„The Looming Tower“ bei Amazon

Sie hätten es vielleicht verhindern können

Von Matthias Hannemann
 - 19:40
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Kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde in den Trümmern des World Trade Center unter den vielen Opfern die Leiche eines FBI-Agenten gefunden. Sein Name war John O’Neill. Er hatte seit Mitte der neunziger Jahre, als er die Abteilung Counter-Terrorismus in Washington leitete und schließlich die Abteilung Nationale Sicherheit im New Yorker Büro übernahm, vor Al Qaida gewarnt. Die Gefahr, die von dieser Terrorgruppe und ihrem Anführer Usama Bin Ladin ausging, hatte O’Neill besser als andere begriffen. Was aber noch erstaunlicher war: Als die Attentate geschahen, hatte er das FBI gerade erst verlassen, um Sicherheitschef des World Trade Center zu werden.

Weniger erstaunlich ist, dass sich das Fernsehen für diese tragische Gestalt interessiert. Schon 2006 zählte O’Neill, gespielt von Harvey Keitel, deshalb zu den Hauptfiguren des Zweiteilers „Wege des Terrors“. Der Film war umstritten. Richard Clarke, der Antiterror-Berater der Präsidenten Clinton und Bush, sprach von einer verfälschten Darstellung der Vorgeschichte des 11. September.

Eine zehnteilige Serie des Streamingdienstes Hulu, die bei uns über Amazon läuft, unternimmt nun einen neuen Anlauf, auf Grundlage des Sachbuchs „Der Tod wird euch finden“, für das Lawrence Wright 2007 einen Pulitzer-Preis erhielt. Die Verwandlung des Buchs in einen Thriller besorgte Wright selbst, gemeinsam mit dem Filmemacher Alex Gibney und Dan Futterman als Chefproduzent.

Eine ihrer Thesen: Die Anschläge hätten womöglich verhindert werden können, wäre das Verhältnis zwischen FBI und CIA nicht von institutionellen und persönlichen Rivalitäten geprägt gewesen. Mit diesen beginnt die Serie „The Looming Tower“, die sich in Stil und Atmosphäre kaum von einem Stück wie „Homeland“ unterscheidet: Versteckt in einem Buch, in dessen Seiten ein Hohlraum geschnitten worden ist, gelangt 1998 ein klobiger Datenträger in Kairo auf verschlungenen Wegen in den Computer eines Islamisten. Der hat nicht viel Zeit, den Inhalt zu studieren. Männer mit Maschinenpistolen dringen in das Haus ein, und als deren Arbeit getan ist, landet der Datenträger bei einer CIA-Einheit namens „Alec Station“ in den Vereinigten Staaten.

Theoretisch: ein Coup. Die CIA-Leute behalten eine Terrorgruppe im Auge, die 1993 das World Trade Center in die Luft zu sprengen versuchte. Aber die Sache bekommt einen Haken: Der Leiter von „Alec Station“, der bärtige und manchmal arg schnell zu Militärschlägen ratende Professor Martin Schmidt (Peter Sarsgaard), verweigert dem FBI Einblick, obwohl die amerikanische Bundespolizei sich ausdrücklich für den Fund interessiert. Das Gerangel wächst sich zusehends zur Vorgeschichte des verheerenden Anschlags auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi und Daressalam im August 1998 aus, bei denen 224 Menschen ums Leben kamen und Tausende verletzt wurden.

Diese Vorgeschichte wird vor allem aus der Warte zweier Ermittler aus dem New Yorker FBI-Büro erzählt. Ali Soufan (Tahar Rahim), ein junger Beamter mit libanesischen Wurzeln, hat ständig das Gefühl, er müsse sich als verlässlicher Amerikaner beweisen. Er wird auch bei Dienstreisen nach London skeptisch beäugt. Er zählt zu den verblüffend wenigen FBI-Mitarbeitern, die Sprach- und Kulturkenntnisse in den Kampf gegen Al Qaida einbringen können.

Der andere ist sein Mentor, John O’Neill. Typen wie CIA-Schmidt, der wohl frei an den realen Michael Scheuer angelehnt wurde, kann er ebenso wenig ausstehen wie eine Reihe von FBI-Leuten. Was auf gegenseitiger Abneigung beruht. Aber das eigene Team, zu dem Robert Chesney (Bill Camp) zählt, der bald nach Kenia geschickt wird, schätzt O’Neill umso mehr. Über den Präsidentenberater Richard Clarke (Michael Stuhlbarg) besitzt er außerdem einen Draht ins Weiße Haus.

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Trailer„The Looming Tower“

Gespielt wird dieser John O’Neill von einem Mann, der in der Rolle des Journalist Will McAvoy in der Serie „Newsroom“ Amerika schon einmal über seinen kritischen Zustand nachdenken ließ: Emmy-Preisträger Jeff Daniels. Er bringt alles mit, was er für diese Rolle braucht: Stil, Pfeffer und Charme. Den Terroristen-Jäger, der schon als Kind für das FBI arbeiten wollte und aggressiv bellt, wenn ihm einer blöd kommt, schüttelt er ebenso aus dem Ärmel wie den verheirateten Familienvater, der gleich zwei anderen Frauen Versprechungen macht.

Und natürlich, selbst das entspricht der Wahrheit, reicht das Netzwerk von einem wie ihm bis zu den ABC News, die im Sommer 1998 (dem Sommer der Lewinsky-Affäre, die im Hintergrund läuft) ein Interview mit Usama bin Ladin ausstrahlten. O’Neill trifft seinen Kumpel vom Fernsehen, um mehr über die Begegnung zu erfahren. Er wankt hinaus auf die Straße und schimpft am Telefon darüber, dass der FBI-Direktor die Sendung verschlafen hat. Im Hintergrund leuchten die Zwillingstürme des World Trade Center.

Ob „The Looming Tower“ wie am Schnürchen auf den Zusammensturz der Türme zuläuft? Das lässt sich nach zwei Folgen, die es vorab zu besichtigen gab, nicht sagen. Vermutlich wird die Serie sich auf die amerikanische Perspektive beschränken. Eine Stärke des Buchs lag in der Verzahnung der Geschichte der Terrorjäger mit jener der Terroristen.

Aber es ist ein Auftakt mit Schmackes, ob nun zu sehr Krimi, wie einige amerikanische Kritiker meinten, oder nicht. Die Szenen sitzen, die Kulissen wechseln. Themen wie das Verhältnis von Soufan und O’Neill zu ihrer jeweiligen Religion streift man smart. Was wir über das Nebeneinander von CIA und FBI erfahren, das mit unterschiedlichen Aufgaben und Interessen zusammenhängt wie mit Macht- und Männerspielchen, macht einen fassungslos. Ein Zeitsprung zur „9/11-Kommission“ 2004 (Soufan sagt aus) deutet an, dass die CIA nicht nur 1998 Informationen für sich behielt. Wer es braucht, kann sich nach „The Looming Tower“ zum Ausgleich Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“ ansehen. Der handelt bekanntlich von der Jagd auf Usama Bin Ladin, die nicht ganz zehn Jahre nach 9/11, am 2. Mai 2011, mit dessen Tötung endete.

The Looming Tower läuft auf Amazon Prime.

Quelle: F.A.Z.
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