Sexuelle Übergriffe

Unser Weinstein?

Von Verena Lueken
 - 09:46

Seit im Oktober der Weinstein-Skandal ans Licht kam und die #MeToo-Kampagne begann, musste man sich fragen: Wann geht es bei uns los? Oder unterscheiden sich die Verhältnisse im Unterhaltungsgeschäft hier, gestützt weniger auf individuelle Machtpositionen als auf Fördergremien und regional agierende und überregional und international koproduzierende Redaktionsbüros, so grundsätzlich von denen in den Vereinigten Staaten, dass mit einem vergleichbaren Skandal bei uns nicht zu rechnen ist? Weil Einzelne nicht genug Macht haben, um glaubwürdig mit Aufstieg oder Fall von der Karriereleiter drohen zu können? Weil es entsprechend kein Netzwerk der Unterstützer, Ermöglicher und Vertuscher gibt, das dichthält? Oder etwa, weil deutsche Männer einfach anständiger sind?

Am Donnerstag veröffentlichte das Magazin der „Zeit“ eine umfangreiche Recherche, die nahelegt, unser Harvey Weinstein könnte Dieter Wedel heißen. Dieter Wedel war in den Jahrzehnten zwischen den Siebzigern und Neunzigern einer der mächtigsten Fernsehregisseure der Bundesrepublik, der für Mehrteiler des ZDF, die damals noch die Straßen leer fegten, über große Budgets verfügen konnte. Viele Rollen zu besetzen gab es in seinen Produktionen auch. Vor allem „Der große Bellheim“ und „Der König von St. Pauli“ bleiben in Erinnerung sowie die zahlreichen Auszeichnungen, die der Regisseur im Laufe seiner Karriere entgegennahm, die von 2002 an in Worms bei den Nibelungenfestspielen und im Anschluss bei den Bad Hersfelder Festspielen weiterging, wo sie planmäßig im Jahr 2022 ihren Abschluss finden soll. Wedel ist Jahrgang 1942.

Er sei „ein Grapscher“ gewesen

Die beiden Frauen, die sich im „Zeit“-Magazin namentlich äußern, schildern gewaltsame sexuelle Übergriffe des Regisseurs bei vermeintlichen Besetzungsgesprächen in den neunziger Jahren. Gestützt werden ihre Berichte von Aussagen von Agenten, Freunden, einer Therapeutin und auch von drei ehemaligen Mitarbeiterinnen, die Wedels Umgang mit Schauspielerinnen beschreiben. Andere Frauen berichten anonym über Wedels Übergriffe. Branchenweit, so heißt es, hätten alle gewusst, er sei „ein Grapscher“ gewesen. Auch im Fall Wedel hat der Bademantel als wesentliches Requisit wieder seinen Auftritt, und auch hier sind sich die beschuldigenden Frauen und der Beschuldigte über den Hergang des Geschehens nicht einig. Dieter Wedel hat in einer Versicherung an Eides statt sämtliche Vorwürfe zurückgewiesen.

Wir haben immer gesagt, bei sexueller Belästigung und Gewalt in abhängigen Verhältnissen gehe es mehr als um Sex um die Macht – über den Verlauf eines Treffens, über Karrieren, um Macht innerhalb von Institutionen und Branchen, um Macht über ein ganzes Geschlecht. Doch zunehmend zeigt sich: Macht und Sex sind in diesen Fällen gar nicht mehr zu unterscheiden, weil wir es, im Ganzen betrachtet, mit einer gewaltigen Potenzdemonstration von offenbar allzeit bereiten Männern zu tun haben. Dass viele von ihnen klein, dick und hässlich sind, darauf hat kürzlich Laura Kipnis in der „New York Review of Books“ hingewiesen und angefügt, der Skandal um Weinstein und andere beweise auch, dass Macht eben keine stabile Sache, sondern eine Frage der sozialen Übereinkunft sei – die, wie der Fall Weinstein und zahlreicher anderer Männer zeigt, sich abrupt ändern kann. Das ist die gute Nachricht.

Schwarze Roben werden ein Zeichen setzen

Wird, wie das bei Weinstein war, nun auch bei uns eine Lawine weiterer Beschuldigungen gegen andere Männer der Unterhaltungsbranche und über sie hinaus ins Rollen kommen? Von Frauen, aber auch von Männern, die belästigt wurden und bisher noch häufiger schwiegen als die Frauen? Wird sich möglicherweise zeigen, dass unser gremiengestütztes System gar nicht so viel weniger anfällig für diese Art des verachtenden Umgangs im hierarchischen Gefälle bis hin zur Straftat ist?

So sieht es aus. Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, forderte am Donnerstag die Einrichtung einer überbetrieblichen Beschwerdestelle, um zu erreichen, dass sexuelle Belästigung in der Unterhaltungsindustrie, in der Schauspieler und Schauspielerinnen besonders häufig der sexuellen Belästigung ausgesetzt seien, nicht länger hingenommen werde. Denn bisher, auch das legt der Bericht über Wedel nahe, ist die Resonanz innerhalb der Branche auf die Berichte der Opfer über ihre Erfahrungen zunächst zurückhaltend.

Die Frauen, die Dieter Wedel beschuldigen, haben keine großen Karrieren gemacht. Jedenfalls nicht als Schauspielerinnen. Eine von ihnen ist eine sehr erfolgreiche Unternehmerin geworden, was ihre Aussage umso glaubhafter macht, weil sie an öffentlicher Aufmerksamkeit dieser Art gar kein Interesse haben kann. Am Wochenende wollen in Los Angeles, als Zeichen des Widerstands gegen sexuelle Übergriffe in Hollywood und andernorts, viele Frauen zur Verleihung der Golden Globes statt in dekolletierten Roben in Schwarz über den roten Teppich laufen. Die Verleihung des Deutschen Filmpreises im April wäre eine gute Gelegenheit, es ihnen gleichzutun.

#metoo
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© Reuters, reuters
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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