Internetphänomen „My little Pony“

Von netten Ponys und streitbaren Piraten

Von Marie Katharina Wagner
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© Hasbro, F.A.Z.
Drei Ponys, drei Charaktere (von links): Pinkie Pie (die Alberne), Rarity (die Elegante) und Twilight Sparkle (die Magische)

Am Wochenende wird es im niedersächsischen Städtchen Bramsche zu einem Zusammenprall kommen. Ein sogenanntes Internetphänomen wird dort auf die Wirklichkeit treffen, „digital natives“ auf „digitales Prekariat“, gefühlte Netz-Avantgarde auf gelebte Provinz. Im Filmtheater Universum findet der „My Little Pony Marathon“ statt. Eine ganze Nacht lang werden die besten Folgen der Kinderzeichentrickserie „My Little Pony - Friendship is Magic“ (MLP) gezeigt. Im Publikum weren viele erwachsene Männer sitzen und wenige Frauen, die mutmaßlich noch nie ein Pferd gestriegelt haben, aber problemlos eines programmieren können: „bronies“ nennen sie sich, zusammengesetzt aus „bro(ther)“ und „ponies“.

Sie sind Hardcorefans einer Serie, in der großäugige Ponys in einer bonbonbunten Apfelbaumidylle Abenteuer erleben. Gefunden haben sie sich auf der Seite „4chan“, einer Art kreativer (und in weiten Teilen abstoßender) Schmuddelecke des Internets; inzwischen blühen Fanforen und Websites, auf denen „Pony-art“ ausgestellt und über die Serienfiguren diskutiert wird; auf Youtube gibt es mit eigenen Texten und Musik unterlegte Ponyszenen; jemand hat ein Programm geschrieben, mit dem man sich sein eigenes Pony basteln kann. Und an der jüngsten „BronyCon“, wie die Fanveranstaltungen in Amerika heißen, sollen Ende Juni in New Jersey gut viertausend Leute teilgenommen haben.

Fans jenseits des Vorschulalters

Die Hauptfigur in „MLP“ ist das intelligente, aber in sozialen Dingen unbedarfte Einhorn „Twilight Sparkle“. Es wird von einer Mentorin darin angeleitet, Freunde zu finden. Die sind alle ganz unterschiedlich, aber natürlich gerade deshalb liebenswert. In jeder Folge streiten sie sich, um am Ende zu kapieren, dass sie zusammen stärker sind als allein. Die Moral ist einfach: Freundschaft ist gut, Anderssein auch.

Mitte der achtziger Jahre brachte der amerikanische Spielzeughersteller Hasbro die Ponys zunächst als barbieähnliche Plastikpferdchen auf den Markt; 1986 wurde die zugehörige Zeichentrickserie lanciert. Doch erst die aktuelle, vierte Ponygeneration „Equestria“ und die dazu passende Staffel „My little Pony- Friendship is Magic“, die seit Oktober 2010 im amerikanischen Fernsehen und in Deutschland seit September 2011 vormittags auf Nickelodeon läuft, fand ihre Fans auch jenseits des Vorschulalters.

Jedem Pony seine eigene Bedeutung

Für sie ist „MLP“ weit mehr als eine Zeichentrickserie: ein ganzer Bedeutungskosmos verbirgt sich für sie in den Tierchen, jedes einzelne steht (dies allerdings auch offiziell) für einen Charakter und eine Stimmung, die gesamte Serie gilt als Inbegriff von Harmonie, als Gegenstück der „Shitstormkultur“ im Netz. Wohl auch deshalb ist sie bei vielen Mitgliedern der Piratenpartei beliebt, vor allem im Berliner Landesverband, der als besonders streitlustig gilt. Dort haben die „bronies“ „My little Pony“ sogar in der Geschäftsordnung untergebracht: Auf Parteitagen kann die Tagesordnung mit einer Folge der Serie unterbrochen werden, wenn, wie so oft, die Stimmung angespannt ist. Stephan Urbach, der einerseits Bronie und andererseits Mitglied der Berliner Piratenpartei ist, sagte im April in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“, die Serie „beruhige die Nerven“.

Dieser Teilnehmer der „BronyCon“ in New Jersey will das Einhorn „Flam“ darstellen, das in der Serie als reisender Apfelweinhändler auftrittDieser Teilnehmer der „BronyCon“ in New Jersey will das Einhorn „Flam“ darstellen, das in der Serie als reisender Apfelweinhändler auftritt
Dieser Teilnehmer der „BronyCon“ in New Jersey will das Einhorn „Flam“ darstellen, das in der Serie als reisender Apfelweinhändler auftritt

Phänomene wie der Ponykult werden in Anlehnung an den Evolutionsbiologen Richard Dawkins „Meme“ genannt: Informationen, die durch ihre Weiterverbreitung mit eigener Bedeutung aufgeladen werden. Jedes einzelne Pony ist so ein Meme. Verschickt man ein Bild von „Rainbow Dash“, dem Draufgängerpferdchen, dessen Aufgabe es ist, den Himmel durch hektisches Herumfliegen frei von Wolken zu halten, heißt das, dass man selbst gerade angriffslustig ist. Das schüchterne „Fluttershy“ steht für Zurückhaltung, das bodenständige Bauernpony Applejack für gute Laune.

Ponys im Remix

Zu Memen gehört aber auch, dass sie jederzeit veränderbar sind: auf den Subseiten der Fanforen floriert die Ponypornoszene. Wenn etwas im Netz für die einen Unschuld verkörpert, macht es anderen besonderen Spaß, es in sein perverses Gegenteil zu verkehren. Und während die „bronies“ alles Mögliche in die Ponys hineininterpretieren, geschieht das Gleiche von außen mit ihnen: Das amerikanische Magazin „wired“ schrieb, die „bronies“ seien Ausdruck einer „neo-sincerity“ im Internet - auf einmal könne man sich trauen, ernsthaft über absonderlichen Vorlieben zu reden, anstatt nur ironisch wie früher. Dabei waren echte Nerds schon immer ernsthaft. Womöglich werden sie und ihre Vorlieben nur sichtbarer, weil ihr Selbstbewusstsein steigt.

Mit all seinen Mutationen ist „MLP“ nebenbei ein gutes Beispiel für die „Remix-Kultur“ im Internet, die von Urheberrechtsgegnern gern als Argument für dessen Antiquiertheit angeführt wird. Dahinter steht der Gedanke, dass es legal sein muss, kulturelle Werke mit eigenen Ideen zu verbrämen und weiterzuverbreiten, weil es dadurch zu einem neuen Werk mit neuem Urheber werde. Stephan Urbach findet daher die Frage berechtigt, wem die Ponys eigentlich gehören. „Gibt es überhaupt noch ein Original?“ fragt er und antwortet sich gleich selbst: „Hasbro hat Pech, denn die Ponys sind jetzt im Internet, und da kommen sie nicht mehr heraus.“ In der Tat kann Hasbro wenig gegen den Ponykult im Netz tun, und warum auch?

Legende um einen Außenseiter

Mit den „bronies“ hat der Konzern ohne sein Zutun eine neue und wachsende Zielgruppe hinzugewonnen, die er nicht einmal mehr bewerben muss. Und obwohl die Fans die Serie illegal im Internet (in Originalversion) sehen und sich ihre eigenen Fanartikel basteln, sammeln sie zugleich mit Leidenschaft die Markenplastikponys. Aus der deutschen Vertretung von Hasbro heißt es, das Unternehmen gehe sehr wohl gegen Urheberrechtsverletzungen vor. Man fordere Youtube und andere Websites auf, die Episoden zu entfernen.

Hasbro muss seine Kunden also einerseits mit Abmahnungen überziehen, will sie aber andererseits nicht verlieren - darum geht man auch auf ihre Wünsche ein. So wie im Fall von „Derpy Hooves“, einem Pony, das schon zum Meme geworden war, als es noch wortlos und mit Silberblick als Statist im Hintergrund stand. Die „bronies“ schlossen das Tier, ein „misfit“ wie sie, sofort ins Herz und gaben ihm den Namen „Derpy Hooves“, was so viel heißt wie „verpeilte Hufe“. Nach der Legende, die in der Szene kursiert, schrieb einer von ihnen an Lauren Faust, die damalige Zeichnerin und Autorin von „Friendship is Magic“, die von den Fans verehrt wird wie ein Popstar. In dem Schreiben bat er sie, Derpy Hooves eine wichtigere Rolle zu geben. So kam es, auch der Name blieb. Hasbro will die Geschichte nicht bestätigen.

Als aber der Tag kam, an dem Derpy Hooves zum ersten Mal sprechen sollte, konnte die Bronywelt es kaum glauben: Das Pony war tollpatschig und dumm, machte alles kaputt, ging den anderen auf die Nerven, war kein selbstbewusster Individualist, sondern bloß trauriger Einzelgänger. Stephan Urbach sagt: „Bei Derpy Hooves hat Hasbro verkackt.“ Offenbar aber gerät auch die Remix-Kultur hier an ihre Grenzen: Eine eigene Serie mit Derpy Hooves als strahlender Underdogheldin erschaffen sich die „bronies“ dann doch nicht. Vielmehr klagen sie das Unternehmen an, die Großartigkeit ihres eigenen Produkts nicht zu kapieren: Hasbro wisse gar nicht um „die Bedeutung der Ponys“, sagt Stephan Urbach. Hasbro reagiert darauf mit einem Satz, der das Kräfteverhältnis wieder geraderückt: Die primäre Zielgruppe seien immer noch Mädchen im Vorschulalter - für sie werde die Serie konzipiert und produziert.

Zum Internetforum 4chan („Not-Safe-For-Work-Link).