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Berichterstattung zu Las Vegas

Was verbindet die Vereinigten Staaten?

Von Nina Rehfeld, Phoenix
 - 20:12
Trauer nach dem Attentat: Passanten gedenken am „Strip“ der Toten von Las Vegas. Bild: REX/Shutterstock, F.A.Z.

Erschütterte Reporter, Augenzeugenberichte, schreckliche Handyvideos: Einmal mehr muss sich die amerikanische Nation eine Massenschießerei vergegenwärtigen, einmal mehr ringen Politiker um die richtigen Worte, einmal mehr müssen die Medien einen Umgang damit finden.

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Eine Frage, die sich der gespaltenen Nation stellt, ist, wann und inwiefern diese schlimmste Massenschießerei in der Geschichte Amerikas zum Politikum gemacht werden darf. Nach den leider zahlreichen vorangegangenen Massakern ertönte auf der einen Seite der Ruf nach schärferen Waffengesetzen, auf der anderen Seite nach mehr bewaffneten Bürgern. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen wurden zum hohlen Ritual, das die politischen Gräben bloß noch vertiefte. Vielleicht auch deshalb gerät die Debatte im direkten Nachhall von Las Vegas etwas anders. Der Wunsch nach Zusammenhalt wird spürbar.

Bei CNN wurde die Hoffnung geäußert, das Entsetzen über dieses Blutbad möge das Land einen. John King, der Inlands-Chefkorrespondent des Senders, bezeichnete die Stellungnahmen von Donald Trump zu Las Vegas („Unsere Liebe definiert uns heute und für immer, und was uns verbindet, kann nicht durch Gewalt zerrissen werden“) als „perfekt“. Er lobte den Präsidenten dafür, das Land einen zu wollen. CNN gilt als Hochburg der Trump-Kritiker in der amerikanischen Medienlandschaft, der Präsident benennt den Sender regelmäßig als vermeintliche Quelle von Fake News.

Die „Washington Post“ bemerkte, es gebe eine richtige und eine falsche Form der Politisierung – die Schuldzuweisung ans jeweils andere politische Lager sei in jedem Fall die falsche. Nach einem solchen Massaker nach Motiven zu fragen sei normal, ebenso wie der Versuch, die Weltanschauung des Täters zu ergründen. Aber es müssten auch andere Ursachen in Erwägung gezogen werden. Dagegen sei es durchaus angebracht zu diskutieren, wie solche Massaker in Zukunft zu verhindern seien. Die „Post“ plädierte dafür, Massenschießereien und Waffengewalt getrennt, aber als zusammenhängende Themen zu debattieren. Neben die Forderung, Zugang zu Waffen zu erschweren, müsse die Diskussion über die Erforschung von Massenmorden, bessere Zugriffsmöglichkeiten der Polizei und die schlechte Versorgung von psychisch Kranken treten.

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Massaker sind „Anomalien“

Auch die „New York Times“ schlägt moderierende Töne an. Zwar schrieb der Kolumnist Nicholas Kristof: „Was wir jetzt vor allem brauchen, ist keine Trauer, sondern Maßnahmen, die den Preis der Waffenwut in Amerika senken.“ Es reiche nicht, Flaggen auf Halbmast zu setzen und Schweigeminuten abzuhalten. Seit 1970 seien in den Vereinigten Staaten mehr Menschen durch Schusswaffengebrauch zu Tode gekommen als in allen Kriegen seit der Amerikanischen Revolution. Allerdings wies Kristof auch darauf hin, dass Massaker wie das von Las Vegas „Anomalien“ seien – die meisten Toten gebe es durch Morde und Suizide. Er fordert, den persönlichen Hintergrund von Waffenbesitzern genauer zu überprüfen, ein Mindestalter für Waffenbesitz im ganzen Land einzuführen und für einen besseren Schutz vor Unfällen mit Schusswaffen zu sorgen.

Im Fernsehen lief eine Endlosschleife von Handyvideos, die Menschen zeigen, die vom Ort des Anschlags fliehen. Augenzeugen berichteten vom Horror der Schießerei, aber auch von „hoffnungsvollen Szenen“. Menschen warfen sich schützend über andere, Autofahrer stellten ihre Wagen für den Transport von Verletzten zur Verfügung, Passanten trugen Opfer des Anschlags auf Absperrgittern in Sicherheit. Steve Sisolak, Bevollmächtigter des Clark County, des Bezirks, in dem Las Vegas liegt, sagte bei CNN, die Reaktionen der Menschen stellten auch die Widerstandsfähigkeit der Stadt unter Beweis. Die Menschen stünden Schlange, um Blut zu spenden, sagte Sisolak. Auf einem Hilfskonto auf Gofundme gingen binnen vier Stunden 684 000 Dollar ein.

Bei Fox News entwickelte sich indes auch eine Diskussion über die „eilige Hinwendung zu parteipolitischen Vorteilsnahmen“. Hillary Clinton hatte zuvor in einem Tweet geschrieben, die Menschen seien vor dem Knall der Schüsse geflüchtet. Nicht auszudenken sei, wie viele Opfer es zu beklagen gäbe, hätte der Täter einen Schalldämpfer benutzt, wie ihn die National Rifle Association leichter verfügbar machen wolle. Unter einem republikanischen Kongress und Weißen Haus sei die Verabschiedung neuer Waffengesetze unwahrscheinlich, hieß es bei Fox News. CNN brachte eine Geschichte über „Waffengesetze, die Mehrheiten in beiden Parteien finden“ – darunter das Verbot, Waffen an psychisch Kranke abzugeben.

Hetzerische, zynische Berichterstattung

Das Rechtsaußen-Portal „Breitbart“ schlug wie gewohnt andere Töne an: „Promis brechen zusammen“ und „Massenhysterie über Waffenkontrolle“ lauteten dort zwei Schlagzeilen zur „Vegas Horror Show“. Die „sozialen“ Medien erwiesen sich einmal mehr als Hort der Verschwörungstheoretiker. Das Magazin „Wired“ warnte vor Fehlinformationen und Fälschungen, auf die sowohl Facebook als auch Google verlinkten. Darunter fand sich eine Story aus dem Universum der Alt-Right, die behauptete, die Polizei habe zunächst den Ehemann der Frau in Verdacht gehabt, die den tatsächlichen Täter begleitet habe. Bei ihr handele es sich vielleicht um eine Muslimin, bei ihrem Mann um einen Trump-Hasser und Fan der linken Fernsehmoderatorin Rachel Maddow. Nun habe die Geschichte eine andere Wendung genommen, und es sei zunächst kein Motiv erkennbar, „auch wenn der Schütze kaum wie der ,White Supremacist‘ wirkt, den die Liberalen sicher herbeibeten.“

„Wired“ verlinkte im Gegenzug auf eine Checkliste des renommierten Poynter Institute, die aufzeigt, wie man derlei falsche und hetzerische Berichte als das identifiziert, was sie sind. Die „Huffington Post“ wies darauf hin, dass Google und Facebook Geschichten Auftrieb gaben, die den Täter als „linksradikalen Irren“ oder als „Samir Al-Hajeed“ bezeichneten. Als die Polizei bekanntgab, dass es sich bei dem Täter um den 64 Jahre alten pensionierten Buchhalter Stephen Paddock handelte, wurde dieser von der Alt-Right flugs der Antifa-Bewegung zugeordnet. Der Rat von „Wired“ lautete: „Gehen Sie es langsam an. Vertrauen Sie eher der Umsicht als dem Volumen. Das große Versprechen des Internets ist, Ihnen so viel Information zugänglich zu machen, wie Sie wollen. Seine große Gefahr ist, dass das meiste davon Müll ist.“ Wie man diesen von den Fakten und der Wahrheit trennt, haben die klassischen den „sozialen“ Medien angesichts des Massakers von Las Vegas abermals vorgemacht.

Nach der Tragödie
Tiefe Trauer in Las Vegas
Quelle: F.A.Z.
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