„Late Night Berlin“ auf Pro7

So Klaas das alles nicht

Von Axel Weidemann
 - 17:18

Eine Late-Night-Show zu moderieren ist ein bisschen wie Drachentöten. Am Ende wartet der Kitzel des Ruhms und auch ein bisschen Reichtum. Am Anfang steht das Biest. Ihm gilt es gleich zu Beginn voller gut gespieltem Selbstvertrauen direkt ins Auge, heißt die Kameras zu blicken und ihm lächelnd den Kampf anzusagen. Der amerikanische Moderator Steve Allen sagte bei der ersten Übertragung der „Tonight Show“ 1953: „Das ist die ,Tonight Show‘, ich kann noch nicht viel darüber sagen, außer dass dieses Programm niemals enden wird.“ Damit war das Biest besiegt.

Ein anderer tapferer Mann ist am Montagabend angetreten, seinen persönlichen Drachen zu erlegen: Klaas Heufer-Umlauf hat nun bei Pro Sieben seine eigene Late-Night-Show. Sie heißt „Late Night Berlin“, entsteht aber in Potsdam-Babelsberg, „im Tischtennis-Keller von Günther Jauch“. Einer der ersten Sätze des Moderators war der Folgende: „Viele rätseln schon, was schneller weg ist, meine neue Show oder die neue Freundin von Gerhard Schröder.“ Schwäche verzeiht das Biest nicht. Klaas Heufer-Umlauf, der sich immer irgendwie das Image bewahren konnte, gleichzeitig zu gutmütig und zu intelligent für diese Branche zu sein, aber leider nur eben kein anderes Talent zu besitzen, ist erfrischend aufgeregt. Allerdings auf eine Art, die wirkt, als traue er diesem neuen Solo-Experiment selbst noch nicht so ganz.

Er ahnt schon: Sie alle sitzen gerade vor dem Fernseher

Dabei tut es gut, dass endlich mal einer da vorne steht, der nicht die unantastbare Überlegenheit von Harald Schmidt, die Ledersofa-Onkelhaftigkeit von Thomas Gottschalk, die ironiefreie Perfektionsgeilheit von Stefan Raab oder die ausgestellte Smartness eines Jan Böhmermann zur Show trägt. Wohl auch, weil er ahnt: Sie alle sitzen gerade vor dem Fernseher. Und als wäre das nicht genug, wollte sich einer, Jan Böhmermann, wieder mal nicht die Show stehlen lassen und bugsierte sich zumindest via Reklameauftritt in die letzte Werbeunterbrechung.

Das Studio jedenfalls ist gleichzeitig spektakulär und auf eine unangestrengte Art gediegen. Dunkler Hintergrund, Holztisch mit Glaselementen, brauner Ledersessel für die Gäste, nur etwas zu viel Licht, das war’s. Allein die durch wirklich jedes Bild huschenden Lettern des Show-Logos auf farbloser Wischtechnik-Animation bringen eine ziemliche Unruhe auf den Schirm. Zwischenzeitlich sieht es aus, als hätte man alle Farben eines Tuschkastens in einer lumineszenten Buchstabensuppe aufgelöst.

Zum Warmwerden, Witze über Kim Jong-un und Donald Trump

Ansonsten Late-Night-Nostalgie: Es gibt den Sidekick und Stichwortgeber, Show-Produzent Jakob Lundt, die Showband besteht praktischerweise aus denselben Jungs, die auch in der Band des Moderators, „Gloria“, spielen, und als Gast hat sich Anne Will zum Bruderkuss angesagt. Was soll da schon schiefgehen? Wenn da nur nicht diese Sache mit dem Humor wäre. Denn so platt sie mitunter auch sein mögen: Gags für diese Sendung zu schreiben ist mit einem gewissen Anspruch verbunden. Es dürfte einer der härtesten Jobs sein, die es im deutschen Fernsehen gibt. Bei mieser Bezahlung. Jan Böhmermann hat es mit dem Publikum von ZDFneo leichter. Das ist ja wahnsinnig aufgeklärt und „meta“. Seinen Zuschauern kann er auch mal was zumuten. Selbst wenn sie es nicht verstehen, tun sie hinterher einfach so und sind dankbar. Doch die hier oft etwas sehr aufgesagten Late-Night-Gags müssen das unübersichtliche Mischpublikum von Pro Sieben überzeugen.

Zum Warmwerden gibt es internationale Politik, Frisuren-Witze über Kim Jong-un und Donald Trump, dann Deutschland nach der Regierungsbildung. Brennend aktuell ist kaum etwas, das Timing mitunter vergaloppiert. Man spürt förmlich, wie angespannt Heufer-Umlauf ist. Er lächelt alles professionell weg und wirkt trotz Anzug auf sympathische Art hemdsärmlig. Immerhin, die Lesekrise greift er schwungvoll auf, indem er ein schlagendes Argument für E-Book-Reader vorbringt: „Dank dem Kindle können Nazis jetzt tausend Bücher auf einmal verbrennen.“

Im obligatorischen Einspiel-Filmchen entwerfen und sprechen Laien Dialoge von Bundespolitikern, wie sie vor, während und nach den Koalitionsverhandlungen stattgefunden haben könnten. Die Politiker werden von Heufer-Umlauf (Martin Schulz) und seinen Leuten gespielt, die die Lippen zum improvisierten Text der Laien bewegen. Heinz Strunk gibt den Bundespräsidenten. Das funktioniert besser, als es sich liest. Und Anne Will, die in ihrem Leben schon mehr Drachen erlegt hat als die ganzen jungen Moderatoren-Männer zusammen, macht dann auch frisch, fromm, fröhlich, frei mit. Hier ist man fast schon dankbar, dass weniger als drei Menschen sich einfach mal länger als zwei Minuten am Stück hinreichend ernst miteinander unterhalten. Das kennt man ja sonst nur noch aus den dritten Programmen. Zu behaupten, Heufer-Umlauf habe das Biest an diesem Montag erlegt, wäre übertrieben. Aber immerhin hat der Ex-Kanzler ja auch noch seine Freundin. Es ist also noch Zeit.

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Fernsehtrailer„Late Night Berlin“

Late Night Berlin läuft montags um 23 Uhr bei Pro Sieben.

Quelle: F.A.Z.
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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