„Gladbeck“ in der ARD

Wir schalten live zur Geiselnahme!

Von Ursula Scheer
 - 17:30

Wer vor dreißig Jahren in der alten Bundesrepublik lebte, Fernsehen schaute oder Zeitung las, dem stehen immer noch Bilder vor Augen, sobald das Wort fällt: Gladbeck. Die Bilder zeigen den starren Blick einer jungen Frau, der ein Verbrecher eine Pistole an den Hals drückt: Silke Bischoff. Sie zeigen einen halbwüchsigen Jungen, wie er schützend die Arme um seine kleine Schwester legt, und denselben Jungen, in seinem eigenen Blut auf dem Boden liegend: Emanuele De Giorgi. Sie zeigen Geiselnehmer, die sich nach einem Bankraub auf Irrfahrt durch Deutschlands Nordwesten befinden, zeitweise dreißig Menschen in der Gewalt haben und ihre Skrupellosigkeit genussvoll inszenieren: Grinsend posiert Dieter Degowski mit Waffe. Hans-Jürgen Rösner schiebt sich den Lauf seiner Pistole in den Mund.

Und die Bilder zeigen diejenigen, die den Schwerkriminellen in jenen drei Augusttagen des Jahres 1988 eine Bühne bereiteten: Reporter, Fotografen und Kameraleute drängen sich in deutschen Innenstädten um drei von der Polizei verfolgte Verbrecher – die Bankräuber und Rösners Freundin Marion Löblich – sowie ihre Opfer. Es geht live auf Sendung. „Wie fühlen Sie sich mit der Pistole am Hals?“, fragt ein Journalist Silke Bischoff.

Wenige Stunde später ist die Achtzehnjährige tot, getroffen von einer Kugel Rösners. Degowski erschießt Emanuele De Giorgi, ein Polizist verunglückt bei der Verfolgungsjagd tödlich. Das Geiseldrama endet in einer Schießerei auf der Autobahn. Die Polizei versagt vollständig. Der Journalismus leistet einen Offenbarungseid. Gladbeck markiert den Tiefpunkt medialer Berichterstattung in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Versteckt unter einer Halde medialer Überdeterminierung

Drei Jahrzehnte danach zeichnet ein Fernsehfilm im Ersten 56 Stunden der Angst minutiös nach. Der Zweiteiler „Gladbeck“ ruft die Bilder wieder auf. Er muss es tun – und folgt doch dem Gegenteil des Impulses, der die Pressemeute damals in einen, wie Beteiligte es später euphemistisch nannten, „kollektiven Rausch“ versetzte. Kilian Riedhof hat als Regisseur mit „Der Fall Barschel“ schon 2016 gezeigt, dass er es meisterhaft versteht, jenseits aller Sensationslust, mit den Mitteln des Spielfilms, aber auf Grundlage detaillierter Faktenkenntnis, einen Abgrund auszuleuchten, der unter einer Halde medialer Überdeterminierung begraben liegt. Mit „Gladbeck“ kehrt er in die achtziger Jahre zurück. Seine Inszenierung des Drehbuchs von Holger Karsten Schmidt, an dem Riedhof mitarbeitete, ist Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit, vor allem aber Fernsehen, dass den Zuschauer von der ersten bis zur letzten quälenden Minute gefangen nimmt.

Riedhof und Schmidt biedern sich nicht ans Krimigenre an. Sie fragen nicht nach der Motivation der Täter. Niemals erzählen sie aus deren Perspektive. Sollen die Gangster vor den Presseleuten über ihre traurige Kindheit schwadronieren – hier geht es um Taten, auf die andere reagieren, immer wieder falsch reagieren, und um Menschen, die deshalb einen sinnlosen Tod sterben.

Wir verfolgen das Geschehen aus größter Nähe und aus der Distanz: aus den Blickwinkeln von Zeugen, Polizisten, Geiseln und Reportern vor Ort, und von den Positionen wechselnder Einsatzleitungen aus, die in ihren Büros eine Krisensitzung nach der anderen abhalten, sich an Dienstverordnungen klammern und eingebunkert bleiben in der eigenen Entscheidungsunfähigkeit.

Dabei hätte in der Bank in Gladbeck schon Schluss sein können. Kaum hatten zwei Maskierte sich Zutritt verschafft und die beiden Angestellten zur Herausgabe von gut hunderttausend Mark Beute gezwungen, da waren sie auch schon aufgeflogen. Ein Arzt auf dem Weg zur Praxis hatte sie gesehen und die Polizei alarmiert. Und wären die beiden ausgesandten Beamten nicht so unfassbar naiv gewesen zu glauben, die Bankfiliale hätte rundherum Oberlichter und die Räuber könnten sie nicht sehen, hätten die Polizisten sich nicht vor die Glasfront gestellt wie ins Schaufenster, wäre aus dem Raubüberfall wohl keine Geiselnahme geworden. So tritt das erste Ermittlungsdebakel eine Kaskade von weiteren los, in denen die staatliche Exekutive die Kontrolle verliert – selbstverschuldet.

Wir befinden uns, auch das zeigt der Film, in einer Zeit, in der Polizisten noch ohne kugelsichere Westen herumliefen, in der nicht allerorten Überwachungskameras hingen, es keine Handys gab und keine Navis, in der Funkverbindungen zusammenbrachen oder Festnetztelefonate geführt wurden, Verfolgung nur gelingen konnte, wenn man Flüchtigen ein verwanztes Auto unterschob, und Beschatten aus der Nähe hieß, dass sich ein Ermittler in Zivil hinter Pfeilern im Parkhaus versteckt und über Mauern späht. Aber das erklärt nicht das Versagen der Polizei, deren Dilettantismus oft atemberaubend ist. Sie versagt, weil keine der Führungspersonen die Verantwortung übernehmen will.

Hans Meiser: „Man kann sie einfach anrufen.“

„Wildwestmethoden!“, schreit Ulrich Noethen als zaudernder Einsatzleiter und erstickt das Plädoyer eines seiner Untergebenen für den Zugriff. Da sind die Bankräuber schon zu Geiselnehmern geworden, die auf ihr Fluchtauto warten. Null Risiko sei die Vorgabe, sagt der Einsatzleiter und bittet Journalisten, keine Ermittlungsstände publik zu machen. Da hat eine der Geiseln längst bei der Presse angerufen, weil die Gangster, von denen man inzwischen weiß, dass Rösner (Sascha Alexander Geršak) ein flüchtiger Häftling ist und Degowski (Alexander Scheer) ein Ex-Häftling mit angeblich sehr niedrigem IQ, Journalisten zu ihrem Sprachrohr machen wollen. Hans Meiser von RTL wählt die Nummer der Bank: „Man kann sie einfach anrufen.“

Von da an pendelt „Gladbeck“ als Thriller zwischen zwei Extremen: der vermeintlichen Kumpelhaftigkeit der Kriminellen und ihrer Gewaltbereitschaft. Gellende Angstschreie zerreißen die angespannte Stille. Mit jeder Minute, die verstreicht – Geršak und Scheer spielen mit großer Dringlichkeit –, gleichen die mit Alkohol und Drogen vollgepumpten Täter tickenden Zeitbomben kurz vor der Explosion. Die Presse, die sich den Kriminellen scheinbar gefahrlos nähern kann, wittert die Story des Jahrzehnts.

Schon der Abzug aus der Bank geschieht unter Blitzlichtgewitter. Es folgt eine Irrfahrt: die Freundin (Marie Rosa Tietjen) abholen, Pause in einer Raststätte, Shoppen in Bremen. Wieder und wieder hätte die Polizei zugreifen können, doch die Leitung winkt ab: zu riskant. Die Bremer Kripo, deren Leiter (Martin Wuttke) Unvermögen verwaltet, duckt sich weg. Als das kriminelle Trio anrufen lässt, will keiner abheben. Eine Verhandlungsgruppe existiert nicht.

In dieses Chaos hinein webt Riedhof kurze Einblicke in den Alltag der späteren Geiseln, die sterben werden. Wir lernen die Großeltern, den Freund und die Freundin von Silke Bischoff (Zsá Zsá Inci Bürkle) kennen und die Familie von Emanuele De Giorgi (Riccardo Campione). Wir sehen, wie es diese Menschen zerreißt, als sie erfahren, was vor aller Augen geschieht. Riedhof montiert Bilder in der Fernsehoptik der Achtziger in den Erzählstrom, als die Kriminellen einen Linienbus kapern und Pressekonferenz halten. Die „Tagesschau“ ist auch dabei. Er verfolgt in Zeitlupe, wie einer, der sich zum Vermittler aufschwingende Fotograf Peter Meyer (Albrecht A. Schuch) für einen Moment vielleicht zur Besinnung kommt – als der Junge angeschossen daliegt. Die Kamera (Armin Franzen) nimmt Udo Röbel (Arnd Klawitter) vom „Kölner Express“ genau in den Blick, der zum Pressepulk rund um das Fluchtauto in der Kölner Innenstadt stößt und in den Wagen der Geiselnehmer steigt. Kein Durchkommen für die Polizei. Man weiß, dass damals auch Frank Plasberg dabei war, er hat selbst darüber gesprochen. Aber das Radiointerview, das er mit Degowski und Rösner führte, existiert nicht mehr, und damit jeder Beweis dafür, dass er vor Ort war. Und so taucht er im Film nicht auf.

Riedhof geht es mit seinem hervorragend besetzen Ensemblefilm ohnehin nicht um einzelne Schuldige, sondern das Ganze. Irgendwo zwischen Innen und Außen, zeigt er, ist schon damals, als Live-Berichterstattung von der Straße als der heißeste Scheiß der Medienbranche galt, etwas verloren gegangen. Die Distanz. Die Verantwortung. Das Bewusstsein dafür, was echt ist und was Show. Der deutsche Staat hat sich nie bei den Hinterbliebenen der Opfer entschuldigt. Die Überlebenden wurden allein gelassen. Der Bremer Innensenator trat zurück, am Pressekodex wurde ein bisschen geschraubt. Rösner und Degowski wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Degowski, der den jungen Emanuele De Giorgi erschoss, ist vor ein paar Tagen aus der Haft entlassen worden.

Man habe aus Gladbeck gelernt, hieß es immer wieder. Haben wir? Was wäre, wenn heute Ähnliches geschähe? Abertausende Handys würden gehoben, um Fotos zu schießen, die digitalen Kanäle würden glühen.

Gladbeck, heute und morgen, 20.15 Uhr im Ersten. Am Mittwoch widmet sich auch die Talkshow von Sandra Maischberger um 22.45 Uhr dem Thema, Donnerstag eine Dokumentation um 21.45 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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