TV-Film „Das Leben danach“

Warum mussten sie sterben?

Von Heike Hupertz
 - 17:47
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24. Juli 2010. Während aus den Lautsprechern des Loveparade-Geländes jenseits des Karl-Lehr-Tunnels „Sweet Dreams“ tönt, stauen sich die Menschen, hauptsächlich Jugendliche, an der gegenüberliegenden Rampe. Gedrängt wird von beiden Seiten. Hunderte, Tausende wollen zur Party, Hunderte wollen nur noch weg. In der aufkommenden Panik stürzen viele zu Boden, andere trampeln in Todesangst über sie hinüber. Manche werden gegen Mauern und Pfähle gedrückt und zerquetscht oder ersticken. 21 Menschen kommen ums Leben, sechshundert werden verletzt, die Zahl der Traumatisierten ist weitaus höher.

Eine Katastrophe, vielfach mit Smartphones gefilmt, eingegangen ins kollektive Gedächtnis, die ohne weiteres vermeidbar gewesen wäre. Wer in Duisburg zum Tunnel in der Nähe des Hauptbahnhofs geht und zur Rampe, an der nun eine Gedenkstätte an den Schrecken und die Opfer erinnert, fragt sich fassungslos, was Veranstalter und Stadt sich bei der Genehmigung des Zu- und Abgangs von Tausenden durch dieses schmale Nadelöhr gedacht haben mögen. Ebenso skandalös ist die Länge der juristischen Aufarbeitung des Ereignisses. Erst im Dezember dieses Jahres soll der Prozess vor der 6.Strafkammer des Landgericht Duisburgs beginnen.

„Komplett irrsinnig“ nennen die Drehbuchautoren Eva und Volker A. Zahn die Erteilung der Genehmigungen angesichts der Sachlage vor Ort. Zusammen mit der Regisseurin Nicole Weegmann haben sie schon den Ausnahmefilm „Ihr könnt euch niemals sicher sein“ über einen labilen Jugendlichen erarbeitet, dessen Umfeld es mit der Angst vor einem möglichen Amoklauf zu tun bekommt. Der Film machte Ludwig Trepte zum Jungstar und wurde vielfach mit Preisen bedacht. Auch bei „Das Leben danach“ werden die Jurys um entsprechende Würdigung schwer herumkommen. Dies ist ein Film der Wut, schmerzhaft genau beobachtet, überragend gespielt, mit Bildern, die durch Alexander Fischerkoesens überscharfe Kamera zum Hinschauen zwingen. Auch wenn man in manchen Szenen lieber die Augen schlösse.

„Das Leben danach“ handelt von den entkommenen Opfern der Loveparade und ihrem Weiterleben neben der Spur. Er gedenkt derer, die, schwer traumatisiert, mit dem Zufall und der Sinnfrage des Überlebens nicht zurechtkamen und sich später das Leben nahmen. Stellvertretend für sie steht der Jugendliche „Pille“. Das Drehbuch der Zahns, dem man die Recherche und die vielen Gespräche mit Betroffenen anmerkt, stellt Antonia Schneider in den Mittelpunkt. Sie kam davon, während der kleine Bruder ihrer besten Freundin Betty (Anna Drexler), der Obhut von Antonia anvertraut, starb. Nachts treibt Antonia durch den Tunnel, zerstört die Gedenkstätte, an der ein Plakat mit der Hilflosigkeitsfrage „Warum?“ lehnt.

Auf der Flucht vor der Polizei trifft sie den Taxifahrer Sascha Reinhardt, der seine Fahrgäste mit Kameraaufnahmen archiviert, im Fond stets Licht brennen hat und behauptet, auch ein Überlebender zu sein. In der Selbsthilfegruppe, deren Teilnehmer noch sieben Jahre danach wie in einer Zeitkapsel feststecken, führt Antonia Sascha vor dem Therapiegruppenleiter Paul (Jakob Diehl) vor. Sascha lügt, aber auch sein Leben ist kaputt. Nach der Loveparade verließ er seine Frau Maria (Charlotte Bohning) und Sohn Jasper (Jeremias Meyer), kündigte als Mathematiker, fährt ziellos herum. Er ist, so stellt sich heraus, ein Schuldiger, ein kleiner Fisch nur, aber auch sein Leben und das seiner Angehörigen ist aus den Fugen.

Weder Antonia noch Sascha sind Sympathieträger. Die junge Frau verhält sich erratisch, ihrer Zerstörungswut entgeht nichts, besonders keine Gefühle der Zuneigung. Erst später enthüllt der Film, was Antonias Panik hervorruft: die Farbe Pink, das Martinshorn, Enge und Nähe, dunkle Räume, viele Menschen an einem Ort. Jella Haase spielt Antonia herausragend, ungeschützt, draufgängerisch, abstoßend und anziehend zugleich, ohne jede Opfer- oder Leidenspose.

Auch Carlo Ljubek als Sascha gelingt ein wuchtig-sensibles Porträt. Mitbetroffene sind auch Antonias Eltern, beeindruckend gespielt von Christina Große und Martin Brambach. Brambach, hier Musiker und Ex-Punk, der durch die Wiederbelebung seiner Band älterer Herren seiner Tochter einen Lichtfunken fürs Weiterleben mitgeben möchte, hat die anrührendste Rolle (und einen denkwürdigen Auftritt als Sänger des Hits „London Calling“ von „The Clash“), Große ist Antonias lässige, warmherzige Sozialpädagoginnen-Stiefmutter, die nach Jahren der Bemühung an ihre Grenzen gerät. „Das Leben danach“ ist großes Fernsehen.

Das Leben danach läuft heute, Mittwoch 27. September, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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