„Unsere Autoren können schreiben, was sie wollen.“

Mächtig: Cindy Holland. Ihr Einfluss verändert die Art, wie Geschichten erzählt werden. Foto: Nathanael Turner

Cindy Holland bestimmt bei Netflix, welche Serie läuft.

9.3.2018
Interview: ANNE PHILIPPI
Fotos: NATHANAEL TURNER

Die Valet-Parking-Crew vor dem Netflix-Gebäude am Sunset Boulevard verhält sich besonders gentlemanlike. Man weiß ja nie. Vielleicht schreibt der Vorfahrende schon die nächste Hitserie. Ein Grund für den derzeitigen Netflix-Erfolg ist Cindy Holland, „Vice President of Original Content“. Sie hat in Stanford studiert und ist seit 2011 für alle Serien und Filme verantwortlich. Ihre Macht ist vergleichbar mit dem eines Studiobosses im alten Hollywood. Ohne sie läuft nichts. Sie entscheidet, welche Serie wie, wann und von wem gemacht wird. Wegen Holland hat Netflix mittlerweile die Hollywood-Crème-de-la-Crème an Bord: David Fincher, Sofia Coppola und Baz Luhrmann drehten schon, bald sind die Cohen-Brüder dran. Statt auf MGM oder Warner Brothers schaut die Entertainmentwelt jetzt auf Netflix.

Cindy Holland läuft zum Konferenztisch, der Assistent dicht dahinter. Sie trägt die Uniform wirklich mächtiger Hollywood-Menschen: kein Firlefanz, kein Tattoo, unprätentiöses T-Shirt, Stoffhose, durch die man den trainierten Körper erahnen kann. Ihre Aura ähnelt der von Jodie Foster, sie verbreitet das Gefühl, sie könnte auch im Schlaf noch eine Boeing sicher landen. Durch Cindy Hollands Einfluss wird gerade die Art verändert, wie Geschichten erzählt werden, und zwar auf einem Bildschirm, nicht mehr auf einer Leinwand.

FRANKFURTER ALLGEMEINE QUARTERLY: Frau Holland, wann merken Sie bei einer Geschichte, einer Serie: Das könnte was sein?
CINDY HOLLAND: Wenn die Geschichte von demjenigen erzählt, der sie anbietet. Wenn es seine Geschichte ist. Das ist dann so, als ob ich jemanden treffe, von dem ich annehme, dass wir sehr gute Freunde werden könnten. So fühlt es sich für mich immer an, wenn ich auf eine gute Geschichte treffe, mit der ich arbeiten will.

FAQ: Sie verlassen sich also auf Ihre Intuition?
HOLLAND: Nein, gar nicht! Wir berechnen, analysieren, haben unsere eigenen Algorithmen. Es gibt nur eine sichere Bank. Und die heißt David Fincher.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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FAQ: … der Netflix mit „House of Cards“ ein Manifest beschert hat: Die Behauptung, dass Streaming-Fernsehen viel aufregender sein kann als Film.
HOLLAND: Es war ein großes Experiment. Aber wir konnten sehen und lernen, was passiert, wenn und vor allem wann Zuschauer aussteigen und den Computer zuklappen. In der ersten Episode von „House of Cards“ tötet Francis Underwood (Kevin Spacey) nach kurzer Zeit einen Hund. Und zack! In diesem Moment raste die Zahl der Leute, die weiterschauten, in den Keller. Einen Hund töten in Amerika? Geht gar nicht. David Fincher aber war happy. Er sagte, die Show sei nichts für verletzte Seelen, und wenn man einen Hundemord nicht aushalten würde, dann Francis Underwood schon gar nicht.

House of Cards

FAQ: Wird härter und unverzeihlicher erzählt, seitdem es gestreamtes TV im Internet gibt?
HOLLAND: Es gibt hier eine neue Idee von Länge und von Geschwindigkeit, die wir unseren Regisseuren erlauben. Um nichtlineares Erzählen. Unseren Zuschauern ermöglichen wir, diese neuen Längen und Geschichten in ihrem Tempo aufzunehmen. Was schaue ich und wie lange? Schaue ich nur ein Häppchen oder alles auf einmal? Der Zuschauer ist selbst verantwortlich. Das ist neu. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten, und da sind wir erst am Anfang. Unsere Autoren können wirklich schreiben, was sie wollen. Sie brauchen keine Cliffhanger mehr, wie das beim Fernsehen der Fall sein muss. Sie müssen nicht mehr um Werbeclips herumschreiben.


„50 Prozent der Welt sind Frauen, die andere Frauen sehen wollen, mit denen sie sich indentifizieren können. Solche, mit denen sie sich anfreunden würden. Da hinkt Hollywood sehr hinterher.“
MAX MUSTERMENSCH

FAQ: Gibt es noch einen nationalen Geschmack? Wollen Amerikaner Geschichten schneller erzählt bekommen als Italiener oder Deutsche?
HOLLAND: Wir haben unser Denken verändert, was solche Fragestellungen angeht. Heute treffen wir uns mit Experten, Kreativen und Regisseuren aus den jeweiligen Ländern und „territories“ und schauen, welche Filme und Serien es in den einzelnen Ländern gibt. Wir studieren natürlich die Sensibilität der einzelnen Länder, suchen dann aber deren beste Storyteller. Anschließend bringen wir deren Arbeit über Netflix in die ganze Welt. Aus Deutschland kommt etwa die Serie „Dark“, darin finde ich dieses Konzept perfekt übersetzt. Es geht für Regisseure nicht mehr darum, nach Hollywood zu kommen. Oft ist es so, dass sie ihre Arbeit vor Ort, zu Hause besser machen. Ich sage, „Wir kommen zu euch! Und bringen eure Serien und Filme auf den internationalen Markt!

Dark

FAQ: Sie glauben also, dass Franzosen genau dieselbe Art Eifersucht empfinden wie, sagen wir, Japaner?
HOLLAND: Wir sind alle Menschen, alle gleich, alle miteinander verbunden. Auch wenn das oft nicht so aussieht. Mit „Sense 8“ von Lana und Lilly Wachowski, einer unserer ersten Serien, haben wir das gezeigt. Geschehnisse in der Welt sind miteinander verbunden, wir sind keine Einzelexistenzen.

FAQ: Es gibt auf Netflix viele Themen, die in der alten Filmwelt eher ignoriert wurden. Plötzlich sieht man, dass sich eine Menge Menschen etwa für schwarze, lesbische Frauen im Gefängnis interessieren. So wie bei „Orange Is the New Black“ …
HOLLAND: Wir wissen genau, dass unsere Zuschauer ein großes Interesse an „Diversity“ haben. Und einen sehr eklektischen Geschmack. Sie sind an vielen Arten der Existenz interessiert. Außerdem sind 50 Prozent der Welt Frauen, die andere, neue Frauen sehen wollen, mit denen sie sich identifizieren können. Solche, mit denen sie sich anfreunden würden. Bei diesen Figuren hinkt Hollywood sehr hinterher.

Orange Is the New Black

Mehr als das. Für Hollywood gilt Netflix als der neue „frenemy“, eine Person, die sich als Freund ausgibt, aber letztlich ein Feind ist, was in diesem Kontext heißt: eine Person, die eine feindliche Übernahme plant. Die Oscars 2017 machten klar, dass das Silicon Valley, konkret: Amazon und Netflix, auf dem besten Weg ist, die alte Filmwelt auf den Kopf zu stellen. Amazon gewann zwei Oscars für „Manchester by the Sea“ und für „The Salesman“, Netflix nahm den Oscar für „Best Documentary“ mit „The White Helmets“ mit. Das hat viele aufgeschreckt. „The Monster that is eating Hollywood“, schrieb das „Wall Street Journal“ über Netflix. Der wahre Feind hieße für die alte Industrie jetzt nicht mehr China, sondern Silicon Valley. Einer der Gründe: „Diese Firmen (wie Netflix) haben Zugang zu Analysetools, die sich Hollywood nicht vorstellen kann und gegen deren Effizienz es allergisch ist.“ Es geht um neue Erzählformate, es geht um neue Techniken – und damit auch um die Macht.

FAQ: Ein Entertainment-Unternehmer sagte neulich „Ich weiß nicht, warum jemand heute noch eine Filmproduktion besitzen wollte. Die machen nur noch Hüte und Trillerpfeifen.“ Damit meinte er das immer wichtiger gewordene Merchandising-Geschäft. Die alte Welt wackelt. Was, glauben Sie, macht Netflix besser als Hollywood?
HOLLAND: Wir unterstützen einfach die besten Regisseure, Künstler, Autoren. Die erzählen ihren Kollegen von uns, von der großen Freiheit, die sie genießen. Und dann kommen auch die Kollegen zu uns. Das ist unschlagbar, danach sehnt sich jeder. Deshalb kann unser „original content“ so präzise und spezifisch sein, weil wir alles erlauben.

FAQ: Also mehr Kunst und weniger Mainstream?
HOLLAND: Wir suchen mehrheitlich nach Künstlern, die nicht jedem gefallen wollen. So wie Baz Luhrmann.

FAQ: … ein Regisseur, der die aufwendige Hiphop-Serie „The Get Down“ bei Ihnen machen durfte …
HOLLAND: Ja, jemand wie er hat ein Kernpublikum. Es geht uns um ein Publikum, das eine bestimmte Serie liebt, seinen Freunden davon erzählt und so die Serie auf eine neue Art bewirbt. Wir „untersuchen“ Social Media Communities, deren Geschmäcker, deren Ausrichtung. Und daraus bauen wir Serien.

FAQ: Wird das alte TV verschwinden? Weltweit?
HOLLAND: Die vertrauten Namen werden nicht so schnell verschwinden, wie wir denken. Sie werden sich technisch verändern. Aber ihre Aura ist ihr Kapital. 

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Quelle: F.A.Z. Quarterly