Medien
Unterhaltungsfernsehen

Dann noch viel Spaß beim Rübenziehen mit Jörg Pilawa

Von Oliver Jungen
© dpa, F.A.Z.

Dass Stefan Raabs Abgang das Ende der deutschen Fernsehshow markiert, war bislang eine flotte These von Medienjournalisten. Jetzt darf man sagen: Es ist offiziell. Im Komed-Haus des Kölner Mediaparks, das so aussieht, wie man sich in den neunziger Jahren die Zukunft vorstellte, wurde soeben die Todesurkunde ausgefertigt. Doch dieser nüchterne Tonfall trifft es nicht: Was beim „Großen Showgipfel“, einem renommierten Branchentreff für Fernsehunterhaltungsschaffende, geschehen ist, lässt sich nur als Armageddon bezeichnen.

Dass diese Abrechnung von innen überfällig war, macht nicht weniger verwunderlich, in welcher Schärfe sie erfolgte. Vielleicht hat es damit zu tun, dass das Medienberatungsunternehmen HMR International anstelle von Brainpool - viele Jahre fand der Showgipfel in Stefan Raabs „TV total“-Studio statt - die Produktionsfirma Ufa Show & Factual als Mitausrichter ins Boot geholt hat. Mit der Ufa-Tochter, die zum Fremantle-Media-Universum gehört, ist man ins Herz der Unterhaltungsfinsternis vorgestoßen, schließlich wird hier „Deutschland sucht den Superstar“, „Bauer sucht Frau“ oder „Das Supertalent“ fabriziert. Aber eben deshalb ist man möglicherweise desillusionierter als bei Brainpool, wo man stets Stefan Raab vor Augen hatte oder die auf demselben Gelände produzierte „heute show“. Tatsächlich änderte sich das Konzept des „Showgipfels“ erheblich. Nicht mehr „What’s next“-Beispiele aus aller Welt stehen im Vordergrund (es waren dann doch immer nur dieselben Tanz-, Koch-, Dating- und Würmerwürge-Shows), sondern Keynotes. Außerdem wurde das Treffen unter eine die Aufmerksamkeit bereits milde lenkende Leitfrage gestellt: „Warum ist der Ruf der Fernsehunterhaltung so schlecht?“

„Wer ist der Pfleger und wer der Waran?“

Der Kabarettist Wolfgang Trepper, der die Rolle des Hofnarren innehatte, also ungestraft die Wahrheit sagen durfte, brachte die naheliegende Antwort - weil eben die Fernsehunterhaltung so schlecht ist - als Erster zum Ausdruck. Er schoss in einem halbstündigen Trommelfeuer alles nieder, was sich da täglich auf den Bildschirm schleppt: von Zoosendungen („Man weiß nach zehn Minuten nicht mehr, wer der Pfleger ist und wer der Waran“) über Volksmusikshows („fünf geistig in der Polarnacht lebende Deppen werden auf die Bühne gezerrt und sondern Töne ab“) bis zu Scripted-Reality-Formaten wie „Familien im Brennpunkt“ („Quadrat-Assis machen Fernsehen für Vollidioten“). Das Publikum, also Produzenten und Senderverantwortliche, johlten vor Begeisterung.

Dreimal die Zehn? Wer hat denn da vorgetanzt? Jorge González, Motsi Mabuse und Joachim Llambi (von links) verteilen in der RTL-Show „Lets Dance“ Haltungsnoten.
© dpa, F.A.Z.

Es folgte der Auftritt des Medienjournalisten Hans Hoff, der Treppers emotionale Analyse mit einer Reihe von Überlegungen und Prognosen unterfütterte, von denen eine düsterer war als die andere. Dass immer noch eine riesige Industrie hinter der Fernsehunterhaltung stehe - „ein Teil davon veranstaltet das hier heute“ -, könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieselbe „mausetot“ sei. Auch bei Leichen wüchsen die Fingernägel ja vermeintlich weiter. Der Untergang der Unterhaltung habe viel mit ihrer kompletten Sinnentleerung, unendlichen Vermehrung und völligen Beliebigkeit zu tun. Niemand erwarte heute mehr, dass in Shows wie „Deutschland tanzt“ Einzigartiges geschehen könne. An einer reinen Leistungsschau der lichtverarbeitenden Industrie seien aber zu Recht immer weniger Zuschauer interessiert. Allein der Fußball habe heute noch die Bedeutung, die früher großen Shows zukam. Auch hier: keine einzige Widerrede, dafür viel Zustimmung in der Pause.

Als sollte das apokalyptische Szenario noch einmal mit einem schlagenden Beispiel aus der Praxis belegt werden, zeigte Çagla Menderes vom türkischen Formatehändler Global Agency daraufhin einen Trailer ihres weltweiten Verkaufsschlagers „Shopping Queen“. Was die aus Istanbul eingeflogene Rednerin als Erfolgsformel für Showformate ausgab - einfach zu verstehen und höllisch viel Marketing -, konnte man entgegen der Intention durchaus als handtaschenkonfektionierte Reformulierung der vorangegangenen Infragestellungen verstehen. In einigen Vorträgen wurden dem Fernsehen dann erniedrigende Vorschläge angetragen: eine App-Verkäuferin regte an, noch viel stärker mit App-Verkäufern zusammenzuarbeiten, ein Witzbuchautor, der für seine Bücher über Frankreich Titel mit dem Wort „Merde“ wählt, forderte mehr „intelligent shit“ und das energischere Hofieren von Witzbuchautoren, ein Vertreter der Gamesbranche gab zu, schon lange nicht mehr fernzusehen, aber schlug den Produzenten vor, Shows zu Browserspielen wie „Farmville“ zu entwickeln: Rübenziehen mit Jörg Pilawa um 20.15 Uhr. Er musste dann aber selbst einräumen, dass das mit „Quizduell“ eigentlich schon geschehen sei.

Hatte er nicht einmal gesagt, er wolle nicht für immer und ewig der „Quizonkel“ sein? Oder hat das ein anderer Jörg Pilawa gesagt? „Das ganze Leben ist ein Quiz“, wusste schon Hape Kerkeling. „Und wir sind bloß die Kandidaten.
© ARD/Uwe Ernst, F.A.Z.

Wie aber könnte die Unterhaltung im Fernsehen wieder an Ansehen gewinnen? Es war ein wenig vorhersehbar, dass sich in der Schlussdiskussion alle Hoffnungen auf eine Rückkehr des Unvorhersehbaren richten würden. Kai Blasberg kann leicht mehr Anarchie und Innovation fordern, schließlich ist er Geschäftsführer des kleinen, umtriebigen Senders Tele 5, wo man schon aus finanziellen Gründen Unkonventionelles ausprobiert. Ob witzig kommentierte Trashfilme - eines der Erfolgsformate von Tele 5 - schon die Rettung sind, sei aber dahingestellt. Treffend schien Blasbergs Analyse, dass die Fernsehunterhaltung seit zehn Jahren in einer Endlosschleife gefangen sei und die gegenwärtig zurückkehrenden alten Gameshows - Aufgüsse wie „Das ist Spitze!“ - ganz sicher keinen Ausweg darstellten.

Fernsehen wie im Jahr 1995

Für den Youtuber Dominik Porschen befindet sich Fernsehen gar noch im Jahre 1995. Da sei einfach zu viel Geld im Spiel, das führe dann eben zur fünfzehnten Staffel „DSDS“. Etwas profunder war der Vorschlag von Lisa Gotto (ifs Filmschule Köln), das Fernsehen solle sich ganz auf echte Live-Events (mit Inhalt) konzentrieren und dabei das Risiko des Scheiterns in Kauf nehmen. Die entscheidende Person auf der Bühne aber war Ute Biernat. Wie würde sich die Geschäftsführerin von Ufa Show & Factual positionieren? Sie ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, schob den Schwarzen Peter allerdings den Sendern zu: Inhalte und Innovation wolle „überhaupt niemand haben“, denn es gehe beim Fernsehen „zahlengetrieben“ zu, es fehle jede Bereitschaft zum finanziellen Risiko. So sei man da gelandet, wo man ist: „Was mich am Fernsehen stört, ist der hohe Grad an Perfektionismus. Das ist nicht überraschend, das ist vorhersehbar, das ist alles Shiny Floor, glatt, ausgeleuchtet bis in die letzte Ecke.“

Dass führende Fernsehmacher die eigenen Shows inzwischen als das perfekt inszenierte Nichts bezeichnen, darf aber nicht so verstanden werden, als würde sich hier bald etwas ändern. Dafür ist das System viel zu schwerfällig geworden. Und dafür sind die Quoten selbst der miesesten Unterhaltungssendungen noch viel zu gut. Mit Wolfgang Trepper kann man mit Blick auf deren Zuschauer allenfalls seufzen: „Und die dürfen alle wählen.“

Quelle: F.A.Z.
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