Medien
Zur Zukunft des Digitalradios

In sieben Jahren schalten wir einfach ab

Von Jürgen Bischoff
© dpa, F.A.Z.

Die Geschichte des Digitalradios in Deutschland ist keine Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen, sondern eine von Murks und Unvermögen, ein an sich sinnvolles System in den Markt zu bringen. Die Geschichte wäre ein Objekt für eine Dissertation im Fach Marketing unter dem Rubrum: Viele (ahnungslose) Köche verderben den Brei. Und doch: DAB wäre von Vorteil, und zwar für die Rundfunkveranstalter wegen der geringeren Verbreitungskosten und für die Hörer wegen größerer Programmauswahl. Doch jedes Mal, wenn das zarte Pflänzchen einen neuen Trieb bekommt, findet sich jemand, der die Überlebensfähigkeit der Pflanze in Frage stellt.

Die Auslöser der aktuellen Debatte, Jürgen Brautmeier, Chef der Landesmedienanstalt in Düsseldorf, und der Staatssekretär Marc Jan Eumann, sind zu euphorisch in der Einschätzung des Internets als alternatives digitales Verbreitungsmedium für Hörfunk. Die vermeintliche Vielfalt der Audioangebote im Netz entpuppt sich nämlich als entweder zu unübersichtlich für die wirklich Interessierten oder als Vielfalt in der Einfalt: Wer mir den neuesten Hit von Adele oder Sido anbietet, ist letztlich einerlei. Warum dann nicht gleich zu Spotify und Konsorten? Dort kann ich mir die Playlist individuell zusammenstellen, ohne fröhlich-belangloses Geplauder.

Anwendbar nur nach europäischer Regelung

Studien zur Nutzung von Radiogeräten mit UKW-, DAB+- und Internet-Empfang, vorgestellt auf der letzten Internationalen Funkausstellung IFA, zeigen: Nach anfänglicher Experimentierphase mit Internetradio wenden die Nutzer sich nach ein paar Wochen DAB+ zu. Jetzt medienpolitisch auf die Vielfalt des Internetradios zu setzen und dem Digitalradio nur den Status einer Zwischentechnologie zuzubilligen ist fatal. Mehr noch: Es läuft auf längere Sicht darauf hinaus, sich von der Mediengattung Hörfunk mit redaktionell gestaltetem Programm gänzlich zu verabschieden.

Vollkommen vernachlässigt wird in der Debatte um das Digitalradio die Schlüsselrolle Europas. Europa muss für gleiche Standards in den Mitgliedsländern sorgen, Europa muss sich um die Frequenznutzung kümmern, und nur Europa kann die Voraussetzungen schaffen für eine Mandatierung von digitalen Empfangschips. Entscheidend für die weitere Entwicklung eines Marktes für Digitalradio wird sein, dass der Industrie vorgeschrieben wird, alle künftig in Verkehr gebrachten Hörfunkempfänger mit einem digitalen Decoder auszustatten. Diese Vorschrift liegt nicht im Belieben der deutschen Bundesregierung, sondern ist erst nach einer europäischen Regelung anwendbar.

In vier Jahren ohne UKW-Empfang im Stau stehen?

Traditionell ist die EU in Sachen technischer Regulierung ziemlich zurückhaltend, hat sie doch mit der damaligen Festlegung auf den HDTV-Standard MAC lange Jahre die Fortentwicklung des Fernsehmarktes massiv behindert. Und auch bei der Festlegung auf einen Standard für das mobile Fernsehen vor einigen Jahren hat sie sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Jetzt dominiert die Angst vor Fehlentscheidungen. Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn man in Brüssel endlich einsähe, dass nicht alles dem Markt überlassen werden darf. Gerade bei Netztechnologien ist eine Normensetzung unabdingbar.

„Gerade bei Netztechnologien sollte Brüssel nicht zaudern, ist eine Normensetzung unabdingbar.“ Ein Digitalradio auf dem diesjährigen Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig.
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Niemand käme auf die Idee, den Stromanbietern im Binnenmarkt freizustellen, nach eigenem Gutdünken ihren Endkunden den Strom mit 110 Volt, 230 Volt oder anderen Parametern zu liefern. Selbst der hartgesottenste Marktfetischist in Brüssel müsste erkennen, dass sich dieses Laissez-faire zu einem Handelshemmnis entwickelt.

Warum aber fehlt diese Einsicht bei der Hörfunkübertragung? Es kann nicht im Sinne der Freizügigkeit in Europa sein, dass die Urlaubs- und Geschäftsreisenden auf dem Weg von Stockholm an die Costa Brava in jedem zu durchquerenden Land einen eigenen Radioempfänger benötigen, wenn sie Verkehrshinweise suchen. Leider werden wir recht bald vor genau dieser Situation stehen. Wer in vier Jahren auf dem Weg nach Italien durch den Gotthard reisen will, der fährt - ohne DAB-Radio an Bord - kurz hinter Basel bis hinab nach Chiasso ohne UKW-Empfang in den Stau. Die Schweiz schaltet ab.

Die alte Forderung nach Subventionierung der Hörfunkveranstalter

Dabei ist es gar nicht mehr notwendig, technische Spezifikationen per EU-Richtlinie in einen Chip zu gießen. Heutige Technologie sollte in der Lage sein, diverse Digitalstandards softwaremäßig zu decodieren. Mehr muss die EU nicht festschreiben. Der Marktwahn in Brüssel birgt allerdings auch noch andere Fallstricke. So behält sich die EU vor, die Handelbarkeit von Funkfrequenzen zu ermöglichen. Der Eigner einer solchen Frequenz kann dann entscheiden, was er über sein ersteigertes Gut übertragen lässt. Man stelle sich das nur mal für einen deutschen Ballungsraum vor: In Dortmund wird eine Frequenz verkauft, auf der vorher Hörfunk übertragen wurde. Der Mobilfunk zahlt besser. Konsequenz für die Geräteindustrie: Sie muss für sublokale Märkte eigenständige Empfangsgeräte bereitstellen, also für Dortmund andere als für Essen. Ein gemeinsamer Markt ohne Handelshemmnisse sieht anders aus. Es wird Zeit, dass Brüssel seine Strategien an Praktikabilität und Realitäten ausrichtet.

Bleibt eine weitere Angelegenheit, für die zunächst Brüssel zuständig ist: die Forderung nach Subventionierung der Hörfunkveranstalter für die Teilnahme an DAB. Schon einmal hat Brüssel die Rückforderung von Zuschüssen durchgesetzt. Fördermittel für RTL und Pro Sieben Sat 1 zur Teilnahme am Digitalfernsehen DVB-T sah die EU als Verstoß gegen das Beihilferecht an. Seinerzeit formulierte sie Kriterien, nach der sie eine Förderung „wohlwollend beurteilen“ wolle, so „Kompensation für Rundfunkanstalten, die vor Ablauf ihrer Lizenzen die analoge Übertragung einstellen müssen, sofern dabei die zugeteilte digitale Übertragungskapazität berücksichtigt wird“. Dies schließt einen Simulcast-Betrieb von UKW und DAB eindeutig aus.

Jan Böhmermann macht's vor

Dass neuerdings die Politik erkannt hat, dass Brüssel eine wichtige Rolle spielt, ist zwar zu begrüßen, aber die Probleme sind seit einer Dekade bekannt. Zu jener Zeit hieß der zuständige Minister Michael Glos und wurde von der traditionell DAB-freundlichen CSU nach Berlin entsandt. Auch Günther Oettinger, zurzeit verantwortlich für Telekommunikation in der EU-Kommission, regierte einst ein Bundesland, das sich aktiv für Digitalradio einsetzte. Schließlich sitzt heute in Berlin die CSU mit Alexander Dobrindt und seiner Staatssekretärin Dorothee Bär an den Schalthebeln. Man fragt sich, warum Lösungen in Sachen Digitalradio in dieser Konstellation nicht längst aufscheinen.

Pioniere des Internetradios? Olli Schulz (links) und Jan Böhmermann.
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Kommen wir zur Rolle des Privatfunks in der Digitalradio-Debatte. Kurz gesagt: Sie ist nur peinlich, denn sie beruht lediglich auf der Bewahrung von Marktpositionen. Man hat sich bequem im Mainstream eingerichtet und will phantasielose Formatprogramme einer digital anspruchsvollen nachwachsenden Generation als das große Ding verkaufen. Währenddessen wandert Jan Böhmermann zu Spotify ab. Internetradio bietet die Möglichkeit des Nichtlinearen. Glaubt man bei den Privatsendern im Ernst, dass sich die Generation Spotify online x-beliebige Morning-Shows mit dem „Besten von gestern und heute“ anhört?

Wenn sich das herumspricht

Wo ist der deutsche Howard Stern? Wo das Programm, das sich politisch und gesellschaftlich einmischt und um dessen Mikrofonplätze sich Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens rangeln? Was soll sich der Nutzer aus dem Angebot der Privatsender auf die Playlist setzen? Das Einzige, was ein gewisses Alleinstellungsmerkmal hätte, wäre Comedy.

Richtig ist: Das Smartphone entwickelt sich zu einem Dreh- und Angelpunkt der digitalen Hörfunkverbreitung. Aber mobil hat es seine Tücken. Streaming im Mobilnetz geht auf Kosten der Flatrates der Hörer und kostet die Anbieter noch immer pro angeschlossenem Nutzer. Mehr noch: Wegen der permanent notwendigen Rückkoppelung des Handys zum Sendemast leert dieser Empfangsweg den Handy-Akku ungleich schneller. Wenn sich das herumspricht, werden die Nutzer den digitalen Hörfunkchip als Segen empfinden.

100 Jahre öffentlicher Hörfunk sind ein gutes Ausstiegsdatum

Es spricht also viel dafür - wenn man auch die Hörfunkübertragung digitalisieren will -, DAB nicht abzuschreiben, sondern endlich einen Schritt zuzulegen. Man muss auf Seiten der Medienpolitik den Mut haben, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen und nicht immer die Lobbyinteressen der großen Privatfunkgruppen zu antizipieren. Die Veranstaltung von privatem Hörfunk ist an Lizenzen gekoppelt. Insofern besteht kein absoluter Vertrauensschutz für das Investment. Wer sich nicht den geänderten Rahmenbedingungen anpassen will, der sollte sanft daran erinnert werden. Auch dazu gehört Mut.

Schließlich: Wer sagt eigentlich, dass die Ankündigung eines Abschaltdatums zurzeit nicht opportun sei? 2003 wurde in Berlin innerhalb eines halben Jahres das analoge Fernsehen abgeschaltet. Heutige Empfangsgeräte für DAB+ kosten nur zwanzig Prozent dessen, was die ersten DVB-T-Decoder gekostet haben. Das sollte für jeden Haushalt finanzierbar sein. Was spräche also gegen einen inselweiten Ausstieg wie seinerzeit bei DVB-T? Ein Datum böte sich dafür bestens an: der 29. Oktober 2023. An diesem Tag wären hundert Jahre öffentlicher Hörfunk in Deutschland zu feiern. Auch den Mut zum Abschalten muss man aufbringen.

Radiodebatte

Jürgen Brautmeier, Chef der Landesmedienanstalt in Düsseldorf, und der nordrhein-westfälische Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann haben an dieser Stelle (F.A.Z. vom 15. April) die Debatte über das digitale Radio eröffnet und kritisiert, wie der Wechsel von UKW auf DAB vonstattengeht. Die ARD-Intendanten Willi Steul, Karola Wille und Ulrich Wilhelm haben geantwortet. Dagegen argumentierte der Medienwissenschaftler Hermann Rotermund. Kai Fischer, Vorsitzender der Geschäftsführung von Antenne Niedersachsen, machte die Einwände der Privatsender geltend. Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landezentrale für neue Medien, beleuchtete den Stand der Dinge aus Sicht der Landesmedienanstalten. Gert Zimmer, der Chef von RTL Radio Deutschland, lenkte den Blick vom Digitalradio auf den Radioempfang per Stream im Internet. Der Journalist Jürgen Bischoff setzt die Debatte heute fort und bricht eine Lanze für DAB.

Jürgen Bischoff ist freier Fernseh-, Radio- und Zeitungsjournalist in Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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