TV-Serie „The Deuce“

Von Kopf bis Fuß auf Dollars eingestellt

Von Ursula Scheer
 - 18:04
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Das ist New York City“, sagt James Franco als Vince Martino, nimmt noch einen Zug aus der Zigarette und schenkt nach in seiner rauchgeschwängerten, von Soulbeats durchbebten Bar, in der Zuhälter und Huren sich am Tresen drängen – der erste Drink geht aufs Haus –, Transvestiten und Schwule von Selbstverwirklichung träumen und Cops Studentinnen abschleppen. Schutzgelderpresser geben sich die Klinke in die Hand und fliegen hochkant raus, weil schon ein italienischer Clan die Hand auf dem Laden hat, und Vinces Zwillingsbruder Frankie, ein Windhund vor dem Herrn, häuft am Pokertisch wieder Spielschulden an, während draußen rund um den Times Square die Mädels vom Straßenstrich ungerührt weiter ihre Runden drehen, als wieder einer mit Messer im Bauch auf dem in allen Neonfarben leuchtenden Asphalt liegt.

„Man muss die Leute überraschen“, sagt Vince, der Bar-Manager, es müsse für jeden etwas geboten werden. Und das tut „The Deuce“, die neue HBO-Serie des „The Wire“-Schöpfers David Simon, weiß Gott. Sein Werk katapultiert uns aus dem Drogensumpf von Baltimore mitten in die New Yorker Rotlichtszene der frühen Siebziger, die kurz davor steht, im großen Stil einen neuen Geschäftszweig aufzuziehen: Pornofilme und sogenannte Erwachsenenkinos (in denen es noch vor Ratten nur so wimmelt).

Das Sexbusiness als System

In epischer Breite rollt die Serie, die Simon als ausführender Produzent mit George P. Pelecanos ersonnen hat, alles auf, was der Mikrokosmos hergibt – auch an Schauwerten: Liebe und Leid, ziemlich explizite Sexszenen (so oft waren wohl noch nie Männer unten ohne im amerikanischen Fernsehen zu sehen) und Gewalt, eine perfekte Ausstattung, Beleuchtung, Bildregie und Stars in tragenden Rollen, dazu eine Vielzahl weiterer, exzellent besetzter Figuren, von denen nahezu jede sperrig genug ist, um Schablonen zu sprengen. Das alles zusammen sorgt für ein Gefühl von Authentizität, die Welt dieser Figuren ist dreckig genug, um lebendig zu wirken. Und wie.

Was „The Deuce“ zu mehr macht als eine auf acht Episoden ausgedehnte Karussellfahrt über den Jahrmarkt erotisch aufgeladener Sensationen, ist die Fähigkeit, das Sexbusiness als System zu zeichnen. Jede einzelne Figur mit ihrem individuellen Schicksal wird wie an unsichtbaren Fäden von Größerem geleitet: der Macht des Geldes vor allem – hier herrscht Kapitalismus in Reinstkultur –, aber auch gesellschaftlicher Strömungen wie der Anti-Vietnam-Stimmung, Rassenkonflikten und der Frauenemanzipation. Am Ende siegt immer das Kapital. Darüber muss man nicht reden, das ist einfach so, das taugt auch nicht für mit Existentialismus bildungshubernde Belehr-Diskurse über die Herabwürdigung der Frau zur Ware, zum Objekt. Abby (Margarita Levieva), die Studentin mit der Carole-King-Frisur, lernt das schnell, als sie bei Vince anheuert. Und zieht, wie alle Kellnerinnen, Netzstrumpfhosen und Body an. Gibt mehr Trinkgeld, Sex sells.

Methodisch wie in „The Wire“, wo Simon Stück für Stück den Drogenhandel, die Polizeiarbeit und die Rolle der Medien auseinandergenommen hat, geht es in „The Deuce“ nicht zu. Hier sucht jeder Charakter durch einen Wirbel von Eindrücken und schnell geschnittenen Szenen seinen Weg, der immer wieder in die Bar der Martino-Brüder führt. Sie geben der Serie ihren Titel: „The Deuce“ bezeichnet die Zwei im Glücksspiel – und den Leibhaftigen.

James Franco tritt episodenweise auch als Regisseur auf; in seiner Doppelrolle der eineiigen Zwillinge, die immer wieder in Manet- und Hopper-Manier vor dem Tresenspiegel inszeniert werden, hätte er seine ganze abgründige James-Dean-Haftigkeit aufbieten können, schenkt uns aber nur einen überzeugenden Charakter, der zur bessern Unterscheidung von seinem Doppel in der ersten Folge eine Narbe bekommt: Vince, einer im Grunde ehrlichen Haut, ist die Frau über seine Nachtschichten abhanden gekommen. Aber es gibt Barmädchen zum Trost. Während Frankie als Haudrauf und loose cannon wie ein abgespaltener Persönlichkeitsteil Mätzchen macht, strampelt Vince glaubhaft, um nicht unterzugehen. Dass die Italiener in den dunklen Anzügen, die hinter ihm stehen (und sympathischerweise Mario Puzos „Paten“ lesen) ihm ein Bordell andrehen, ist ihm zuwider – er ahnt noch nicht, wie das Geschäft mit Sex-Filmen alles verändern könnte.

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Die einzige, die einen klaren Blick dafür hat, was geht (und was alles nicht), ist die Prostituierte Eileen alias „Candy“, in deren Rolle die Mitproduzentin Maggie Gyllenhaal eine beeindruckende Vorstellung gibt. Anders als die anderen Frauen auf dem Strich arbeitet Candy für keinen Zuhälter, auf eigene Rechnung und – wie wir sehen werden – eigene Gefahr. Sie gehört zu den wenigen, die wenigstens zeitweise aus dem Bannkreis der 42nd Street treten: Wenn sie ihren kleinen Sohn besucht, der bei ihrer Mutter lebt, oder das erste echte Date mit einem Mann hat, der nichts von ihrem Job weiß. Jeder ihrer Blicke erzählt von innerer Zerrissenheit hinter einem dicken Panzer rotziger Selbstbehauptung. Candy erkennt, dass es nicht reicht, von der Straße vor die Kamera zu wechseln und Gewinnbeteiligung für jede verkaufte Kopie der unter dem Ladentisch gehandelten Filme zu fordern, sondern dass erst hinter der Kamera die Zukunft für sie wieder offen wäre.

„The Deuce“ ist voll unansehnlicher Körperlichkeit und bitterer Geschichten, die nach und nach, in aller Ruhe – vielen wird es nicht schnell genug vorangehen – ausgebreitet werden. Aber die Serie glänzt auch mit augenzwinkernden Verweisen auf Romane von Dickens und abgründigem Humor. Grandios ist, wie zwei schwarze Zuhälter über die Politik Nixons räsonieren, während sie auf Frischware aus dem Mittleren Westen warten.

Die meisten Prostituierten kommen vom Land, und wenn ihnen ein Geschenk des Himmels den Weg nach Hause eröffnet, sind sie nicht gerettet, sondern erzählen daheim etwas von Modeln in New York und bringen neue Frauen mit zurück in den Moloch. Warum? Die Frage stellt eine junge Reporterin, eine von vielen weiblichen Perspektiven, die verstehen will, warum Menschen sich das hier antun – und zusehen muss, dass sie ihre Story verkauft.

Denn darum, und nur darum geht es: Dollarnoten, die zerknüllt auf der Theke oder dem Nachttisch landen, von flinken Fingern gezählt, in Umschläge für die ferne Familie gehortet oder gebündelt den Mächtigen zugeschoben werden, weil sie einen sonst abstechen. Wer nicht liefert, riskiert Leib und Leben, das gilt für die Kleinsten wie die Großen. Die Polizei ordert derweil eine Runde Essen beim Chinesen für die routinemäßig über Nacht festgesetzten Prostituierten. Weil wir in den Siebzigern sind, gelingt die Fiktion eines geschlossenen Zirkels, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der Markt ist ein paar Blocks groß, man telefoniert selten, ist real vernetzt, vor allem Gespräche Auge in Auge treiben die Handlung voran. Das muss man erst einmal hinbekommen in einer Serie über die Pornoindustrie.

Serientrailer
„The Deuce“
© SKY, SKY

The Deuce beginnt am Montag, 11. September, um 20.15 Uhr bei Sky.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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