Medien
Serie „Dear White People“

Schwarzweißdenken liegt ihr nicht

Von Andrea Diener
© Netflix, F.A.Z.

Es gibt Filme, in denen steckt so viel Potential, dass man die Sache hinterher zu einer Serie ausweiten kann. „Fargo“ ist da ein gutes Beispiel. Und manchmal ist es sogar der Regisseur des Films, der von seinem eigenen Stoff nicht genug bekommen kann, etwa der Brite Shane Meadows, der „This is England“ – seinen Film um eine Jugendclique in den frühen achtziger Jahren – bereits in drei Miniserienablegern weitergespielt hat.

Auch der amerikanische Filmemacher Justin Simien hat wohl gespürt, dass in seiner Highschool-Satire „Dear White People“ aus dem Jahr 2014 mehr steckt, als er in ihre 108 Minuten packen konnte. Schon die Genese des Films war eine Story für sich: Per Crowdfunding sammelte Simien ein Startkapital von 40.000 Dollar, so entstand sein erster abendfüllender Spielfilm. Schon am Eröffnungswochenende spielte „Dear White People“ mehr als 300.000 Dollar ein, es regnete Preise, unter anderem den Nachwuchspreis beim Sundance-Fimfestival. Das sorgte für einiges Aufsehen und führte schließlich zu einem Vertrag mit einer Produktionsfirma, die zehn Folgen einer gleichnamigen Serie in Auftrag gab. Diese Serie ist nun auf Netflix zu sehen.

Schuhcremegesichter und Kannibalenklischees

Und was für eine Serie es geworden ist! Egal, wie viele Highschool-Komödien man schon gesehen hat, so hat man noch keine erzählt bekommen – nämlich aus der Perspektive einer schwarzen Community an einem weißen, fiktiven College namens Winchester. Die Hauptfigur ist Sam (Logan Browning), eine Studentin der Medienwissenschaften, und sie hat eine regelmäßige Sendung beim Campusradio. In dieser titelgebenden Sendung namens „Dear White People“ erzählt Sam alles, was ihr tagein, tagaus so stinkt. Das ist überhaupt das Hauptmerkmal von Sam: Stilles Verarbeiten von Problemen liegt ihr eher weniger.

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Das wiederum ruft die Jungs des weißen, satirischen Studentenmagazins „Pastiche“ auf den Plan, denen Sam schon lange auf die Nerven geht. Sie bewältigen ihren Ärger ausgerechnet mit einer Party, deren Motto „Dear Black People“ lautet – und alles, was man befürchtet, wird da durchgespielt, inklusive Schuhcremegesichtern und Kannibalenklischees. Sam macht heimlich Filmaufnahmen, die an die Öffentlichkeit gelangen, und die Party endet mit Blaulicht, Sirenengeheul und einer brutal durchgreifenden Security. Nun hat das College genau die Rassismusdiskussion an der Backe, die es lange nicht hat führen wollen.

So weit die Ausgangssituation aus dem Film. Nun wird es wirklich interessant, denn die Vorkommnisse sind Tagesgespräch in Winchester. Auch, wer sich bislang aus der Sache herausgehalten hatte, wird nun dazu gedrängt, sich zu positionieren. Justin Simien gibt jeder Figur eine Folge lang Gelegenheit, ihre Sicht auf die Dinge zu entfalten. Es tut dem Stoff gut, mehr Raum für Komplexitäten zu haben, so dass die Charaktere nicht zu Funktions- oder Meinungsträgern reduziert werden. Niemand wird erzählerisch ans Messer geliefert.

Austeilen in alle Richtungen

Sam kommt genauso zu Wort wie ihr Freund Gabe (John Patrick Amedori), der sich als einziger Weißer inmitten schwarzer Aktivisten am liebsten unentwegt entschuldigen möchte. Oder Lionel (DeRon Horton), der Schülerzeitungsjournalist, der sich um Objektivität ebenso bemüht wie darum, Frieden mit seiner Sexualität zu machen. Troy (Brandon P. Bell, der die Rolle schon im Film spielte) ist der Sohn des Universitätsdekans und hat als Studentensprecher einen offiziellen Status inne, möchte aber auch seinem übermächtigen Vater und dessen Plänen für Troys Leben entkommen. Troys Freundin Coco (Antoinette Robertson) wiederum ist oberflächlich und statusbewusst, aber das war sie nicht immer, wie Rückblenden zeigen.

Jeder hat seine eigene Art, mit den Anforderungen und Widrigkeiten zurechtzukommen, denen er ausgesetzt ist. Einige möchten randalieren, andere veranstalten Poetry-Slams und drucken Hashtags auf T-Shirts. Wie diese Ideale und Erwartungen, Frustrationen und Maßnahmen zur Lebensbewältigung in schöner Regelmäßigkeit miteinander kollidieren – auch über Kommunikationskanäle wie Instagram oder per Whatsapp – ist klug inszeniert und gefilmt und ist oft ausgesprochen lustig. Vor allem aber sind die Konflikte, deren Zeuge wir werden, meist eigentlich nicht lösbar, sondern höchstens verhandelbar.

In den Vereinigten Staaten rief die Serie, bei aller positiver Kritik, auch negative Reaktionen hervor. Vor allem in den sozialen Netzwerken reagierten Nutzer beleidigt. Die Serie sei rassistisch gegenüber Weißen, hieß es. Den Regisseur Simien ficht diese Kritik nicht an: Er weiß genau, dass Aufmerksamkeit seiner Sache nur guttun kann. Und der Vorwurf trifft ja auch nicht: „Dear White People“ teilt, wie es sich für gute Satire gehört – zu der die schlechte Satire von „Pastiche“ nicht gehört –, in alle Richtungen gleichmäßig aus.

Dear White People läuft auf Netflix.

Quelle: F.A.Z.
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