Rassismus-Vorwurf gegen Swift

Wilde Tiere und weiße Frauen

Von Kornelius Friz
 - 16:40

Die untergehende Sonne taucht das Filmset in der afrikanischen Savanne in idyllisch glühendes Orangerot. Ein Löwe brüllt, die Elefantenherde zieht vorbei, und eine Giraffe schaut Taylor Swift und Scott Eastwood gespannt dabei zu, wie sie sich küssen und liebkosen. Was könnte schöner sein, als sich am Filmset in einem hinreißend fremden Land dem hübschen Sprössling des uramerikanischen Clint Eastwood hinzugeben? Gleich nach den MTV Music Awards veröffentlichte die Sängerin am Sonntagabend das Video zu ihrem Song „Wildest Dreams“, und nicht nur das Setting des Clips scheint den Träumen einer waschechten Postkolonialistin entsprungen zu sein.

19 Millionen Klicks hat das Lied innerhalb weniger Tage gesammelt. Dass alles, was die Pop-Ikone zur Zeit anfasst, zu Gold wird, überrascht schon nicht mehr, doch dieses Video lediglich als erfolgreiche Kitschattacke abzutun, wäre fatal. Taylor Swift und ihr Regisseur Joseph Kahn präsentieren ihren Fans, insbesondere den westlichen Hörern, ein fatal verzerrtes Bild des afrikanischen Kontinents. Eindeutige Hinweise, in welchem Land der Clip gedreht wurde, gibt es nicht. Aber das macht auch nichts, da die meisten amerikanischen Zuschauer ohnehin davon ausgehen, dass Afrika eines der wenigen Länder sei, die größer sind als die Vereinigten Staaten.

Rassistische Reduzierung

Doch dieser Aspekt, der koloniale Erzählungen in die weiße Gegenwart der Popkultur übersetzt, ist nicht das schlimmste an „Wildest Dreams“. Um ein Vielfaches schädlicher ist die Wirkung, die diese weiß-weiße Romanze in der Wildnis auf das afroamerikanische und afrikanische Publikum haben muss. Schwarze Menschen spielen in dem Musikvideo – beinahe überflüssig, es zu erwähnen – natürlich keine Rolle.

Die einzigen Rollenbilder, die man zu sehen bekommt, sind eine weiße, hier ausnahmsweise schwarzhaarige Swift und der Schönling Eastwood. Natürlich ist das auch in anderen Musikvideos und Kinofilmen nicht anders. Die Inszenierung von Swifts „Wildest Dreams“ ist lediglich ein Brennglas der exotisierenden Phantasien weißer westlicher Künstler.

Weiße Künstlerinnen werden eher ausgezeichnet

Zu der Kritik, die das Video in den sozialen Netzwerken auf sich gezogen hat, hat die Sängerin sich noch nicht geäußert. Der Regisseur Joseph Kahn versucht hingegen, sich mit Hinweis auf die „superheiße“ schwarze Produzentin Jil Hardin zu verteidigen, was nicht nur hilflos klingt, sondern vielmehr die Produzentin rassistisch auf ihr Äußeres reduziert, das allein Hardin aus Kahns männlicher Perspektive offenbar begehrenswert macht.

Es ist nicht das erste Mal, dass Taylor Swift für ihre Musikvideos Gegenwind bekam. Im Juli entbrannte auf Twitter eine Auseinandersetzung mit Nicki Minaj, die behauptete, dass ihr ironisch erotisierendes Video „Anaconda“ statt Taylor Swifts „Bad Blood“ als bester Clip für die MTV Awards nominiert würde, wenn sie „eine andere Art von Künstlerin“ wäre. Am Ende gewann Swift neben vier anderen Preisen mit einer ganzen Armada weißer, schlanker Kolleginnen in „Bad Blood“ auch die Auszeichnung für das beste Popvideo. Nicki Minaj nahm es ihrer alten Freundin Taylor offenbar nicht übel und konnte am Sonntag wieder gemeinsam mit ihr auftreten: „Die gemeinsame Performance musste Minaj vor allem machen, um das Stigma der 'Angry Black Woman' loszuwerden“, so Hengameh Yaghoobifarah, eine Redakteurin des „Missy Magazins“. Unrecht hat Nicki Minaj mit ihrem Hinweis jedenfalls nicht, schließlich wurde in der Kategorie Bestes Video mit Beyoncé nur eine Schwarze Musikerin nominiert.

Schon Anfang August, als die französische Schauspielerin Lou Doillon sich in die Debatte einmischte, hielten die Popstars plötzlich wieder zusammen. Die Schwester von Charlotte Gainsbourg warf Nicki Minaj in einem Interview mit „El país“ vor, sie würde, indem sie in ihren Videos so viel Haut zeigt, untergraben, was Feministinnen seit den Sechzigern erreicht haben. Zum Glück lassen sich Schwarze Künstlerinnen nicht sagen, wie sich sich zu kleiden haben. Erst recht nicht von einer Schauspielerin, die selbst bereits für Playboy-Leser blankgezogen hat. Laut Hengameh Yaghoobifarah sei diese Kritik Doillons nicht weniger als „Slut Shaming“, also die Diffamierung von Frauen, die sich bewusst freizügig geben: „Wenn weiße Künstlerinnen viel Haut zeigen, gilt das plötzlich als empowernd“, so die Feminismus-Expertin.

Provokative Schwarz-Weiß-Erzählung

Auch in dem Clip zu „Shake it Off“ präsentiert Taylor Swift ihre einseitige, wenn nicht gar beschränkte Weltsicht: Während weiße Tänzerinnen als brave Ballerinas auftreten, werden kulturell nichtweiß geprägte Tanzstile ins Lächerliche gezogen. Und als die Sängerin in dem musikalisch unterirdischen Clip zwischen den gespreizten Beinen Schwarzer Frauen herumkrabbelt, dürfen diese lediglich „twerken“, also ordentlich mit den fast nackten Hintern wackeln.

Ihr Erfolg zeigt, dass Provokation zumindest für Taylor Swift das richtige Mittel ist. War sie zu Beginn ihrer Karriere noch das nette Country-Girl von nebenan, eignet sie sich mittlerweile immer wieder Stile, Gesten, Motive anderer Musik- und Filmgenres an. Offenbar gehören dazu auch ein romantisierendes Afrika-Bild im Stile des Romans „Herz der Finsternis“ oder des Films „Die weiße Massai“, der ebenfalls nicht über eine schwarz-weiße Erzählung eines wilden Afrikas gegenüber der zivilisierten Entwicklungshelfer hinauskommt.

Inzwischen kündigte Taylor Swift an, dass sie alle Einnahmen des Musikvideos zum Schutz afrikanischer Wildparks spenden will. Vermutlich handelt es sich dabei um jene Savannen, die Schwarze lediglich betreten, um knipsenden europäischen und nordamerikanischen Touristen wilde Tiere und die untergehende Sonne zu zeigen. Ihre Kritiker wird Taylor Swift mit dieser hilflosen Geste jedenfalls nicht zähmen.

Quelle: FAZ.NET
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