Mafia-Serie „Suburra“

Rom sehen und sterben, das ist hier ein und dasselbe

Von Ursula Scheer
 - 08:45

Was Netflix von Europa will? Zuschauer natürlich, und weil das nicht ohne in den jeweiligen Ländern für den heimischen Markt produzierte Serien geht – Quotenregelungen für Ausländisches wie in Frankreich drohen schließlich europaweit –, legt der amerikanische Streamingdienst eine europäische Eigen- oder Koproduktion nach der anderen auf, die möglichst auch international, zum Beispiel in Amerika, Kunden zum Abruf bewegen sollen. Womit sich Netflix da die besten Chancen ausrechnet? Offenbar mit möglichst Finsterem. Europäische Serie by Netflix heißt Neues vom dunklen Kontinent.

In „Marseille“ planierte sich Gérard Depardieu als Bürgermeister dampfend einen Weg durch die verrottete französische Politik. Als deutscher Beitrag zum Senderportfolio ist mit „Dark“ eine Serie über verschwundene Kinder geplant, was verdächtig an die amerikanische Netflix-Serie „Stranger Things“ erinnert. Nur die Spanier kehrten mit einer Serie über Fräuleins vom Amt anno 1928 den tiefen Schatten den Rücken; die Italiener dagegen tauchen mit Wonne in sie ein. Das Belpaese, Land des dolce vita, der blühenden Zitronen, Sehnsuchtsziel für Vespa-, Pizza- und Sophia-Loren-Nostalgie? Tempi passati!

In „Suburra“, der ersten italienischen Netflix-Serie, geht es mindestens so ungemütlich zu wie bei den „Sopranos“ von HBO oder der von Sky Italia aufgelegten Mafia-Serie „Gomorrha“ nach Roberto Saviano, die weltweit Beachtung fand. „Suburra“ stammt aus der Werkstatt der Produktionsfirma Cattleya, aus der auch „Gomorrha“ kam, wird nach der Streaming-Premiere auch bei der Rai laufen und legt sogar noch ein paar Schippen drauf, was die in diesem Krimi-Thriller entfachten Höllenfeuer betrifft. Es geht um mehr als nur einander niedermetzelnde Verbrecherclans und Rauschgifthandel, es geht um das ganze verrottete Rom.

Das wirft die Frage auf, was die Italiener eigentlich von Netflix wollen. Es scheint: mit schonungsloser und an einigen Stellen extremer Drastik ihr politisches System, ihre Gesellschaft und vor allem die katholische Kirche, also den Vatikan, als unrettbar korrupt, verfault und kriminell ausstellen. Die Selbstgeißelung eines besonders maroden Monsignore, der Massenorgien mit Prostituierten feiert – ein schlichter Gang ins Bordell wäre wohl dramaturgisch nicht aufregend genug gewesen –, wirkt da schon fast wie ein metafiktionaler Kommentar.

Alles beginnt am Tag, an dem der Bürgermeister seinen Rücktritt verkündet. Zwanzig Tage bleiben allen, die unter dem Mantel seiner Administration die Fäden gezogen haben, ihre kriminellen Machenschaften zu Ende zu bringen oder neue Allianzen zu schmieden. In diesen knapp drei Wochen im Jahr 2008 spielen die zehn Folgen der Staffel, jede beginnt mit dem dramatischen Ende eines Tages, von dem aus die Handlung zurückspringt auf die vorausgehenden Ereignisse. Das Muster der Rückgriffs ist ein Charakteristikum von „Suburra“: Die Serie erzählt die Vorgeschichte des gleichnamigen Kinofilms von Stefano Sollima, gleichfalls eine Cattleya-Rai-Netflix-Zusammenarbeit, der im Jahr 2011 spielte und auf dem Roman „Suburra“ von Carlo Bonini und Giancarlo De Cataldo basierte. Die neuen Drehbücher wurden von einem Team um Daniele Cesarano geschrieben und von den Regisseuren Michele Placido, Andrea Molaioli und Giuseppe Capotondi inszeniert.

Im Kern der Geschichte steckt wieder der reale Skandal um die Vergabe von Bauland in Ostia und ein geplantes Glücksspiel-Paradies, aber all das sorgt eher für den Hintergrundbeat. Die Musik spielt für drei junge Kerle, jeder ein erbärmliches Würstchen, jeder ein erbarmungsloser Verbrecher, die ihre Väter oder Ziehväter beiseite räumen, um ihre kriminellen Karrieren anzutreten.

Der Polizistensohn Lele (Eduardo Valdarnini), ein schicker Schnösel von Student, dealt und organisiert Sexpartys im Familienanwesen – und fürchtet um sein Leben, weil er den Männern des Mafia-Bosses Samurai (Francesco Acquaroli), des wahren Herrschers von Rom, Zehntausende Euro schuldet. Wie gerufen kommt da, dass eine Prostituierte bei einer seiner Partys einen hohen Geistlichen aus dem Vatikan beim Sündenfall filmt: ideales Material für eine Erpressung. Aber auch Spadino (Giacomo Ferrara), zur Ehe gezwungener Spross eines kriminellen Sinti-Clans, und Aureliano (Alessandro Borghi), nicht für voll genommener Filius des Bosses von Ostia, wollen ihren Anteil, denn sie übernehmen die Drecksarbeit. Dass der Priester in der Bauland-Kommission sitzt, spinnt den Handlungsfaden weiter zu von Samurai umworbenen Politikern und Kirchenmännern. Und dann sind da noch eiskalte Frauen im Hintergrund wie Aurelianos Schwester und die Politberaterin Sara.

Souverän spult die Serie, die einigen Schauspielern des Kinofilms Gelegenheit gibt, ihre Figuren weiter zu ergründen, eine Untat nach der anderen ab. Jeder Dialog ist Pose, weil keiner sich preisgeben will, jedes Interieur Kulisse, weil Repräsentation alles ist, bei Kriminellen oben wie unten, am bombastischsten bei den unentwegt tanzenden „Zigeunern“. Es gibt auch einen Kitsch der Verbrecherinszenierung. „Suburra“ ist voll davon. Die Botschaft mit Blick auf die titelgebende Vorstadt des antiken Rom, in der heute die Reichen leben, ist hoffnungslos: „Dieser Ort hat sich seit zweitausend Jahren nicht verändert“, sagt Samurai. „Patrizier und Plebejer, Politiker und Kriminelle, Huren und Priester.“ Und alle sind käuflich. Für ihn kann es immer so weitergehen im ewigen Rom. Für diese Serie auch.

Suburra ist auf Netflix abrufbar.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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