Marktforscher für Zuckerberg

Wie fandet ihr mich?

Von Fridtjof Küchemann
 - 09:40

2017 war kein gutes Jahr für Facebook. Amerika musste erfahren, dass 126 Millionen Nutzer vor der Präsidentenwahl über das soziale Netzwerk von russischen Troll-Farmen mit politischer Propaganda beliefert worden waren. Auch andere Gruppen verbreiteten ihre Fake News in großem Stil. Die schrecklichsten Verbrechen und Suizide wurden über Facebook Live gesendet. Und zu den üblichen Skeptikern und Apokalyptikern, die sich um die Folgen der Facebook-Nutzung für unser Miteinander und jeden Einzelnen sorgten, gesellten sich Investoren aus der Frühphase des Unternehmens und ehemalige Mitarbeiter.

Auch diese lakonische Zusammenfassung, veröffentlicht in einem Beitrag im Netzwerk LinkedIn, stammt von einem ehemaligen Mitarbeiter. Tavis McGinn hatte sich im April des Katastrophenjahres um einen Job irgendwo in der Marktforschung des Unternehmens beworben. Die Aufgabe, die er schließlich übertragen bekam, kennt man eher aus Wahlkämpfen in der Politik oder bei Unternehmen mit skandalträchtigen Chefs wie Uber zu Zeiten Travis Kalanicks: Tavis McGinn sollte das öffentliche Image des Facebook-Gründers überwachen - Tag für Tag, Posting für Posting, Auftritt für Auftritt. War Mark Zuckerberg in einer Rede auf Einwanderung, das Gesundheits- und das Bildungssystem zu sprechen gekommen, sei es darum gegangen, wie die verschiedenen Themen bei unterschiedlichen Zielgruppen in Amerika angekommen wären, erzählt McGinn in einem Artikel des Online-Magazins „The Verge“. Sogar wenn Zuckerberg im Garten gegrillt und das mit Facebook Live übertragen habe, sollte er sich anschauen, wie die Leute darauf reagierten.

Es sei keinesfalls darum gegangen, die Angebote oder Richtlinien von Facebook auf diese Resonanz abzustimmen, ließ das Unternehmen wissen. Dabei ist seinem Chef nichts wichtiger, als dass Facebook an Vertrauenswürdigkeit gewinnt. Hatte Zuckerberg einige der vorgetragenen Bedenken zunächst als „verrückte Ideen“ abgetan, musste er lernen, dass er sich mit der gesellschaftlichen Rolle und Verantwortung seines Unternehmens würde befassen müssen - ob in langen Beiträgen auf seiner Facebook-Seite oder bei einer Reise durch alle Bundesstaaten Amerikas. Er änderte das Leitbild des sozialen Netzwerks und erklärte zu seinem persönlichen Ziel für dieses Jahr, Facebook zu reparieren. Weniger Firmen- und Medien-Postings, stattdessen mehr Beiträge der sogenannten „Freunde“ in den Timelines zu zeigen ist ein erster Schritt.

Nur Marlboros Image ist noch schlechter

Welche Auswirkungen die Vorsätze Mark Zuckerbergs und die Veränderungen, die er vornimmt, auf dessen Beliebtheits- und Vertrauenswerte haben, wird Tavis McGinn nicht mehr aus dem Inneren des Unternehmens untersuchen. Nach gerade einmal sechs Monaten hatte der junge Marktforscher Facebook wieder verlassen, enttäuscht darüber, dass er die Werte des Unternehmens, seine Kultur und seine Art, Geschäfte zu machen, nicht verändern konnte. „Ich bin zu Facebook gegangen in der Hoffnung, von innen heraus etwas verändern zu können“, sagt McGinn. „Ich war viel zu optimisch.“

Inzwischen hat er eine eigene Marktforschungsagentur gegründet und sich auf Blitzumfragen zur Einstellung gegenüber Marken und Werbung spezialisiert. Ende Januar wollte er wissen, welchen Konzernen ein negativer Einfluss auf die Gesellschaft zugeschrieben wird. Unternehmen aus allen Branchen standen zur Wahl. Auf der Negativliste ganz oben landete Marlboro, gefolgt von – Facebook. Dahinter rangieren McDonald’s und Wal-Mart. Unter den Technologiekonzernen kam Facebook mit fast einem Drittel aller Nennungen sogar auf den Spitzenplatz. Vielleicht gelingt es Tavis McGinn mit Umfragen wie dieser ja doch, Facebook zu verändern. Dann eben von außen.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFacebookMark ZuckerbergAmerikaPräsidentenwahlLinkedInUberTravis Kalanick