Im Gespräch: Uwe Tellkamp

„Wo es große Tragik gibt, ist das Groteske ganz nahe“

 - 18:08

Als wir uns das erste Mal über die Verfilmung Ihres Romans „Der Turm“ unterhielten, war die erste Klappe noch gar nicht gefallen. Damals sagten Sie, dass Sie sich nicht in die Sache einmischen wollten; Ihr Buch sei das eine, der Film etwas anderes. Nun haben Sie die dreistündige Fernsehfassung gesehen, und Sie scheinen davon tiefer beeindruckt, als ich erwartet hätte. Woran liegt das?

Ich bin auch tiefer beeindruckt, als ich selbst erwartet hatte. Das liegt zunächst am Film. An der Machart, am Verzicht auf knallige Effekte, an etwas, das nach meiner Meinung tiefer geht. Es gibt bei Filmen ja meist Oberflächeneffekte, solche, die effektiv, aber eben nur oberflächlich sind. Darauf hat der Regisseur Christian Schwochow wohltuend verzichtet.

Ich bin auch beeindruckt, wie selbständig die Crew mit dem Stoff umgegangen ist. Das hat dem Film gutgetan. Und mich haben die schauspielerischen Leistungen beeindruckt, die Sensibilität, mit der die Schauspieler agieren. Dass sie sich im Zweifelsfall eher zurücknehmen, statt zu chargieren, und dass sie die Figuren niemals verraten haben. Keine einzige Figur wird für mein Empfinden als Klischee oder als Rampenkasper behandelt. Selbst, was Peter Sodann aus einer Figur wie dem Bezirks-Parteisekretär Barsano macht, behält seine Würde.

Mich hat in dieser Hinsicht der Stasi-Spitzel begeistert...

Ja, der ist sehr beeindruckend.

... der bei Ihnen im Roman nur durch Dialoge auftritt.

Er kommt eigentlich im Buch gar nicht vor.

Er ist im Buch nur als Stimme präsent, vielleicht auch in Form vieler Stimmen. Und plötzlich steht er auf dem Bildschirm vor einem: eine durchaus nicht unsympathische Erscheinung, und doch ist die Bedrohung, die von ihm ausgeht, sofort da.

Ja, zumal die üblichen Film- oder auch Textproduktionen in ähnlichen Fällen dazu neigen, doch wieder in dumpfe Klischees abzugleiten, aus solchen Figuren Hanswürste zu machen. Das jedoch verfehlte das Ganze. Die Stasi war eine ganze Menge, aber dumm war sie nun gerade leider nicht. Sie pflegte eine andere Perfidie, obwohl es unter ihren Mitarbeitern auch eine Dumpfmasse gab. Aber die Stasi hat schnell gesehen, dass sie mit ihrer üblichen Klientel in Fällen, wo es um Ärzte oder andere intellektuelle Berufsgruppen ging, nicht weit kam.

In Ihrer Stellungnahme nach der ersten Sichtung meinten Sie, der Film habe Klischees vermieden, die im Buch noch vorhanden waren. Wie ist das zu verstehen?

Das Buch hat Schwächen. Ich bin der Letzte, der das abstreitet, obwohl es auch Stimmen gibt, die mir da widersprechen. Es ist trotzdem so: Der Roman hat Schwächen angesichts dessen, was der Film nun leistet, insbesondere bei den beiden Hauptfiguren, dem Arzt Richard Hoffmann und seiner Frau Anne. Ich finde, dass im Buch die Entwicklung der Anne, etwas plakativ gesprochen, vom Hausmütterchen zur Bürgerrechtlerin zu kurz kommt.

Er ist vielleicht nicht nur behauptet, aber das Ganze wird doch bloß angedeutet, im Vorübergleiten, und nicht wirklich ausgiebig gezeigt. Bei Richard ist es ähnlich: Das ist die Figur, die mir nach dem Roman noch am meisten Nachdenken bereitet hat, und jetzt, wo ich an der Fortschreibung des „Turms“ arbeite, weiß ich: Da muss ich noch was tun, um ihm gerechter zu werden, denn solch einem Mann wird man nicht gerecht, wenn man ihn nur als Ehebrecher oder zweifelhaften Charakter schildert. So einen Oberarzt in der DDR, der kannte gerade in den kleineren Städten Hinz und Kunz, und diese Ärzte haben unendlich viel getan für das Gesundheitswesen.

Tun Sie da Ihren eigenen Romanfiguren nicht unrecht? Die Krankenhausszenen finden sich doch auch im Buch, die Vergangenheit von Richard Hoffmann wird eingebaut, und sein Zwiespalt ist spürbar. Ich hatte im Film eher den Eindruck einer großen Demontage dieser Figur. Am Schluss sagt seine Frau zu ihm: „Du bist der egoistischste Mensch, den ich kenne.“ Im Roman dagegen halten Sie in der Schwebe, was aus ihm wird. Der Film ist entschiedener im Urteil, das er über Richard fällt: Er wird demontiert, während Anne aufgebaut wird - und das tatsächlich mehr als im Buch.

Die Darstellerin der Anne, Claudia Michelsen, hat mir extrem gut gefallen. Sie hat hervorragend gespielt. Aber was Sie zu Richard sagen, macht mich nachdenklich. Ich muss aufpassen, dass ich in meiner eigenen Arbeit jetzt nicht unter einer Einfärbung durch den Film leide. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich im Falle Richards noch was machen muss - gerade gegenüber seinen Kindern.

Sprechen wir über den Drehbuchautor Thomas Kirchner. Ich finde es unglaublich, was er aus dem Roman alles freigelegt hat. Es gibt viele Szenen, die ich aus dem „Turm“ nicht kannte, die aber absolut schlüssig sind.

Nicht alle Szenen des Films kommen im Buch vor, das stimmt, aber doch die meisten. Viele sind dort allerdings bloß angedeutet oder versteckt. Wenn man sich darauf einlässt, dann glühen sie vielleicht weiter, aber man liest im Roman doch anders, denn bis zur diesbezüglich nächsten wichtigen Szene kommen vielleicht fünf- bis sechshundert Seiten, und die überschwemmen dann die Erinnerung an die ursprüngliche. Ja, Thomas Kirchner - Hut ab! Mir haben bestimmte Dinge auch besser gefallen als bei mir, bestimmte Motivationen, die er in die Handlung bringt.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Das ist schwierig zu sagen, aber nehmen wir die Figur des Armeekameraden mit dem Spitznamen Pfannkuchen, der mit Christian Hoffmann, dem Sohn des Arztes, nach Schwedt ins Militärgefängnis geht. Warum tut er das? Das ist bei mir im Buch nicht drin, allerdings bewusst, weil daraus noch eine Geschichte folgt. Darüber habe ich mit dem Filmregisseur auch gesprochen. In der Fortschreibung zum „Turm“ wird es vermutlich so sein, dass dieser Pfannkuchen geschickt wurde, um Christian beizustehen, denn ein Charakter wie er, einerseits sympathisch, andererseits auch berechnend, der geht niemals freiwillig nach Schwedt mit. Es wird sich später aufklären, warum diese scheinbar schwache Motivierung dasteht, aber der Film hat das jetzt schon gut gelöst.

Die Fortschreibung ist für mich schon unter dem Aspekt interessant, dass der Film ein anderes Ende bietet als Ihr Buch...

Nicht ganz.

Natürlich nicht ganz, aber doch im Erkenntnisprozess, den Christian durchläuft. Man weiß ja zumindest so viel über Ihr Konzept der Fortschreibung des „Turms“, dass Christian darin unmittelbar nach der Wende in Leipzig Medizin studieren wird. In der Verfilmung des „Turms“ geht er nach der Entlassung aus der Armee, als seine Mutter vor der Kaserne auf ihn wartet und ihm den schon verloren geglaubten Studienplatz offeriert, weg und sagt, dass es für ihn Zeit sei, seinen eigenen Weg zu finden. Das passt doch nicht zur von Ihnen vorgesehenen Fortsetzung des Geschehens, die Christian in die feste Bahn des Studiums führt.

Wobei er ja im Film nicht sagt, dass er das Studium nicht aufnehmen wird. Aber auch ich war an dieser Stelle sehr verblüfft. Ich hatte mit dem Regisseur Christian Schwochow vor Beginn der Dreharbeiten ein einziges Gespräch, eine Dreiviertelstunde bei Kaffee und Kuchen im Luisenhof. Da hat er mir seine Vorstellung von dem Film geschildert, was er gezwungen sein würde zu tun, denn man kann den dicken Roman natürlich nicht einfach so verfilmen. Und dann hat er mich gefragt, was ich denn für Vorstellungen hätte. Da habe ich ihm verschiedene Entwicklungslinien skizziert, was mir lieb wäre. Die betrafen vor allem Annes Bruder Meno, aber auch Christian, und ich habe den Eindruck, dass Schwochow aus meiner damaligen Erzählung über das, was noch kommen wird, nun schon etwas übernommen hat. Der Film ahnt nämlich Dinge, auf die ich parallel auch gekommen bin.

Was Drehbuchautor und Regisseur da leisten, ist faszinierend. Es wurde schon bemängelt, dass der Schluss zu pathetisch sei, wenn er als letztes Bild einen Zugvogelschwarm zeigt, aber das finde ich nicht. Das passt zur Fortschreibung: Christian wird zwar sein Medizinstudium in Leipzig beginnen, gleichzeitig aber mit einem Freund, der im „Turm“ nur eine winzige Rolle gespielt hat, nach Rumänien gehen. Denn diese bisherige Nebenfigur, Korbinian Krause, ist ein Siebenbürger Sachse, und er besucht mit Christian dort seinen Vater. Christian wird also neben dem Studium ein Vagabundenleben führen. Es macht mir großen Spaß, Dinge zu zeigen, die man üblicherweise nicht miteinander verbinden würde. Das macht auch der Film.

Vom Schluss des Films zum Anfang: Wo bei Ihnen das Familienfest steht, auf dem wir einen großen Teil der Protagonisten kennenlernen, beginnt der Film mit der Vorbereitung von Weihnachten in Familie und Krankenhaus und führt uns zu einer Christmette in die Kirche, so dass hier das Privatdasein der Hoffmanns zugunsten ihres Lebens in der Öffentlichkeit zurückgedrängt wird. Diese Stelle aber erreicht der Roman erst auf Seite 177.

Ja, der Film steigt ganz eigenartig ein - für mich auch ganz überzeugend.

Und sehr komisch. Nun hat man zum Auftakt die Suche mehrerer Turm-Bewohner nach einem möglichst schönen Weihnachtsbaum in einer Schonung, deren Bäume eigentlich für die Prominenz reserviert sind. Das ist herrlich grotesk.

Es ist wie immer: Wo es große Tragik gibt, ist das Groteske ganz nahe. Das sollte man sich als Autor möglichst bewahren: den Sinn für Komik und Groteske und für Humor. Den im Film zu bewahren, war richtig. Wie es auch richtig war, die ganzen Dresdensia entfallen zu lassen.

Das ist in der Tat auffällig: Es gibt zum Auftakt der beiden Folgen jeweils eine Totale des Dresdner Elbpanoramas, im zweiten Teil einen Spaziergang am Fluss, aber das ist es schon an gemeinhin wiedererkennbaren Dresden-Bildern.

Das hebt den Film aus der Begrenzung oder die allzu starke Umarmung durch eine Lokalität heraus. Das gibt ihm - ich will nicht gleich sagen: etwas Universelleres, aber vielleicht doch etwas Gültigeres für das Ganze. Auch das hat mir gefallen.

Die Fragen stellte Andreas Platthaus.

„Der Turm“ läuft am 3. und 4. Oktober im Ersten, jeweils um 20.15 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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