasend frommer Wut

Von Kerstin Holm
 - 20:59
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Russland, das in anderen Ländern einen Rechtsruck aktiv befördert, erlebt derzeit einen eigenen. Je näher der Jahrestag des Oktoberrevolution kommt, desto mehr bestimmen archaische Kräfte, die freilich von den Machthabern konsequent gehätschelt wurden, die Agenda. Insbesondere die Anhänger des Korruptionsbekämpfers Alexej Nawalnyj, die für dessen Präsidentschaftskandidatur Unterschriften sammeln, leben gefährlich. In Moskau, wo die Unterstützung für Nawalnyj besonders groß ist, wurde sein Stabschef Nikolai Ljaskin von einem Attentäter mit einer Eisenstange auf den Kopf geschlagen. Ljaskin trug eine Gehirnerschütterung davon. Im südrussischen Krasnodar demolierte ein Rentnertrupp Nawalnyjs Büro.

Fast täglich müssen wegen anonymer Bombendrohungen Schulen, Universitäten, Einkaufszentren evakuiert werden. Man rätselt, wer dahintersteckt. Viele glauben, der Staatssicherheitsdienst FSB versuche so, Präsident Putin für seine Wiederwahl im kommenden März Stimmen zuzuführen. Vor allem aber läuft die militant-fromme Kampagne gegen den Film „Matilda“ immer mehr aus dem Ruder.

Sie ist nicht zuletzt ein Konflikt darum, welche Lehren die Gesellschaft aus der Revolution, die aus Sicht der Russischen Orthodoxen Kirche vor allem ein Abfall vom rechten Glauben war, ziehen soll. Der Mord am gesalbten Zaren war in den Augen der Patriarchatskirche ein schreckliches Symptom dieses Abfalls, so wie umgekehrt der Märtyrertod Nikolais II. seine Treue zu diesem Glauben bewies – weshalb er heiliggesprochen wurde. Das Kinomelodram „Matilda“, in dem der Regisseur Alexej Utschitel die historisch verbürgte voreheliche Affäre des letzten Zaren Nikolai II. mit der Ballerina Matilda Kschessinskaja hollywoodesk ausschmückt, zeigt indes den Zaren als jungen Mann in Liebesnöten. Dazu gehören romantische Bettszenen. Man erlebt einen höchst heutigen Temperamentsausbruch der Kschessinskaja bei den Krönungsfeierlichkeiten, Eifersuchtsanfälle der Ballerina, aber auch der späteren Zarin „Alix“ von Hessen-Darmstadt. Dabei scheint die Tänzerin die freie, wahre Liebe zu symbolisieren, die dem Zaren verwehrt ist, die deutsche Prinzessin aber die den Mächtigen knechtende Staatsräson.

Der junge Herrscher im Bann romantischer Gefühle, das lenkt ab von dem politischen Versagen des späten Zarenreichs. Vielleicht bekam Utschitel deshalb für sein Projekt Geld vom Staat. Doch da der Film den späteren Heiligen in erotischen Turbulenzen schildert, fühlen sich manche verletzt in ihren religiösen Gefühlen, die seit 2013 strafrechtlich geschützt werden. Die Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja hat sich zu ihrer Sprecherin gemacht und versucht, mit Eingaben an die Staatsanwaltschaft zu erreichen, dass Utschitels „blasphemischer“ Film verboten werde. Poklonskaja wird unterstützt vom orthodoxen Schlägertrupp „Sorok sorokov“, der in Moskau gern Gegner von Kirchenneubauten einschüchtert.

Eine radikale Zelle namens „Christlicher Staat“ kündigte an, dass, sollte „Matilda“ gezeigt werden, Kinos Feuer fangen, vielleicht sogar Menschen zu Schaden kommen würden. Nach mehreren Brandanschlägen, bei denen man Briefe mit der Aufschrift „Brennen für Matilda“ fand, nahm die Polizei den Anführer des „Christlichen Staates“, Alexander Kalinin, fest. Der früher drogenabhängige Kalinin behauptet, auch die Bombendrohungen seien eine Folge von „Matilda“. Kalinin, der bei einer Nahtoderfahrung mit Jesus Christus Zwiesprache gehalten haben will, wünscht sich einen streng orthodoxen Staat nach iranischem Modell.

Umso beunruhigender, dass Patriarch Kyrill zu den Anschlägen im Namen des Glaubens schweige, findet der Publizist Kirill Rogow. Das erwecke den Eindruck, er unterstütze sie. Der Vorsitzende des kirchlichen Synodalrates, Wladimir Legoida, erklärte, Gewaltakte könnten prinzipiell nicht von Gläubigen ausgehen. Damit mache Legoida implizit die Produzenten des Filmss für die Attentate verantwortlich, entrüstet sich die Journalistin Julia Latynina, die nach mehreren Anschlägen auf sich und ihre Eltern Russland verlassen hat. Latynina findet, schon die fromme Wut auf einen Kinofilm erinnere an die iranische Revolution, etwa an den Brandanschlag im Kino „Rex“ in Abadan 1978, bei dem Hunderte Menschen zu Tode kamen.

Ein Putin-Machtwort, das allein die „Matilda“-Gegner bremsen könnte, bleibt aus. Also giftet Poklonskaja gegen Utschitel, er solle mit dem Staatsgeld, das er bekommen habe, doch seine amerikanischen Freunde zur Premiere einladen, und warnt über Facebook, „Matilda“ könnte ein Massaker wie in Las Vegas verursachen. Etliche russische Kinobetreiber wollen den Film aus Sicherheitsgründen nicht zeigen. In den nordkaukasischen Republiken Tschetschenien, Dagestan, Inguschetien wird er gar nicht ausgestrahlt. In Moskau fanden schon Gebetsprozessionen gegen „Matilda“ statt, in einigen Kirchen kann man Fürbitten gegen den Film kaufen.

Die russischen Machthaber formulieren ihre Ideologie selbst und honorieren passive Unterstützung, weiß Alexander Baunow vom Moskauer Carnegie-Zentrum. Dabei könnten sie freilich zu Geiseln ihrer eigenen Ideen werden; wenn nämlich Basisbewegungen, die die patriotische Begeisterung für die vorgegebenen spirituellen Werte übertreiben, wichtige Alliierte des Kremls auf ihre Seite ziehen. Im Konflikt um „Matilda“ scheint das der Fall zu sein. Soeben meldete sich der neobyzantinisch-imperial gesinnte Bischof Tichon zu Wort, der den Kulturrat des Patriarchats leitet und als Beichtvater von Präsident Putin sowie etlicher hochgestellter Geheimdienstler gilt. Der erzkonservative Tichon soll planen, die Reliquienverehrung des letzten Zaren zum Staatskult zu erheben. Jetzt kündigte er an, die Kirche werde den Unwahrheiten, die „Matilda“ über Nikolai verbreite, entgegentreten, insbesondere der Insinuation, das Verhältnis zu seiner Frau sei nicht von reinster Liebe und Treue erfüllt gewesen. Schon schmücken Moskau Tafeln mit Briefzitaten des letzten Zarenpaars.

Für Kirchenlehrer wie Tichon ist Heiligkeit der Erfolgmaßstab des Menschenlebens. Die für das Land verhängnisvolle Politik von Nikolai II. scheint aus dieser Sicht egal. Tichon, selbst ein professioneller Filmregisseur, will „Matilda“ nicht verbieten lassen, findet es aber schlimm, dass Russlands Kinoindustrie zum hundertsten Jahrestag des Staatsstreichs nur diesen Film hervorgebracht habe. Der Seelenhirte, der die Proteste gegen „Matilda“ gut versteht, äußert immerhin den frommen Wunsch, sie mögen „gesetzeskonform“ bleiben.

Trailer
„Mathilde“
© AP, kinostar
Quelle: F.A.Z.
Kerstin Holm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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