Marcel Reich-Ranicki im Film

Die Quellen seiner Leidenschaft

Von Frank Schirrmacher
 - 16:54
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Am Donnerstag war Marcel Reich-Ranicki in meinem Büro. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Die Umstände aber waren neu. Er hatte offenbar eine ganze Weile mir gegenüber gesessen, ohne dass ich es, vertieft in Google Earth, gemerkt hätte. Ein Reich-Ranicki, den man nicht merkt, ist schon mal was Neues. Ehrlich gestanden, summt, zischt oder murmelt er, wenn ihm die Pausen zu lang werden.

Am Donnerstag war es etwas anders. Hier baute das Schweigen einen gutgelaunten Vorwurf auf. „Was tun Sie für meinen Film?“ - „Herr Reich-Ranicki. Seit wann sind Sie hier? Sie haben mich erschreckt.“ - „Lang genug, um zu sehen, dass Sie überhaupt nichts für meinen Film tun, gar nichts. Alle tun was für meinen Film, alle interessieren sich für mich, nur nicht die Frankfurter Allgemeine. Der ,Spiegel' macht was, der Döpfner macht ein großes Interview mit mir, nur die F.A.Z. weiß nicht, was sie an mir hat. Beckmann wird anderthalb Stunden mit mir reden, und jetzt sitze ich hier, und Sie bemerken mich noch nicht einmal.“ - „Ich habe gerade was zu Ihrem Film gegoogelt.“ - „Sie sollen schreiben und keine Albernheiten machen.“ - „Dann fang' ich so meinen Artikel an, mit diesem Dialog.“ - „Ja, ja und sagen Sie gleich dazu, dass Sie eine ganze Seite schreiben werden und nicht weniger.“ - „Das sieht man ja“. „Sie müssen alles erklären, alles! Machen Sie es den Lesern doch nicht so schwer.“ - „Schweighöfer sieht sehr gut aus in dem Film.“ - „Ja, und? Wollen Sie das kritisieren?“ - „Nein, es gefällt mir.“ - „Haben Sie den Film denn überhaupt gesehen?“ - „Doch schon vor Wochen, Herr Reich-Ranicki.“ - „Und wie gefällt er Ihnen denn nun?“ - „Wie gefällt er Ihnen?“ - „Mein Lieber, ich habe das Schlimmste befürchtet, ich war sicher, es wird ein furchtbarer Film, ich bin voller Angst in den Kinosaal gegangen, es konnte nichts werden . . .“

Nähe des Todes

Die Entfernung zwischen uns und den Ereignissen im Warschauer Getto beträgt fast siebzig Jahre. Wir kreisen darüber wie historische Satelliten, die alles registrieren, aber niemals in die Welt, die sie zeigen, eintreten können. Es gibt eine Möglichkeit, sie näher an sich heranzuzoomen. Man lässt sich von Google Earth die Route zwischen Warschau und Treblinka ausrechnen. Man erkennt dadurch, dass es immer noch derselbe Erdboden ist, auf dem wir uns bewegen. 103 Kilometer, ca. 1 Stunde und 49 Minuten, rechts abbiegen, 4 Kilometer geradeaus, dann: „Ankunft in Treblinka“.

Man kann aus dem Weltraum die Eisenbahnstrecke gut erkennen. Anderthalb Stunden oder hundert Kilometer, die zwischen 1940 und 1945 für Marcel und Teofila Reich-Ranicki den Unterschied von Leben und Ermordung bedeutet hätten. Anderthalb Stunden, das ist einmal Beckmann mit Reich-Ranicki. Anderthalb Stunden mal zwei, plus Entladung, plus Brennstoffaufnahme und Umkopplung sind vier bis fünf Stunden. Das ergibt in einer einfachen mathematischen Operation den Tod.

„Man wusste“, erzählt Reich-Ranicki, „dass Deportation Tod bedeutet. Die auf dem Umschlagplatz in Warschau arbeitenden Menschen haben die Nummern der Waggons notiert und festgestellt, dass diese Waggons schon nach vier, fünf Stunden wieder da waren. Dem konnte man entnehmen, dass die Transporte gar nicht nach Smolensk oder Minsk gingen, sondern ganz in die Nähe von Warschau. Schon die Tatsache, dass Hunderttausende von Menschen dort hingebracht wurden und man nichts von ihnen hörte, ließ erkennen, dass diese Menschen dort gar nicht leben konnten . . .“

Das Unwahrscheinliche geschieht

Anderthalb Stunden: das ist genau die Länge dieses Films. Wer ihn sieht, versteht sofort, dass das Unwahrscheinlichste an ihm sein Titel ist. „Mein Leben“, so hießen auch schon die Erinnerungen von Marcel Reich-Ranicki, die die Grundlage des Drehbuchs von Michael Gutmann bilden. „Mein Leben“ ist die alltäglichste, banalste Überschrift, die sich denken lässt. In diesem Fall ist es ein Triumph.

„Er guckte uns an“, so beschreibt Reich-Ranicki die denkwürdige Szene im Keller seines Lebensretters Bolek Gawin, „und sagte plötzlich, nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit: ,Adolf Hitler, Europas mächtigster Mann, hat beschlossen: Diese beiden Menschen hier sollen sterben. Und ich, ein kleiner Setzer aus Warschau, habe beschlossen, sie sollen leben. Und nun wollen wir mal sehen, wer siegen wird.'“

Zerstreute Bedenken

Marcel Reich-Ranicki war mit seinen Befürchtungen nicht allein. Kann so ein Leben verfilmt werden? Kann, nach dem denkwürdigen „Pianisten“ (den Reich-Ranicki kannte), mit den Mitteln des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, mit den Möglichkeiten des Westdeutschen Rundfunks, eine Biographie abgebildet werden, die, wie man jetzt klar erkennt, eine exemplarische Biographie des menschenjagenden 20. Jahrhunderts geworden ist?

Schauspieler wie Matthias Schweighöfer und Katharina Schüttler, das ist auch die Welt von „Keinohrhasen“, „Soloalbum“, von „Tatort“ und „Schimanski“ - in ihnen steckt ein so gegenwärtiges Deutschland, das es fraglich schien, ob sie den Wüstenplaneten von einst glaubwürdig, also: ohne Kitsch, Pathos oder falsche Einfühlung, würden betreten können.

Alle Fluchtpunkte sind versperrt

Es ist ihnen gelungen. Es ist ihnen so sehr gelungen, dass man bei ihnen und bei ihrem Regisseur, dem fünfzigjährigen Dror Zahavi, von einem Schlüsselwerk in ihrer künstlerischen Biographie reden wird. Wie leicht wäre es gewesen, eine sentimentale, nur gefühlsmäßige Rekonstruktion dieses Lebens zu zeigen - wie verführerisch, die Jahre im Getto und im Versteck als die Geschichte einer Qual zu beschreiben, die schrecklich und böse war, aber nicht nur objektiv ein moralischer Ausnahmezustand war, sondern auch als Ausnahmezustand empfunden wurde.

Schweighöfer als Reich-Ranicki und Katharina Schüttler als seine Frau Tosia zeigen Menschen, die im Augenblick, wo wir sie im innersten Kreis der Hölle sehen, keinen anderen Bezugspunkt mehr haben als sich selbst. Nachrichten von außen gab es kaum. Lebte Thomas Mann noch? Was dachten die Alliierten? Gab es überhaupt einen Konsens in der Welt darüber, dass das, was gerade geschah, ein Verbrechen war? Man kann sich die Einsamkeit, die aus diesen Fragen kommt, als Nachgeborener kaum vorstellen. Jean Améry hat beschrieben, was es hieß, wenn jeder geistige und moralische Fluchtpunkt gleichsam von Hakenkreuzen versperrt war. Hölderlin? Der Dichter des Reiches. Furtwängler? Dirigierte vor Goebbels. Hauptmann? Mitläufer. Goethe, Schiller, selbst Bach und Mozart: alle auf der anderen Seite. Man muss sich das klarmachen: Die Verfolgten konnten sich über Jahre hinweg nicht damit trösten, dass das, was ihnen geschah, eines Tages als Verbrechen erkannt werden würde. Wann wäre das denn? Und wäre es wirklich?

Taktische Operationen

Nein, die Opfer von einst konnten nicht wissen, dass nicht nur die Welt den Nationalsozialismus verdammen würde, sondern sogar einmal eine Bundesrepublik entstehen würde, die eines Tages, wenn auch mit Mühen, die Verbrechen beim Namen nennen würde. Sie konnten nicht wissen, dass ein Deutschland entstehen würde, in dem nicht mehr Otto Gebühr, sondern Matthias Schweighöfer zur Identifikationsfigur würde. Und das erkannt zu haben und spielen zu können: das ist eine der faszinierendsten Leistungen dieses Films. Marcel und Tosia haben niemanden. Aber sie werden nicht als Alleingelassene gezeigt. Sie haben Härte. Sie registrieren genau. Sie sind Partisanen. Ihre taktische Operation: irgendwie versuchen, dass die Gegenseite in ihnen, und sei es nur für die Sekunden, die es zur Flucht braucht, die Menschen erkennt.

Das funktioniert - und der großartige Kunstgriff des Films ist, dass er dafür weder Thomas Mann noch Bertolt Brecht braucht. Einmal müssen Juden unter der Aufsicht eines sadistischen Soldaten Fußböden schrubben. Reich-Ranicki versucht, in den Augen des Soldaten vom Objekt zu einem Subjekt, vom Gegenstand zu einem Menschen zu werden. Er redet von Berlin, über Hertha BSC und nennt die Namen der berühmten Fußballspieler - Sobek, Kirsei, Ruch. Der Mann ist glücklich und lässt ihn laufen.

Was ihn zum Menschen macht

Katharina Trebitsch, die Produzentin, und Dror Zahavi haben ein paar wesentliche Entscheidungen getroffen, die dem Film zugutekommen: sie versuchen nicht, die Schrecklichkeiten des Gettos mit Mitteln der Maskerade zu imitieren. Sie bauen darauf, dass sich der Schrecken durch die Dramaturgie und die Schauspieler mitteilt. Sie erzählen die Geschichte Reich-Ranickis aus der Vernehmungsperspektive. Ein Funktionär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei befragt den aus London abberufenen Reich-Ranicki nach seinem Leben. Hier wird selbst denen, die Reich-Ranicki zu kennen glauben, deutlich, wie sehr er das Opfer der totalitären Ideologien des letzten Jahrhunderts geworden ist.

Manche, die sich über Reich-Ranickis kurze Geheimdiensttätigkeit erregen, fehlt offenkundig die humane Phantasie, „sein Leben“ aus der Perspektive des Augenblicks zu verstehen. Die Stationen sind: als Junge ins „Land der Kultur“ geschickt, mit 18 Jahren aus dem Land deportiert, mit zwanzig Jahren in ein Getto gesperrt, mit 24 Jahren Nachricht von der Ermordung fast der gesamten Familie im Namen der NS-Ideologie, mit 25 Jahren von den Russen befreit, mit 30 wieder verfolgt und eingesperrt, diesmal von der anderen Seite - erst mit 40 Jahren, 1960, hat er die Chance, ein Leben in Autonomie und Souveränität zu führen. Diese Verflechtung zu zeigen, eine Welt, in der die geistige und körperliche Enteignung des Menschen von allem, was ihn zum Menschen macht, fast zum Naturgesetz geworden ist - das ist die Leistung dieses Films.

Humor als Überlebensstrategie

Und er ist, was profan wirkt angesichts des Themas, was aber Reich-Ranicki sehr wichtig war, nicht langweilig. Wir haben, als Reich-Ranickis Autobiographie erschien, dieses Buch eine der schönsten Liebesgeschichten des zwanzigsten Jahrhunderts genannt. Und auch das vermag der Film, vor allem dank der überragenden Katharina Schüttler, ohne Sentiment und hysterische Emotionalität zu zeigen. Man muss sehen, was diese beiden jungen Schauspieler - Schüttler und Schweighöfer - geleistet haben: sie mussten zwei Protagonisten abbilden, die immer noch lebende Zeugen sind. Und sie mussten mit Reich-Ranicki einen Helden zeigen, der wie kein anderer in Deutschland für Witz, Leidenschaft und Humor steht.

Schweighöfer imitiert Reich-Ranickis „R“ nicht - das kann heutzutage jeder -, sondern zeigt ihn als den Intellektuellen, der er ist. Nein, das ist nicht der Reich-Ranicki, den wir kennen. Und deshalb ist es so bedeutsam. Der Reich-Ranicki von einst war ein Geschichtenerzähler, er war unterhaltsam bis zur Erschöpfung, um Bolek an sich zu binden, er war unterhaltsam, um als Mensch erkannt zu werden: Das sind die Quellen seines Humors, seiner Unterhaltsamkeit und seiner Leidenschaft.

Teil unserer Geschichte

Und das sagte Reich-Ranicki wörtlich, als er mir am Schreibtisch gegenübersaß: „Er hat mich fabelhaft gemacht. Dieser Film ist das, was ich erträumt, aber nicht zu hoffen gewagt habe.“ Google Earth navigiert uns von Berlin nach Treblinka. 8 Stunden, 46 Minuten. Ganz winzig ist die Landkarte Europa, die Marcel Reich-Ranicki in seinem Versteck benutzte, keine 15 Zentimeter breit; die Länder verschwimmen fast ineinander. Aber man sieht ganz kleine Einstiche. Das waren die Nadeln, mit denen er markierte, wie nahe die Rote Armee, seine Befreier, schon bei Warschau waren. Wer in der Geschichte navigiert, für den können acht Stunden Leben oder Tod bedeuten.

Als Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Tosia sich im Getto verbarrikadierten, muss draußen ein junger Pole gestanden haben. Er sah das brennende Getto. Später schrieb er darüber ein Gedicht. Ceslaw Milosz wurde Nobelpreisträger. Und Reich-Ranicki, der zum Glück unter uns immer noch mitmischt wie kein anderer, denkt kurz nach und sagt: Ja das stimmt, man konnte das Karussell vor den Getto-Mauern hören.

Ich dachte an Campo di Fiori
In Warschau an einem Abend
Im Frühling vor Karussellen
Bei Klängen lustiger Lieder.
Der Schlager dämpfte die Salven
Hinter der Mauer des Gettos
Und Paare flogen nach oben
weit in den heiteren Himmel.
Der Wind trieb zuweilen schwarze
Drachen von brennenden Häusern,
Die Schaukelnden fingen die Flocken
Im Fluge aus ihren Gondeln.
Der Wind von den brennenden Häusern
Blies in die Kleider der Mädchen,
Die fröhliche Menge lachte
Am schönen Warschauer Sonntag.

Ich will damit nur sagen: Reich-Ranicki, wird jetzt immer unbemerkt dabei sein. So unbemerkt, wie in meinem Büro. Einfach ein Teil unserer Geschichte sein und der des Jahrhunderts. Auch bei solchen Gedichten. Als Zeuge und Opfer der Katastrophe. Als Stimme. Als Erzähler. Der uns klarmacht, warum hinter dem Begriff „Warschauer Sonntag“ so viel Unglück und hinter „Mein Leben“ so viel Glück stecken kann.

„Mein Leben“ läuft am 15. April um 20.15 Uhr in der ARD

Quelle: F.A.S.
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