Vox-Serie „Outlander“

Zeitreisende soll man nicht aufhalten

Von Ursula Scheer
 - 19:37
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Wenn es draußen kalt und dunkel wird, ist sie wieder da: die Hauptsaison für Eskapismus-Fernsehen. Und wenn eine Serie dieses Genre perfektioniert hat, das vor allem Frauen zum Binge-Watching mit knisternd zuckerwattesüßem Guilty-Pleasure-Feeling verführen soll, dann ist es zweifellos „Outlander“.

Vor drei Jahren, als absehbar wurde, dass Ersatz für „Downton Abbey“ von ITV hermusste, ging der amerikanische Bezahlsender Starz mit der populär-feministisch unterfütterten Zeitreisegeschichte an den Start. Von Folge zu Folge wuchs der Zuspruch, auch international; inzwischen ist die dritte Staffel angelaufen und die vierte in Planung. Das Geheimnis der Serie wirkt zunächst simpel: Zuschauer bloß von einer einzigen auf Hochglanz polierten Vergangenheit träumen lassen – das kann ja jeder. Ronald D. Moores Adaption der bislang achtbändigen „Highland-Saga“ von Diana Gabaldon, der Bestsellerautorin aus Arizona mit der Schwäche für Schottland, geht so richtig in die Vollen.

In „Outlander“ trifft „Highlander“ auf „Mad Men“, „Indiana Jones“, „Fluch der Karibik“ und eben „Downton Abbey“, die Logik dahinter stammt aus „Zurück in die Zukunft“ (aber zur Hölle mit dem Raum-Zeit-Kontinuum), und der Genremix ist total: Romanze und Abenteuergeschichte, Erotikfilm und Kriegsepos, Historiendrama, Fantasy-Story und Science-Fiction, alles zugleich und nebeneinander quer durch die Jahrhunderte, Länder und Kontinente, opulent inszeniert zu Wasser, zu Land und in der Luft. Das geht aber nur, und nun kommen wir zum eigentlichen Geheimnis der Serie, weil in diesem Kaleidoskop die immer gleiche Botschaft ausgesandt wird, die alle Probleme der Frauenemanzipation in lustvoller Überzeitlichkeit auflöst: Du kannst wirklich alles haben.

Bilderbuch-Kind und Bilderbuch-Karriere, einen Mann, der den Müll runterträgt, und einen, der mit blankem Oberkörper zum Kilt das Schwert schwingt, aussehen wie Jackie Kennedy, Marie Antoinette oder eine Figur in einer Dickens-Verfilmung, Segnungen der modernen Welt wie Penicillin genießen und das aufregende Leben einer vergangenen – kein Problem für Claire, die von Caitriona Balfe verkörperte Hauptfigur der Serie.

Alles beginnt 1945 in Inverness, wo die als ehemalige Weltkriegskrankenschwester, Vollwaise und Archäologennichte bestens für das Verschwinden in die Vergangenheit präparierte Claire mit ihrem dauerdozierenden Professorengatten Frank Randall (Tobias Menzies) die Hochzeitsreise nachholt. An einem Steinkreis stürzt sie ins 18. Jahrhundert, wird prompt beinahe von Franks Vorfahr, dem skrupellos Schotten unterjochenden britischen Captain Jack Randall (gleichfalls Menzies), vergewaltigt, von Highlandern gerettet und Ehefrau des absoluten Superschotten Jamie Fraser (Sam Heughan). Dass das Bigamie im zweiten Futur ist, kann sie kaum erklären, ist auch egal, denn Jamie ist die große, wahre, einzige, echte Liebe. Gefangenschaft in einem kapitalen Zeitsprung ist überdies die romantischere Rechtfertigung für Hingabe als plumpe Fesselspiele wie in „Fifty Shades Of Grey“. Jamie sieht nicht nur aus, als lebe er im Fitnessstudio, sondern ist auch tapfer, ehrlich, einfühlsam, kann mit Kindern und ist ein echter Held.

Er kämpft, sie heilt, so weit das Spiel mit vertrauten Geschlechterrollen. Aber eigentlich geht es der Serie um systematische Umkehrung und Spiegelung der Stereotype – nur bitte so, dass der Schmacht-Faktor nie verlorengeht. Jamie ist die Jungfrau in der Ehe, zeigt sich aber lernfähig, seinen Körper bestaunt die Kamera, und sexuelle Gewalt erfährt nicht Claire in der frauenfeindlichen Historie, sondern er. Auf beiden Zeitebenen zeichnen Balfe, Heughan und Menzies ein Beziehungsdreieck: In der entfernteren Vergangenheit besteht die erotische Anziehung, tödliche Hassliebe, zwischen den Männern.

Als nach einem Ausflug an den Hof von Versailles und dem Verlust eines Kindes in Schottland die Schlacht von Culloden naht, von der die Frau von morgen weiß, dass sie vernichtend für die Schotten enden wird, schickt Jamie die inzwischen wieder schwangere Claire durch die Steine ins Jahr 1946. Frank, Wunder über Wunder, nimmt sie zurück und will mit ihr, weil er – wie praktisch – zeugungsunfähig ist, das Kind des anderen in Boston aufziehen.

So weit der irrwitzige Stand der Dinge mit Start der dritten Staffel, in der Claire, inzwischen verwitwet und Chirurgin, mit ihrer erwachsenen Tochter herausfindet, dass Jamie die Schlacht überlebt hat – und sich durch die Steine zurückbeamt. Sie wird ihn, so viel darf verraten werden, finden, um optisch nicht gealtert zu neuen Abenteuern in die Karibik aufzubrechen. Die Mega-Romanze geht weiter. Das Erstaunliche daran ist nicht die bemerkenswerte Ausstattung, das solide Spiel der Hauptdarsteller und die mit sicherem Sinn für Timing und Cliffhanger arrangierten Rückblenden auf die Trennungsjahre, sondern dass die Zeitreisende ein Paradox einfach so auflöst: Sie definiert sich als Frau völlig über einen Mann – nur die Liebe zählt – , aber holt sich mit kühlem Kopf das Beste aus einer anderen Welt mit Versorgungsehe und Aufstiegsmöglichkeiten. Das ist dann große Romantik. Und so können alle Zuschauer seufzend feststellen: Zeitreisen, ach, das wäre doch die Lösung sämtlicher Fragen in Herzens- und Emanzipationsdingen.

Outlander, die dritte Staffel, startet um 20.15 Uhr bei Vox und ist bei RTL Passion über Sky zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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