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„Star Trek“ bei Netflix

Die Klingonen schießen zuerst

Von Matthias Hannemann
 - 10:27
„Star-Trek“ ist zurück mit einer Neuauflage der Kultserie auf Netflix. Bild: dpa, F.A.Z.

Der Sturm, der sich über den Sanddünen zusammenbraut, ein apokalyptisches Wolkengemälde, das zwei Wüstenwanderer zu einem beschleunigten Marsch durch die Ödnis anhält, ist ein Menetekel, aber keine Katastrophe. Als das Unwetter die beiden Frauen erreicht, die ihre Gesichter mit merchandisewürdig gewickelten Tüchern schützen, taucht die „USS Shenzou“ schon am Himmel auf und beamt sie an Bord. Nur ihre Fußabdrücke bleiben zurück und ergeben, von oben betrachtet, die markante Form eines Sternenflotten-Abzeichens.

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Das Problem, das Captain Philippa Georgiou (Michelle Yeoh) und Lieutenant Commander Michael Burnham (Sonequa Martin-Green) zum Auftakt der neuen Serie „Star Trek: Discovery“ Kopfschmerzen bereitet, stellen eher die Klingonen dar, die sich um einen Anführer scharen, irgendwo anders, wo es dunkel und religiös zugeht. Dieser Anführer mit schrecklichen Hauern und schrecklichen Klauen und schrecklichen Zähnen, um Wörter zu kauen, ist ein völkischer Ideologe, wie er in den Weltnachrichten steht. Ein Phrasendrescher, bei dem man gleich an Donald Trump denken muss, der nichts provozierender findet als die Sternenflotten-Parole „Wir kommen in Frieden“, die auch Captain Georgiou verinnerlicht hat.

Für Gerede sind sie nicht empfänglich

Der Klingonen-Auftritt deutet auf mangelnde Impulskontrolle und eine gewisse Kriegslüsternheit hin. Und tatsächlich bricht in der wummernden Neuauflage der Kultserie, die CBS produziert hat und gemeinsam mit Netflix seit dieser Woche ausstrahlt, ein Konflikt zwischen Sternenflotte und Klingonen schneller aus als gedacht.

Die Serie spielt rund zehn Jahre vor den Abenteuern um Captain Kirk und lehnt sich an den metallic-farbenen Look der drei jüngsten Star-Trek-Kinofilme an. Michael Burnham, die ebenso dünn- wie dunkelhäutige Heldin der neuen Reihe („Star Trek“ war stets betont progressiv, nun die aktualisierte Variante für den amerikanischen Kulturkampf des Jahres 2017: im Netz wird spekuliert, die farbige Frau mit dem männlichen Vornamen könnte sogar eine Transgender-Heldin sein; einen homosexuellen Offizier namens Paul Stamets soll es ebenfalls geben), bricht im Raumanzug zu einer einsamen Außenmission auf, um ein unbekanntes Objekt zu erkunden wie ein Tiefseetaucher ein Wrack. Sie begegnet einem Klingonen, bringt ihn unwillentlich um. Dieser Vorfall ruft den auf Krawall gebürsteten Klingonenkrieger aus der Eröffnungssequenz auf den Plan, samt Raumschiff und Untergebenen, die sich im Todesfall eines stilvollen Begräbnisses gewiss sein können. Für Gerede sind sie nicht wirklich empfänglich.

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Ob man in dieser Lage ausnahmsweise einmal mit einem frühzeitigen Schuss für Respekt gegenüber der Sternenflotte werben sollte? Die Vulkanier hätten mit einem solchen Begrüßungsritual gute Erfahrungen gemacht, weiß Burnham, die ein Kindheitstrauma mit sich herumschleppt und von keinem Geringeren als dem Vulkanier Sarek (James Frain) aufgezogen wurde, dem Vater Spocks. Ihr schwant freilich, dass Captain Georgiou dem Vorschlag eines „vulkanischen Hello“ nichts abzugewinnen vermag; die Sternenflotte schießt niemals zuerst. Weshalb sich die Geschichte der beiden Pilotfolgen (das Drehbuch schrieben Alex Kurtzman und Bryan Fuller, der das „Discovery“-Projekt allerdings schnell wieder verließ) an einem spontanen, wenn auch dramaturgisch verstolperten Entschluss entzündet: Burnham versucht, das „vulkanische Hello“ mit allen Mitteln durchzusetzen.

Später wird sie an Bord eines anderen Schiffes gelangen, die von Captain Gabriel Lorca (Jason Isaacs) gelenkte „USS Discovery“. Aber wie der Faden von Burnhams Story weitergesponnen wird, ist noch nicht abzusehen. Details der weiteren dreizehn Folgen will weder CBS verraten, das die Serie im Wochentakt in seinem Bezahlkanal „CBS All Access“ ausstrahlt, noch Netflix, das sie außerhalb der Vereinigten Staaten jeweils einen Tag später seiner Sammlung hinzufügt und sich damit auf die Regeln des linearen Fernsehens einlässt. An den ersten Folgen gäbe es trotz der schmucken Optik mancherlei zu bemängeln. Ruhebedürftige Sequenzen wie die Wüstenwanderung oder die Szenen, in denen es um die Prinzipien der Sternenflotte geht, die Burnham in Frage stellt, werden zusammengepresst. Allzu viele Dialoge sind auf die Vermittlung von Info-Häppchen getrimmt. Wenn sich das nicht gibt, muss man statt zu „Discovery“ zu „The Expanse“ greifen, einem von dem Sender Syfy produzierten Raumfahrt-Epos, das auch auf Netflix zu sehen ist und in bislang zwei Staffeln über die Gegenwart nachdenkt, indem es sich die Zukunft ausmalt.

Allerdings sind bei einer Serie, deren Vorgänger es seit der ersten Folge „Raumschiff Enterprise“ 1966 (Deutschland: 1972) auf mehr als siebenhundert Folgen brachten, die Erwartungen auch undankbar hoch. Und das eigentliche Schiff, die titelprägende „USS Discovery“, gibt es bislang auch nicht zu sehen. Was die neue „Star Strek“-Serie taugt und wie weit der edle Sternenflotten-Optimismus in konfliktträchtigen Zeiten trägt, wissen wir erst in einigen Wochen. Klingonische Untertitel sind selbstredend verfügbar.

Star Trek: Discovery ist bei Netflix verfügbar. Am Montag erscheint Folge drei.

Quelle: F.A.Z.
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