Japan schränkt Pressefreiheit ein

Dürfen wir über den Atomunfall in Fukushima noch berichten?

Von Carsten Germis, Tokio
 - 20:00

Es kommt in Tokio sehr selten vor, dass sich die japanische Regierung die Mühe macht, ausländischen Korrespondenten ihre Politik und ihre Gesetze zu erklären. In dieser Woche gab es einen dieser seltenen Momente. „Es hat in der ausländischen Berichterstattung große Sorge gegeben wegen unseres geplanten Gesetzes ,Zum Schutz besonders gekennzeichneter Staatsgeheimnisse‘. Dazu möchten wir Sie informieren“, hieß es. Während im nüchternen Saal eines der Verwaltungsgebäude im Regierungsviertel Kasumigaseki ausländische Journalisten „von Regierungskreisen“ mit bunten Schaubildern erläutert bekamen, warum das Gesetz die Grundrechte auf Presse- und Informationsfreiheit nicht aushebelt, demonstrierten einen Steinwurf entfernt, Tausende vor allem ältere Menschen gegen das Gesetz. Viele fürchten, dass die Regierung von Premierminister Shinzo Abe das Gesetz missbrauchen könnte, unangenehme Informationen zu vertuschen und die Opposition einzuschüchtern – wie es in Japan in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschehen ist.

In Japan sind ältere Menschen bei Protesten nicht nur deswegen so aktiv, weil die Gesellschaft altert. Sie sind auch finanziell unabhängig. Viele Japaner, die die Pläne der Regierung ablehnen, riskieren den Protest nicht. Sie fürchten, in der auf Harmonie und Wohlverhalten ausgerichteten japanischen Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Selten hat es aber seit dem Regierungsantritt des Nationalisten Shinzo Abe so starken Protest der Opposition gegeben wie gegen dieses Gesetz. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Abes regierende Liberaldemokraten (LDP) das Gesetz durchs Parlament peitschten, führte im Oberhaus fast zu einer Keilerei.

Leichte Zugeständnisse an die Kritiker

Unter dem Druck der öffentlichen Meinung hat die Regierung den Kritikern in letzter Minute zwar noch Zugeständnisse gemacht. Bislang sind dies allerdings eher vage Absichtserklärungen. Konkrete Bestimmungen im Gesetz, wie die Regierung kontrolliert und der Schutz der Grundrechte garantiert werden soll, gibt es nicht.

Für Regierungschef Abe ist dieses Gesetz zum Schutz von Staatsgeheimnissen wichtig, weil es ein Eckpunkt seiner Strategie ist, Japan wieder zu einer militärischen Macht in Ostasien zu machen und die in der Verfassung festgeschriebene pazifistische Grundausrichtung des Landes zu ändern. Japan hat seit dieser Woche einen Nationalen Sicherheitsrat wie die Vereinigten Staaten. Abe, der Japan zurück zu alter Größe führen will, hat ihn durchgesetzt. Er will das Gesetz zum Schutz von Staatsgeheimnissen, weil er fürchtet, dass ausländische Mächte ansonsten ihre Informationen nicht mit Tokio teilen.

Gesetze zum Schutz solcher Staatsgeheimnisse gibt es auch in anderen Ländern. Warum reagiert die japanische Gesellschaft trotzdem so emotional? Das liegt zum einen daran, dass das Gesetz die Macht der ohnehin übermächtigen Bürokratie weiter stärkt. Bürokraten legen eigenständig fest, was ein Staatsgeheimnis ist. Auch im letzten Text des Gesetzes hat sich an dieser Ausweitung ihrer Machtfülle nichts geändert. Kein Wunder, dass fast achtzig Prozent der Japaner fürchten, dass Japans Regierung und Verwaltung, die eine lange Tradition haben, Missstände unter die Decke zu kehren, Korruption und Missstände noch stärker vertuschen werden. Und die Strafen für Beamte, die solche Missstände oder Geheimnisse verraten, sind hoch: Bis zu zehn Jahre Haft drohen ihnen, wenn sie Staatsgeheimnisse verraten. Bislang war es höchstens ein Jahr. Nein, sagen Regierungskreise, „es wird künftig nicht mehr Staatsgeheimnisse geben als heute“. Nein, versicherten die Regierungskreise den ausländischen Reportern, „sollte es Zwischenfälle in Atomkraftwerken geben, kann darüber weiter berichtet werden“.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit und der massiven Proteste hat die Regierung den Schutz der Pressefreiheit in dem umstrittenen Gesetz etwas gestärkt. Journalisten, die über Staatsgeheimnisse berichten, sollten ursprünglich mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Jetzt heißt es im neuen Artikel 22, es bleibe straffrei, wenn ein Journalist über Staatsgeheimnisse berichtet – vorausgesetzt er hat diese Informationen nicht auf einem „unzumutbaren“ Weg erhalten. Auch sogenannte „Whistleblower“, die Missstände öffentlich machen, sollen besser geschützt werden.

Demonstranten werden zu Terroristen erklärt

Regierungschef Abe sicherte zudem zu, dass eine Kommission von Experten die Ausführung des Gesetzes überwacht. Diese Experten, heißt es, sollten unabhängig sein. Ernannt werden sie allerdings vom Regierungschef. Das Problem dabei ist: Das alles ist vage und eine Absichtserklärung ohne Festlegung im Gesetz.

Kritiker sehen in dem Gesetz einen Rückfall in die Zeit des Nationalismus der dreißiger Jahre, der Japan in einen Angriffskrieg trieb. Auch damals erließ die Regierung ein Gesetz, um gegen Andersdenkende vorgehen zu können. Am Ende stand die Abschaffung der noch jungen Demokratie. In den liberalen japanischen Medien war die Kritik an Abes Plänen daher in den letzten Wochen fast einhellig. Sorgen um eine Aushöhlung der Demokratie waren zudem von Äußerungen des Generalsekretärs der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP), Shigeru Ishiba, genährt worden, als er Demonstrationen gegen das Gesetz in die Nähe von „terroristischen“ Aktionen stellte.

„Die Taktik des bloßen Dagegen-brüllens ist im Kern nur wenig anders als Akte des Terrorismus“, schrieb Ishiba, ein Vertrauter von Regierungschef Abe, in einem Blog. Die Opposition sah sich in ihrem Verdacht bestätigt, dass die Regierung Abe demokratische Grundfreiheiten beschneiden will. „Ich kann einer Regierung nicht trauen, deren Mitglieder solche Bemerkungen machen“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Sozialdemokraten, Mizuho Fukushima. Abe und seine Liberaldemokraten haben das Gesetz in dieser Woche mit allen möglichen Geschäftsordnungstricks gegen massiven Widerstand durchgesetzt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Germis, Carsten (cag.)
Carsten Germis
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
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