Volker Kutscher im Gespräch

„Babylon Berlin“ – Unsere wilden Jahre

Von Andreas Kilb und Peter Körte
 - 16:42
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Als sich der Bezahlsender Sky, die ARD, deren Tochter Degeto und verschiedene Filmförderer für „Babylon Berlin“ zusammentaten, wollten sie beweisen, dass auch eine deutsche Serie international konkurrenzfähig sein kann. Die 40 Millionen Euro für die 16 Folgen der ersten Staffel sind – das kann man nach Ansicht der ersten acht Folgen behaupten – gut angelegt. Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten haben die Serie geschrieben und inszeniert, Vorlage waren Volker Kutschers Bestseller-Romane um den Kommissar Gereon Rath.

Kutschers Reihe, die aus mittlerweile sechs Romanen besteht und den Zeitraum von 1929 bis 1934 umfasst, zeigt im Medium des Kriminalromans, wie sich die deutsche Gesellschaft allmählich, aber nicht deterministisch-zwangsläufig in den Nationalsozialismus bewegt. Sie bringt auf einzigartige Weise Alltag, Zeitgeschichte und Kriminalistik zusammen. Und sie wird weitergehen. Mit den drei Romanen, die Kutscher noch schreiben wird. Und hoffentlich auch mit weiteren Staffeln der Serie „Babylon Berlin“, die bisher im Wesentlichen auf dem ersten Roman „Der nasse Fisch“ beruht. Darin wird Gereon Rath aus Köln nach Berlin versetzt und gerät gleich bei seinem ersten großen Fall in Verstrickungen, die mühelos für zwölf Stunden Fernsehen reichen.

Herr Kutscher, wir haben uns gemeinsam die erste Folge von „Babylon Berlin“ angesehen. Ihr Kommissar Gereon Rath wirkt weniger forsch und unbekümmert als von seinen Kriegserlebnissen traumatisiert. Charlotte Ritter, die weibliche Hauptfigur, ist nicht Jurastudentin, sondern Stenotypistin aus ärmsten Verhältnissen und gelegentlich auch als Prostituierte tätig. Haben Sie Ihre Figuren überhaupt noch wiedererkannt?

Ja, die Figuren sind anders angelegt als im Roman. Aber es gab ein Wiedererkennen. Liv Lisa Fries kommt Charlotte, Charly, wie ich sie mir vorstelle, schon vom Aussehen sehr, sehr nah. Sie hat einen anderen sozialen Hintergrund als im Roman, sie muss sich von weiter unten nach oben kämpfen, aber vom Charakter her ist es dieselbe Figur, eine Frau, die die neuen Freiheiten der Republik nutzen möchte, um sich zu emanzipieren. Im Roman sind es kleinbürgerliche Verhältnisse, aus denen sie herauswill. Hier ist es ein Milieu der Armut, das im Roman von den Hauptfiguren nicht bespielt wird. In der Serie rücken so von Anfang an die starken sozialen Gegensätze ins Zentrum. Gereon Rath habe ich im Buch ganz bewusst nur grob skizziert, weil ich wollte, dass jeder Leser sich seinen eigenen Gereon vorstellt. Der mag nicht bei jedem aussehen wie in der Serie, doch Volker Bruch spielt die Rolle großartig, er zeigt Rath als einen Mann, der nicht genau weiß, was er will; das passt auch zur Figur, wie ich sie angelegt habe. Wer mich jedoch wirklich umgehauen hat, ohne dass ich damit die anderen schauspielerischen Leistungen abwerten möchte, ist Peter Kurth als Bruno Wolter, Raths Vorgesetzter im Sittendezernat.

Peter Kurth sorgt für das, was im Roman die Grundstimmung ausmacht: eine gewisse Schwere, eine Wurstigkeit, hinter der sich eine tiefe Verletzbarkeit verbirgt, eine Gebrochenheit, zu der auch die Korrumpierbarkeit gehört. Verkörpert er die Stimmung der Geschichte und damit der ganze Serie?

Man kann das wohl nicht auf den Schultern einer einzigen Figur abladen. Bruno Wolter ist sicher eine Figur, die viele Welten zusammenbringt, auch die von Charly mit der von Rath. Er ist ja nicht nur ein Bösewicht. Er ist zwar korrumpierbar und brutal, wie man anfangs sieht, er muss sich durchsetzen, aber wenn man ihn das erste Mal mit seiner Frau Emmy erlebt, wird einem warm ums Herz. Er hat auch gute Gründe für sein Verhalten. Bösewichte halten sich ja nie selbst für böse, außer vielleicht in Comics. Er kämpft in seinen Augen für eine gute Sache.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Sie haben jetzt vor allem die Leistungen der Schauspieler hervorgehoben. Aber haben Gereon und Charly im Vergleich zum Buch nicht doch deutlich andere Persönlichkeitsprofile?

Ja, Gereon zum Beispiel ist in der Serie stärker traumatisiert, weil er im Krieg war, und zwar nicht nur, wie im Roman, in der Etappe, sondern an der Front, wo er seinen Bruder zurücklassen musste. Es war mir aber auch klar, dass die Adaption keine Eins-zu-eins-Abbildung der Figuren sein würde. Ich hatte schon beim ersten Treffen mit Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten bemerkt, mit wie viel Herzblut die drei am Drehbuch arbeiteten. Als dann die Frage kam: „Wie viel Freiheit lässt du uns denn?“, habe ich gesagt: „Ich will eure Kreativität in keiner Weise einschränken, bleibt bitte dem Kern meiner Geschichte und meiner Figuren treu und erzählt dann, wie ihr wollt.“ Das haben sie gemacht. Und es funktioniert, auch wenn die Figuren zum Teil ganz anders angelegt sind. Man muss auch gönnen können, wie wir in Köln sagen, man muss loslassen. Es ist eine Interpretation, aber sie widerspricht nicht dem, was ich erzähle. Eine Adaption darf frei mit der Vorlage umgehen. Ich bin beeindruckt von dem, was da entstanden ist, sage mir aber gleichzeitig, dass ich aufpassen muss, weil ich mit meinem Projekt noch nicht am Ende bin. Ich habe noch drei Romane vor mir. Die Serienwelt bewegt sich teilweise in andere Richtungen, ist breiter angelegt durch die vielen Subplots, die erzählt werden. Es ist von Anfang an weniger Krimi. Bei mir hat sich das in der Reihe erst nach und nach entwickelt, dass das Krimimoment immer mehr in den Hintergrund gerät und die gesellschaftlichen und politischen Dinge nach vorne rücken.

Es gibt in Ihren Büchern eine Ebene, auf der Sie sich gar keine Freiheiten erlauben. Das ist die Rekonstruktion der Topographie Berlins in jener Zeit. Wie hat die Serie die technische und visuelle Herausforderung, die darin liegt, bewältigt?

Es ist atmosphärisch völlig stimmig. Wenn man es ganz genau nimmt, aber ich bin nicht ein solcher Erbsenzähler, sah der Alexanderplatz 1929 noch nicht so aus wie im Film, weil Berolina- und Alexanderhaus noch nicht gebaut waren, im Roman ist von der Baustelle die Rede, fertig wurden sie aber erst 1931/32. Doch der Look ist überzeugend, es ist das Berlin jener Jahre. Man hat auch gute Doubles gefunden. Statt des Polizeipräsidiums, der Roten Burg, die nicht mehr steht, hat man das Rote Rathaus genommen, weil es dieselbe Backstein-Neorenaissance-Fassade hat. Und sehr liebevoll die Türmchen des Präsidiums hineinkopiert. In „Babylon Berlin“ spürt man in jedem Bild die Liebe zu der Stadt und das Gespür für das Besondere an ihr. Da kann ich leicht über zwei Häuser am Alex hinwegsehen, die da noch nicht standen.

Was ist das für ein Eindruck, wenn man diese ganze Welt nun in Farbe sieht? Nahezu das gesamte Bildmaterial aus der Zeit, das Sie für Ihre Recherchen benutzt haben, ist ja in Schwarzweiß.

Meine Romanwelt habe ich mir immer bunt vorgestellt. Um ein Gespür für die Farbigkeit der Zeit zu bekommen, habe ich mir Gemälde angesehen oder Werbeaquarelle, auch die ersten Farbfilme aus den späten Dreißigern - und mir die Hakenkreuzfahnen weggedacht. Berlin war damals eher grauer und brauner, was die Fassaden angeht. Ich muss da immer an Ost-Berlin in den achtziger Jahren denken. Wenn man dort unterwegs war im Prenzlauer Berg oder im Scheunenviertel, da gab es damals kaum Leuchtreklamen, wenig Farbe, nur heruntergekommene Fassaden, bröckelnden Putz, schummriges Gaslicht. Das kam mir eher vor wie die Atmosphäre des Vorkriegs-Berlins. Mit diesen Erfahrungen habe ich dann versucht, mich in meine Vision von 1929 hineinzubeamen.

Gab es in Ihrer Haltung zu der Adaption verschiedene Phasen? Einen Wechsel zwischen Distanz und Nähe?

Nach der ersten großen Freude über die Nachricht, dass Tom Tykwer den „Nassen Fisch“ liest, nach der Entschlossenheit von X-Filme, das Projekt zu machen, war ich sehr euphorisch. Dann habe ich aber auf die Euphoriebremse getreten und mir gesagt: Lass die mal machen, ich habe meine eigenen Baustellen. Ich bin auch nicht der Meinung, dass ein Roman erst durch eine Verfilmung geadelt wird. Er steht für sich. Und ich darf über der Adaption nicht meine eigene Arbeit vergessen. Als ich zwei Jahre nach dem ersten Kontakt die erste Drehbuchfassung las, dachte ich: Oh, da ist ja ganz schön viel geändert. Aber es war meine Geschichte, es ist nur noch viel hinzugekommen.

In Ihren Büchern beschreiben Sie eher eine Männerwelt, in der die Frauen an den Rand gedrängt sind. In der Serie sieht man etwas anderes, die Frauen sind sehr präsent. Das Interessante ist ja, dass Ihre Bücher so etwas wie einen Link zwischen der Welt von Döblins „Berlin Alexanderplatz“ und, sagen wir mal, dem frühen Böll oder Lenz bilden. Sie beschreiben einen Prozess der Barbarisierung, innerlich und äußerlich, der sich in der Zeit, in der die Romane spielen, vollzogen hat, der aus bestimmten Quellen gespeist und vor allem sehr männergesteuert ist.

Das ist so. In der Serie wird auch das Thema Krieg viel deutlicher als im „Nassen Fisch“. Ich bin darauf gründlicher erst zu sprechen gekommen in „Märzgefallene“, dem fünften Band der Reihe, und aus diesem Roman werden dementsprechend Aspekte in die erste Folge geholt, was ich richtig finde. Es sind in der Serie eben von Beginn an mehr Welten und Milieus da. Aber ob die Serie wirklich weiblicher ist? Man ist sicher näher dran an den weiblichen Figuren, Charlotte Ritters Rolle wurde in den Romanen erst allmählich größer. Die Frauen waren ja damals so etwas wie eine Hoffnung. Die Republik hat, das ist jedenfalls mein Geschichts- und Weltbild, auch eine ganze Menge an Hoffnungen gebracht bei vielen Deutschen. Charly ist eine von ihnen. Von diesem Optimismus wollte ich auch etwas spürbar machen.

Man hat mitunter den Eindruck, nicht nur, weil Bryan Ferry an der Auswahl der Musik beteiligt war, dass die späten Zwanziger durch die Brille des Siebziger-und-achtziger-Jahre-Berlins betrachtet werden, dass da eine interessante Überblendung der Zeiten stattfindet.

Es ist nicht nur das David-Bowie-Berlin, es ist auch das Berghain-Berlin, das da hineinspielt, um das Party-Berlin der Zwanziger mit seinen Freizügigkeiten zu inszenieren. Es ist eine Art und Weise, die Vergangenheit näherzubringen. Das mache ich auf andere Weise auch in den Romanen. Ich möchte die historische Barriere durchbrechen, durch banale, vertraute Dinge wie Markenartikel oder Alltagsgegenstände, die heute noch in Gebrauch sind. Also schildere ich diese Welt so modern wie möglich, ohne dabei anachronistisch zu werden.

Serientrailer
„Babylon Berlin“
© SKY, SKY

Trauern Sie auch manchen Ereignissen und Episoden nach, die es in der Serie nicht mehr gibt? „Der nasse Fisch“ hat ja einen ganz starken Anfang mit einer Folterszene, die in der Serie später auch auftaucht.

Im Buch ging es mir darum, einen bestimmten Ton anzuschlagen, um dann in Ruhe und mit langem Atem erzählen zu können. Gereon Rath kommt erst im zweiten Kapitel. Das wäre in einer Serie natürlich so nicht möglich gewesen. Im Buch kommt er über die Pornofotos ins Spiel, das war mit Blick auf „Chinatown“ geschrieben. Ich fand es ein bisschen schade, dass es bei der Razzia in dem Pornofilmstudio um Blasphemie ging und nicht, wie im Buch, um Majestätsbeleidigung, wo der Darsteller mit Kaiser-Wilhelm-Bart aktiv ist. Das hätte ich gerne visuell umgesetzt gesehen, Bismarck oder den Alten Fritz im Porno. Oder auch die anschließende Verfolgungsjagd auf dem Baugerüst des Karstadt-Neubaus am Hermannplatz. Das sind Romanbilder, die ich mag, aber für den Plot ist es letztlich egal, wo diese Szene spielt.

Es gibt in jedem Roman eine zeitgeschichtliche Markierung, vor deren Hintergrund der Kriminalfall spielt. Wie den Blutmai 1929 im „Nassen Fisch“, der erst durch Ihren Roman wieder in Erinnerung gerufen wurde. Ist Ihnen die Serie politisch genug?

Ich finde sie sogar politischer als meinen Roman.

Wie das?

Es passieren noch mehr konkrete Dinge, es kommen sogar Stresemann und Briand vor, es gibt etwas mehr Prominenz, mehr Haupt- und Staatsaffären, was ich bewusst in den Büchern vermieden habe. Und der Tod Stresemanns im selben Jahr, das wird auch oft vergessen, ist auf seine Weise so wichtig wie der Blutmai und der Börsencrash. Das war ein Mann, der viel gebündelt hat, der die national denkenden Bürger für die Republik hat einnehmen können. Wenn er nicht gestorben wäre, wer weiß, ob die Nazis so gute Chancen gehabt hätten? Dass er in der Serie auftaucht mit einer Sprechrolle, finde ich sehr gut.

Wissen Sie eigentlich schon genau, was aus Gereon Rath in den ausstehenden Romanen werden wird?

Nein, tatsächlich nicht. Ich schreibe von Roman zu Roman. Ideen habe ich schon, aber immer unter Vorbehalt. Früher habe ich immer sehr genau geplottet. Dann merkt man während des Schreibens, dass sich die Dinge anders entwickeln. Die Figuren kommen anders aus dem Roman heraus, als man sich das vorher gedacht hat.

Wird nicht der Druck größer von Roman zu Roman, die Geschichte „richtig“ zu erzählen, weil die Frage immer stärker im Raum steht, wie sich Gereon zum Naziregime verhält?

Der Druck ist immer groß, die Angst des Scheiterns sitzt mir immer im Nacken. Das scheint dazuzugehören. Die Erwartungshaltung hat sich schon sehr geändert, es gibt auch eine wachsende Lesergemeinde, spätestens seit dem vierten Buch, der „Akte Vaterland“.

Der Premiere der Serie müssten Sie da fast schon entspannt entgegensehen.

Ja. Ich freue mich sehr darüber, aber es ist nicht mein Baby. Das sind die Bücher, und denen wird es sicher nicht schaden, es dürfte ihren Bekanntheitsgrad eher erhöhen. Wie gesagt, ich versuche, sehr streng zu trennen zwischen meinen Romanen und „Babylon Berlin“. Es ist eine Adaption, und ich bin sehr glücklich, dass sie gelungen ist. Aber man muss eine Verfilmung immer auch unabhängig von der Vorlage betrachten und sich fragen, ob sie als eigenständiges Werk geglückt ist.

„Babylon Berlin“ ist von Freitag, 13. Oktober, an auf Sky zu sehen und wird 2018 in der ARD ausgestrahlt.

Quelle: F.A.S.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen ZeitungAutorenporträt / Körte, Peter (pek)
Andreas Kilb
Peter Körte
Feuilletonkorrespondent in Berlin.Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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