Kameramann Michael Ballhaus

Dieser Blick liebt die Schauspieler

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Herr Ballhaus, Sie sind einer der berühmtesten Kameramänner der Welt. Sie loben einen Preis aus, der ist nach Ihnen benannt. Was muss man können, um diesen Preis zu gewinnen?

Ich muss dazu sagen: Der Preis wurde schon 2001 gegründet. Damals bekam ich einen Lucky Strike Award, der mit 100.000 Mark dotiert war. Ich wollte das Geld nicht behalten und habe es in eine Stiftung umgewandelt. Der Preis wurde einige Jahre lang an der Filmhochschule DFFB verliehen, an den besten Kameramann des Jahrgangs, von einer Jury ausgesucht. Das ging ein paar Jahre sehr gut, aber dann ist der Preis ein wenig ins Hintertreffen geraten. Nun bekam ich das Angebot, den Preis bei First Steps zu verleihen. Das gefällt mir sehr gut – jetzt geht es bei dem Preis um alle Filmhochschulen in Deutschland. Ich musste etwas Geld auftreiben und habe drei Sponsoren gefunden. Die Jury kann nun entscheiden.

Preisverdächtig ist eine Kamera, die...

Ich gehöre nicht der Jury an, die das entscheidet. Aber meine Maximen sind ziemlich klar: Der Kameramann sollte sich sehr genau überlegen, wie er eine Geschichte fotografiert. Jede Geschichte hat ihr eigenes Gesicht. Er sollte darauf achten, dass die Schauspieler richtig fotografiert werden, dass es nicht nur der Kopf ist, sondern auch der Körper, der eine Sprache hat. Dass es um Räume geht, dass es um Bewegung geht. Natürlich ist das Licht sehr wichtig. Es sind auch die Brennweiten wichtig – all diese technischen Dinge. Wer dann einen Film gemacht hat, bei dem man das Gefühl hat, das stimmt alles – dann gibt es diesen Preis.

Sie haben mit vielen Regisseuren gearbeitet. Trotzdem hat man den Eindruck, dass Sie die Filme geprägt haben. Bei Rainer Werner Fassbinder, bei Francis Ford Coppola wie bei Ihrem Lieblingsregisseur Martin Scorsese.

Ich behaupte, dass ich keinen Stil habe. Ich stehe auch dazu, dass jeder Film, den ich gemacht habe, ein bisschen anders aussehen soll. Ich glaube, nach und nach hat sich etwas herausgebildet, das „Ballhaus-Style“ ist. Die 360-Grad-Kamerafahrt ist schon ein Markenzeichen geworden. Aber ich bin der Überzeugung, dass jeder Film eine eigene Sprache haben muss.

Wie haben Sie sich mit den Regisseuren auf die „Sprache“ des Films geeinigt? Schaut man sich die Aufnahmen nach der ersten Einstellung an und sagt dann: Ja, genau so. Oder: Nein, so nicht?

Nein, so simpel ist das nicht (lacht). Man hat eine Vorbereitungszeit, in Amerika sind das zehn Wochen. Man liest das Skript und bespricht sich mit dem Regisseur. Manche Regisseure haben sehr konkrete Vorstellungen, wie etwa Marty Scorsese. Er macht eine „Shot List“: Neben dem Text im Drehbuch steht – close up, medium shot, tracking shot. So bekommt man ein Gefühl für die Bilder und den Schnitt. Das muss man als Kameramann übersetzen, mit dem richtigen Licht und der richtigen Brennweite. Man hat einen großen Spielraum. Aber man muss in diesem Beruf flexibel sein, weil man mit so unterschiedlichen Menschen arbeitet.

Bei Ihnen stehen die Schauspieler im Mittelpunkt. Die berühmte 360-Grad-Fahrt ist kein Selbstzweck, auch da geht es um die Schauspieler – um Margit Carstensen und Karlheinz Böhm in Fassbinders „Martha“, um Michelle Pfeiffer in „Die fabelhaften Baker Boys“.

Wie Sie vielleicht wissen, bin ich im Theater groß geworden. Ich liebe Schauspieler, auch weil ich weiß, wie schwer der Beruf ist. Ich weiß, dass der Schauspieler viel Aufmerksamkeit und Konzentration von der Kamera braucht. Ist sie vorhanden, merkt der Schauspieler das, und so entsteht ein Vertrauen, das ganz wichtig ist.

Die Schauspieler fassen zu Ihnen Vertrauen, weil Sie wissen, dass wir sie später durch Ihre Augen, Ihre Kamera sehen.

Ja. Und dieser Blick liebt den Schauspieler oder die Schauspielerin und wird sie so vorteilhaft und so der Geschichte gemäß wie möglich ins Bild setzen. Wenn die Schauspieler dieses Vertrauen haben, können sie sich der Kamera öffnen.

Welche Schauspieler haben Sie in diesem Sinne am meisten geliebt?

Leonardo DiCaprio habe ich sehr gemocht, er ist wunderbar. Daniel Day-Lewis ist ein hinreißender Schauspieler. Und bei den Damen? Da waren es Meryl Streep und Winona Ryder. Und Michelle Pfeiffer natürlich.

Denken Schauspieler nicht permanent an ihre Schokoladenseite?

Ja, das gibt es. Vor allem bei Schauspielern, die nicht ganz einfach zu fotografieren sind. Sie spielen sicher auf die weltbekannteste Schauspielerin an (lacht). Sie hat schon eine etwas große Nase. Mit ihr hatte ich bei meinem ersten Film ein bisschen Probleme. Das hatte auch mit ihrem Maskenbildner zu tun, der mich gepiesackt hat. Wir haben es aber ganz gut hingekriegt.

In Ihrem Buch „Bilder im Kopf. Die Geschichte meines Lebens“ kann man die tollsten Geschichten lesen: Regisseure, die durchdrehen, Schauspieler, die sich bekriegen oder (wie John Travolta), sich nur drei Zeilen Text merken können. Wie sind Sie inmitten des Getöses der ruhende Pol geblieben? Gerade bei großen Produktionen.

So etwas entwickelt sich nach und nach. Ich habe in Amerika mit kleinen Filmen angefangen. Auch der erste Film mit Scorsese – „After Hours“ –, war ein Low-Budget-Film, der in vierzig Nächten gedreht werden musste. Was da gefordert war, das konnte ich, dank meiner Zeit mit Fassbinder: in kurzer Zeit sehr schnell sein. Dann hat sich meine Beziehung zu Scorsese herausgebildet. Es wurde mehr und größer, die Produktionen wurden teurer, mit den Filmen wächst die Erfahrung und wächst die Verantwortung. Aber die verteilt sich auf ein Team. Dann lässt der Druck wieder langsam nach.

Sie haben Ihren letzten Film mit Scorsese 2006 gedreht – „Departed“ mit Leonardo DiCaprio und Jack Nicholson. Dann hörten Sie auf. Haben Sie sich dazu Ihrer Augenerkrankung wegen entschlossen oder weil Sie dachten: Das ist der richtige Schlusspunkt.

Meine Augen wurden immer schlechter. Aber sie waren zu diesem Zeitpunkt nicht so schlecht, dass ich nicht mehr weiterarbeiten konnte. Ich wollte meine Arbeit in Amerika nach fünfundzwanzig Jahren mit einem besonderen Film beenden, mit Marty Scorsese. Das war der richtige Zeitpunkt, und das war der richtige Film.

Welcher Ihrer Filme gefällt Ihnen selbst am besten? Wo hat alles gestimmt?

Gestimmt hat es nicht nur bei einem Film. „Age of Innocence“ ist einer meiner Lieblingsfilme. „Die fabelhaften Baker Boys“ mag ich auch sehr – Buch und Regie von Steven Kloves, dem Produzenten. Ich habe den Film in vielen Teilen allein gemacht. Ich war nicht nur für die Bilder und das Licht zuständig, sondern habe auch beim Staging, also der Positionsbestimmung der Schauspieler, mitgearbeitet. Mit diesem Film bin ich sehr glücklich geworden.

An den Film werden sich viele noch erinnern – Michelle Pfeiffer, sich auf dem Flügel räkelnd, Jeff Bridges spielt. Sie wollten nicht mal selbst Regie führen?

Das meinte der Produzent hinterher auch: Das nächste Mal machst du das alleine. Das war nie meine Intention. Und ich bin im Nachhinein sehr froh, dass ich diesen Wechsel nicht gemacht habe. Man kann sich als Kameramann sehr viel mehr auf seinen Beruf konzentrieren.

Bei einem Ihrer Filme – „Good Fellas“ – haben Sie die Dreharbeiten kaum ausgehalten. Warum?

Weil in diesem Film sehr viel Gewalt vorkommt. Und weil ich kein Freund von Gewalt bin. Ich habe diesen Film nur gemacht, weil Marty der Regisseur war. Ich hätte das mit keinem anderen gemacht. Es gab Szenen, die waren einfach bedrückend. Die Stimmung am Set war dementsprechend auch keine sehr entspannte. Der Film ist hervorragend geworden, weil Marty das Sujet so gut kannte. Er ist in Little Italy groß geworden, sein bester Freund war der Sohn eines Mafia-Bosses. Alles an diesem Film war so authentisch, weil er sich auskannte. Er wusste über jede Schuhschnalle und jeden Knopf Bescheid.

Sie sind der deutsche Kameramann, der den Sprung nach Hollywood wirklich geschafft hat. Wie macht man das?

Das macht man gar nicht. Das geschieht. Es geschieht, dass man das Glück hat, mit einem Regisseur etwas zu machen, auf das dann andere aufmerksam werden. Bei mir war es so, dass Marty Scorsese auf mich aufmerksam wurde. Er hat mich gefragt.

Herr Ballhaus, für Sie – Scorsese ist am Telefon. Das könnte aus einem Film stammen.

Das stimmt, ja (lacht). Ich hatte gerade mit dem Regisseur Peter Lilienthal in Portugal gedreht, da klingelte das Telefon: Jemand wolle mich sprechen. Und da war das Marty am Apparat. Ich kriege jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich dran denke. Ich habe ihn dann besucht, zu seinem Geburtstag in Los Angeles. Wir haben lange miteinander gesprochen, und ich hatte sofort das Gefühl, dass ich diesen Mann verehre. Ein Geschenk des Himmels, dass ich mit ihm arbeiten darf. Den Rest kennen Sie.

Schauspieler stellen Gefühle dar, sie spiegeln sich in ihren Gesichtern, Haltungen, Gesten. Die entsprechenden Bilder brauchen Zeit, um zu wirken. Gilt das immer noch?

Der Stil, Filme zu machen, hat sich sehr stark verändert. Die Filme sind sehr viel schneller im Schnitt geworden, es wird sehr viel mehr mit Close-Ups gearbeitet. Das liegt mir nicht. Es gibt außer der Naheinstellung auch noch den Körper, der eine wichtige Rolle spielt.

Ich frage mich, wie Schauspieler und Kameraleute es schaffen, einen authentischen Eindruck zu vermitteln, wenn sie vor grünen Wänden stehen, auf die der Computer später die Bilder beamt.

Die Schauspieler müssen die Atmosphäre verbreiten, als würden sie in einer realen Welt stehen. Ich finde das ziemlich unkünstlerisch. Und ich weiß: Die Schauspieler finden das auch.

Können Sie noch Filme im Kino sehen?

Naheinstellungen kann ich noch erkennen, andere Einstellungen sehe ich nicht mehr deutlich.

Sie haben einen Beruf, in dem es auf das Sehen, auf das Erfassen der Welt durch das Auge ankommt. Laufen Ihre Filme heute vor Ihrem inneren Auge ab?

Ja, zum Teil. Ich habe eine sehr gute Erinnerung an die Arbeit, vor allem an die positiven Dinge. Das läuft ab in meiner Phantasie. Die Bilder sind noch in meinem Kopf. Ich weiß seit 25 Jahren, dass ich den grünen Star habe und dass meine Augen immer schlechter werden. Es gibt jeden Tag sehr schwere Momente. Es ist eine Katastrophe, aber es ist auch eine Erfüllung. Ich habe etwas entdeckt, das mir große Freude macht: die Weltliteratur in Hörbüchern. Ich stelle mir dazu Bilder vor. Und zwar sehr, sehr deutlich. Je besser das Drehbuch, je eindrucksvoller der Sprecher, desto klarer sehe ich die Bilder. Ich könnte bei manchen Büchern die Bilder aufzeichnen. Ich könnte anfangen zu drehen.

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.

Quelle: F.A.Z.
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