Böhmermanns „Reconquista“

Ruhe im Karton?

Von Michael Hanfeld
 - 14:15

Dass der Moderator Jan Böhmermann nicht genug Aufmerksamkeit bekommen kann, vermag man seinen Auftritten anzusehen. Sei es mit seinem Gedicht „Schmähkritik“ auf den türkischen Präsidenten Erdogan, mit dem sich das Hanseatische Oberlandesgericht abschließend in der kommenden Woche befassen wird, oder sei es neuerlich die Aktion „Reconquista Internet“.

Diese hat Jan Böhmermann zunächst in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ bei ZDFneo begonnen und dann im Internet fortgesetzt. Verstehen soll man sie als Reaktion auf das rechtsextreme Netzwerk „Reconquista Germanica“, in dem Leute aktiv sind, die gezielt auf politische Debatten im Internet einwirken, indem sie Andersdenkende massiv und persönlich angreifen und unter Beschuss nehmen. Es handele sich, sagte Böhmermann in seiner Sendung, um „organisierte Volksverhetzungen, gezielte Einschüchterungsversuche und Manipulation mit illegalen Mitteln“. Dem wolle man etwas entgegensetzen und das Netz zurückerobern.

Böhmermanns Mittel der Wahl war es in diesem Zusammenhang, zwei Listen mit Twitter-Accounts zu veröffentlichen. Bei der ersten, auf der sich 196 Adressen finden, soll es sich um Accounts handeln, die an zumindest zwei Aktionen von „Reconquista Germanica“ beteiligt gewesen seien. Bei der zweiten Liste mit insgesamt 1270 Positionen soll es sich um Accounts von Zeitgenossen handeln, die mit „mindestens zehn Accounts des rechten Spektrums“ verbunden seien. Diesen könne man, so die Handlungsanleitung, mit „Liebe und Vernunft“ begegnen oder sie blockieren, damit sie mit den eigenen Accounts nicht mehr Kontakt aufnehmen können.

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Hass im Internet„Neo Magazin Royale“

„Operation ,Ruhe im Karton‘“ heißt das im Ankündigungsvideo. Diese Aktion „Ruhe im Karton“, beziehungsweise „Reconquista Internet“, der sich inzwischen rund 50.000 Menschen angeschlossen haben sollen und die von manchen schon als neue Bürgerrechtsbewegung und wünschenswerter Aktivismus gefeiert wird, wirft einige Fragen auf. Man weiß nämlich nicht, wie die Listen genau zustande gekommen sind. Wen ordnet Böhmermann dem „rechten Spektrum“ zu, wie definiert sich dieses überhaupt, und warum finden sich auf der längeren Liste auch Namen konservativer Publizisten, die man nicht einfach mit Neonazis in einen Topf werfen sollte?

Das hätte zum Beispiel der Journalist Jochen Bittner von der „Zeit“ gerne gewusst: Böhmermanns „erschreckend erfolgreiche Log-in-Aktion“ führe „vor Augen, wie einfach und schnell totalitäre Trends cool werden können: Definiere böses Denken weit und gutes Denken eng und behaupte, es gebe viel, viel mehr Feinde einer besseren Menschheit, als man so glaube. Fertig ist die Diskurserstickung.“ Eine solche wirft Böhmermann auch die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer vor. Sie nennt es „Blockwart-Denke in schlimmster Tradition beider deutschen Diktaturen“ und rät einem Internetnutzer, der sich darüber beklagt, dass sich die Böhmermann-Reconquista-Truppe bei seinem Arbeitgeber gemeldet habe (in denunziatorischer Absicht, wie man annehmen darf), anwaltliche Beratung hinzuzuziehen.

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Reconquista InternetOperation „Ruhe im Karton“

Auf die Frage nach dem Wie und Warum hätte man von Böhmermann und der für das „Neo Magazin Royale“ verantwortlichen Produktionsfirma „Bild- und Tonfabrik“ selbstverständlich gerne ein paar Antworten. Die bekam aber weder der Kollege der „Zeit“, noch bekamen sie bislang andere, und auch auf unsere Anfrage hin hieß es: „Wir äußern uns dazu nicht.“ Das ZDF äußert sich zwar, macht sich aber einen schlanken Fuß. Bei der Vorbereitung der entsprechenden Ausgabe des „Neo Magazin Royale“ sei die Idee, solche Listen zu veröffentlichen, zwar aufgekommen, doch habe man dies abgelehnt, heißt es auf Anfrage. „Wir haben“, sagt der ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler im Gespräch mit der F.A.Z. „mit der Veröffentlichung der Twitter-Listen auf dem privaten Twitter-Account von Herrn Böhmermann nichts zu tun.“ Wie er das finde? „Ich enthalte mich einer Bewertung, das ist Herrn Böhmermanns Privatsache.“

Privatsache ist das freilich nicht. Juristisch mag die feine Unterscheidung zwischen dem, was bei ZDFneo lief, und der – späteren – Veröffentlichung der Listen so gerade noch haltbar sein, inhaltlich folgt das eine aus dem anderen. So leicht sollte sich das ZDF seiner Programmverantwortung nicht entziehen können. Durch Beschwerden, die dem Fernsehrat des Senders vorliegen, wird das sicherlich noch thematisiert. Dem Wesen nach handelt es sich bei der „Operation ,Ruhe im Karton‘“ um nichts anderes als Denunziation. Den „rechten Trollen“ im Netz, die man damit treffen will, spielt diese „Blockwart-Denke“ in die Hände. Und als Satire, auf die sich Böhmermann gern zurückzieht, wenn es eng wird, taugt es auch nicht.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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