ARD-Show „Ratzkes Rendezvous“

Streichelzoo für Promis

Von Oliver Jungen
 - 20:32

„Ich krieg bald Rente und muss das immer noch machen“: Das wäre doch ein gutes Generalmotto für unsere öffentlich-rechtliche Unterhaltung. Der Satz stammt von der unvergleichlichen Katharina Thalbach, die in der neuen Late-Night-Show im Ersten wieder einmal zur Brausepulver-Abschleckerei gebeten wird, wie das seit 1979, dem Jahr von Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“- Verfilmung mit der Thalbach als Sexbombe Maria, als lustiger Einfall gilt.

Dass Harald Schmidts entsprechende Late-Night-Brause-Aktion à la littérature mit Oliver Pochers Exfreundin aus dem Jahre 2009 an Ironie und Frechheit kaum zu übertreffen ist, muss man gar nicht wissen, um festzustellen: Hier prickelt jedenfalls wenig. Solange der charmante Sven Ratzke im Spiegelzelt der Berliner „Bar jeder Vernunft“ mit seinen Gästen, die zufällig alle etwas zu bewerben haben, nur plaudert, handelt es sich um Sesselentertainment auf ganz kleiner Flamme. Keksvorlieben, Lampenfieber, Liebesszenen, Was-fasziniert-dich-an-deinen-Rollen, Wie-wichtig-ist-die-Familie, Welches-Tier-würdest-du-gerne-sein: Da würde wahrscheinlich der Sessel spannendere Fragen stellen, wenn man ihn ließe. Und so resolut der Moderator auch „Dit is Berlin“ ruft, kommt einem Berlin hier wohl kaum in den Sinn. Eher schon würde man vielleicht ans Saarland denken, produziert wird „Ratzkes Rendezvous“ schließlich auch vom Saarländischen Rundfunk.

Ganz anders wirkt alles, sobald Ratzke, der nicht nur aussieht wie eine androgyne Ausgabe von Rod Stewart, seine burlesken Gesangseinlagen anstimmt, etwa eine extrem entschleunigte Version von David Bowies „Heroes“ als gefühlsintensive Klavierballade. Da zeigt der deutsch-niederländische Künstler, was er draufhat und warum er als Glamour-Chansonnier so erfolgreich ist. Seine Bowie-Show „Starman“ ist geradezu legendär. Vielleicht sollte auch in seiner ziemlich konzeptlos wirkenden Fernsehsendung in Zukunft einfach nur noch gesungen werden.

Wenn es aber schon das alte Frage-Antwort-Spiel sein muss, dann doch bitte ein bisschen flotter und frecher. So gern man diesen netten, leicht hampeligen Typen als Nachbar hätte, im Fernsehen wie beim Rendezvous ist aufgedrehtes Anhimmeln („Ihr Verrückten, Ihr Tollen“; „Du bist meine Heldin“; „Du bist mein Hero“) kein probater Ersatz für Schlagfertigkeit. Das fällt nicht ganz so ins Gewicht, wenn da Katharina Thalbach oder, wie in der zweiten Ausgabe, Meret Becker sitzen, die selbst dann hinreißend sind, wenn sie sich selbst moderieren müssen. Und dass endlich einmal die Rucola-Epidemien und Crema-di-Balsamico-Fluten des Fingerfood-Zeitalters abgewatscht werden – „vollkommen lächerlich“, findet Katharina Thalbach –, war auch überfällig.

Spätestens mit dem Auftritt des singenden Schauspielers Gustav Peter Wöhler („Ich spiele eigentlich immer fiese Rollen“) sinkt der Interessantheitslevel aber unter Normalnull. Da sortiert sich dann auch der schauspielernde Sänger Marius Müller-Westernhagen („the coolest guy in town“) ein, der eigentlich nur seine Tour vermarkten möchte, aber noch zwei, drei müde Sätze über das Altern auf der Pfanne hat: „Je älter du wirst, die Regenerationsphasen werden länger.“ Gilt wohl auch für das Fernsehprogramm.

Bevor ihm die missratene Sendung komplett unter den Fingern zerbröselt, greift sich Ratzke, an dem rhetorisch kein Moderator verlorengegangen ist, das Mikro und intoniert mit Wöhler „Perfect Day“ von Lou Reed. Das wiederum perfekt, obwohl Westernhagen nicht mitsingen darf. Für eine Late-Night-Show ist das eindeutig zu wenig. Ein wie nebenbei hervorgepurzelter Satz mag erklären, warum wir überhaupt mit einem derart witzlosen Promistreicheln behelligt werden: „Zahlt alles die ARD.“ Etwas mehr Knauserigkeit wäre manchmal ganz gut.

Ratzkes Rendezvous läuft jeweils am Donnerstag, um 23.30 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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