Benghasis Minenräumer auf Arte

Jeder hat nur einen Fehler

Von Anna-Lena Niemann
 - 16:19

Die Haustür ist eine kritische Stelle. Fathi al Sanfaz muss erst einmal die Lage sondieren. Es könnte sein, dass die Tür durch einen dünnen Draht mit einer Sprengfalle verbunden ist. Diesmal ist alles sauber. Fathi und sein Kollege Attia al Maghrebi können ins Haus. Drinnen liegen so viele Trümmer wie draußen, nur die Sicht ist schlechter. Mit den Taschenlampen ihrer Mobiltelefone arbeiten sie sich von Zimmer zu Zimmer vor, schauen unter Teppiche, hinter Türen und in Schränke.

Eine Sprengfalle finden sie in diesem Haus nicht. Dafür entdeckt Attia einen Sprengkopf. Er ist noch scharf. Mit bloßen Händen tragen sie ihn nach draußen, wuchten das Relikt des libyschen Krieges auf die Ladefläche ihres Wagens und bringen es zum alten Universitätsgebäude. Es ist das Hauptquartier der Minenräumer von Benghasi. Eine Gruppe Männer, die freiwillig, nur mit Schaufel und Drahtschneider ausgestattet, die Stadt von den unzähligen Sprengfallen befreien will, welche die Terroristen des „Islamischen Staats“ in Straßen, Häusern und auf den Spielplätzen der Stadt zurückgelassen haben.

Von achtzehn Minenräumern sind noch fünf übrig

Die beiden Minenräumer Fathi und Attia wurden vom Besitzer des Hauses gerufen. Seit zwei Jahren konnte er es nicht betreten. Erst wegen der Terroristen, jetzt, weil es in einer der „verbotenen Zonen“ steht. Erst wenn die Minenräumer hier gewesen sind, wird es freigegeben. Die wichtigen Dokumente, die er in den Zimmern sucht, findet er nicht. Dafür weiß er jetzt, dass sein Haus sauber ist. Die meisten anderen der Stadt sind es nicht.

Als sich die Libyer 2011 gegen ihren Machthaber Muammar al Gaddafi auflehnten, war Benghasi ein Zentrum des Widerstands. Doch was in der Mittelmeerstadt auf den Sturz Gaddafis folgte, war nicht Demokratie, sondern die Terrorherrschaft des „Islamischen Staats“. Als der Filmemacher Osama al Fitori 2016 beginnt, die Minenräumer mit seiner Kamera zu begleiten, ist die Stadt zum Großteil wieder unter dem Kommando des libyschen Militärs. Von ursprünglich achtzehn Minenräumern sind zu Beginn seines Films noch fünf übrig. Am Ende seiner Drehzeit werden es noch weniger sein. „Das ist keine Übung, es ist echt“, sagt Fathi, „und wir müssen alles mit dem bloßen Auge machen.“ Schutzkleidung oder Sprengstoffdetektoren haben die Männer nicht, dafür sei kein Geld da. Mit aufmerksamen Blicken müssen sie ihre Stadt nach Drähten und selbstgebauten Auslösern absuchen, die aussehen, als wären sie Teile der Trümmerlandschaft.

Flüchtiger Moment familiärer Normalität

Der Filmemacher al Fitori, der mittlerweile in Berlin lebt, setzt in seinen Bildern auf die Wirkung bedrückender Nähe. Ganz buchstäblich folgt er seinen Protagonisten auf jedem Schritt, tritt genau dort auf, wo sie ihm sagen, dass es sicher sei. Selbst wo ein Helm sitzen könnte, trägt Attia eine kleine Kamera auf dem Kopf. Sie liefert Bilder von dem Moment, als der Minenräumer, „Allahu akbar“ betend, den Draht einer Sprengfalle durchtrennt, um sie zu entschärfen. Der Zuschauer kann die Lebensgefahr durch die Linse von al Fitoris Kamera nur erahnen, die Beklemmung aber wird physisch spürbar.

Diese Unmittelbarkeit zeichnet den Film aus. Sie ist aber auch seine Schwäche, weil es an Hintergrund fehlt. Wo die Männer herkommen, welches Leben sie vor dem Krieg geführt haben, wie ihre Familien mit ihrer Arbeit als Minenräumer zurechtkommen – all diese Fragen beantwortet der Film nicht. Nur in kurzen Passagen zeigt sich Attia einmal in anderer Rolle: als Vater. Es ist ein flüchtiger Moment familiärer Normalität, als er mit seinen drei Kindern den Zoo von Benghasi besucht. Ein Elefant, ein Pavian und einige Antilopen sind noch da. Auch sie haben den Krieg in dieser Stadt irgendwie überstanden. „In den Tagen meines Zivillebens“, erzählt Attia, sei er auch gerne ans Meer gegangen.

Sein ziviles Leben hat Attia noch nicht wieder, und damit wirft der Film auch die Frage auf, für wen die Familienväter eigentlich ihr Leben riskieren. Osama al Fitori zeigt die Leerstellen, architektonische wie menschliche, einer zerstörten Stadt. Von den einst 600 000 Einwohnern sind viele längst nicht mehr da. Ob und wann sie zurückkehren können, hängt nun an Minenräumern wie Attia. „Sie haben den Tod gesät in den Straßen“, sagt er. „Doch mit Gottes Hilfe werden wir das Leben wieder zurück nach Benghasi bringen.“

Die Minenräumer von Bengasi läuft heute um 22.50 Uhr auf Arte.

Quelle: F.A.Z.
Anna-Lena Niemann
Volontärin.
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