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Emmy-Anwärter Netflix

Der Thronanspruch könnte eine Zäsur ankündigen

Von Nina Rehfeld
 - 15:26

Nur fünfeinhalb Jahre, nachdem Netflix mit „House of Cards“ seine erste Originalserie ins Programm nahm, läuft der Streamingdienst dem Abosender HBO, der seit mehr als einem Jahrzehnt als weltweiter Qualitätsführer in Sachen Fernsehserie gilt, den Rang ab. In 112 Fällen ist Netflix für den Fernsehpreis Emmy nominiert, der am kommenden Montag in Los Angeles vergeben wird. HBO kommt auf immerhin achtzig Nennungen. Die Investitionen von Netflix machen sich offenbar bezahlt.

Dafür steht schon, dass Alfonso Cuaróns Netflix-Film „Roma“ in der vergangenen Woche bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden ist. Netflix will klotzen, um seinen Stamm von zurzeit rund 130 Millionen Abonnenten zu halten und auszubauen. Der Konzern will aber auch mit künstlerischem Anspruch glänzen. Und das gelingt, Der Netflix-Western „The Ballad of Buster Scruggs“ der Coen-Brüder erhielt in Venedig den Preis für das beste Drehbuch.

Als vor siebzehn Jahren der Abosender HBO (Home Box Office, in etwa: Heimkino) dem damaligen Liebling der amerikanischen Kritiker NBC bei den Emmys überrundete, markierte das den Beginn eines neuen Fernsehzeitalters. Serien wie „The Sopranos“, „Six Feet Under“ und „The Wire“ wurden zu einer neuen Form von Bildschirm-Literatur, wie der Schriftsteller Salman Rushdie einmal befand. HBO, das damals mit dem Slogan „It’s not TV. It’s HBO“ warb, pflegte sein anspruchsvolles Image sorgfältig. Man rekrutierte für opulent gefilmte Miniserien renommierte Schauspieler wie Al Pacino, Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman und Helen Mirren, sowie Filmemacher wie Steven Spielberg, Mike Nichols und David Simon. Und man schuf mit der Verfilmung von George R. R. Martins „Game of Thrones“ die bis dato teuerste Serie aller Zeiten, die bald auch zum am häufigsten raubkopierten Fernsehstoff wurde.

Feinkost und Fast-Food

Mit dem Thronanspruch von Netflix könnte sich abermals eine Zäsur ankündigen: Wird anspruchsvolles Fernsehen zur Massenware? HBO sei wie Tiffany, Netflix das Walmart des Abo-Fernsehens, sagte kürzlich der Chef des Medienkonzerns AT&T, Randall Stephenson. Der Vergleich freilich hinkt. HBO mag mit „Game of Thrones“ (22 Nominierungen) und „Westworld“ (21 Nominierungen) bahnbrechende Serien produzieren. Aber Netflix’ „Stranger Things“ (zwölf Nominierungen), die Wrestlerinnen-Serie „Glow“ (zehn Nominierungen) haben nicht von ungefähr Kultstatus. Die außergewöhnlich gefilmte Western-Miniserie „Godless“ (sechs Nominierungen) steht bei den Fernsehkritikern auf der Favoritenliste. Ganz zu schweigen davon, dass der düstere Thriller „Ozark“, für den Jason Bateman als bester Hauptdarsteller und Regisseur nominiert ist, als neues „Breaking Bad“ gefeiert wird.

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Serientrailer„Glow“

Der Programmchef von Netflix, Ted Sarandos, sagt, er habe Stoffe für Feinschmecker wie für Fast-Food-Zuseher. Es gelte, „jedem etwas zu bieten“. Besonders glücklich, sagte er zu den Emmy-Nominierungen, sei er darüber, dass diese sich auf vierzig verschiedene Programme erstreckten.

Was aber macht den Erfolg von Netflix aus? Zunächst der Preis: Das Abonnement kostet mit acht bis vierzehn Dollar im Monat (in Europa dieselbe Summe in Euro) nur etwa halb so viel wie das von HBO. Die Videothek von Netflix ist mit rund viertausend Filmen und mehr als 1500 Serien umfangreich. Das meiste davon ist jederzeit abrufbar. Damit kommt Netflix auf zurzeit rund 130 Millionen Abonnenten weltweit, davon allein 56 Millionen in den Vereinigten Staaten. Zum Vergleich: HBO, das im November seinen 45. Geburtstag feiert und Streaming ohne Kabelanbindung erst seit Ende 2014 offeriert, konnte im Februar 142 Millionen Abonnenten weltweit vorweisen. Einer Studie vom Oktober 2017 zufolge verfügen dreiundsiebzig Prozent aller amerikanischen Haushalte über Netflix, in etwa so viele, wie einen traditionellen Fernsehanschluss ihr Eigen nennen.

Lohnenswerte Investitionen

Netflix investiert ins Programm auf Teufel komm raus und lässt den Kreativen – das hört man wie ein Mantra immer wieder –, große Freiheiten. Zwölf bis dreizehn Milliarden Dollar will Netflix in diesem Jahr in neue Produktionen stecken. Dem steht das – nur im Vergleich – schmale Budget von 2,5 Milliarden Dollar bei HBO gegenüber. Mit hochdotierten Exklusivdeals bindet Netflix die angesagtesten Talente der Branche an sich. Die Produzentin Shonda Rhimes („Grey’s Anatomy“, „Scandal“, „How to Get Away With Murder“) ist darunter. Sie setzt für hundert Millionen Dollar acht Projekte für Netflix um. Ryan Murphy („Nip/Tuck“, „Glee“, „American Horror Story“) hat sich für fünf Jahre verpflichtet, in der Zeit stehen ihm für seine Werke dreihundert Millionen Dollar zur Verfügung. Der Talkshow-Altmeister David Letterman tritt auf und kassiert für jede Episode seiner Show „My Next Guest Needs No Introduction“ zwei Millionen Dollar. Martin Scorsese dreht mit Robert DeNiro, Al Pacino und Harvey Keitel für hundert Millionen Dollar „The Irishman“ für Netflix, nachdem das Hollywoodstudio Paramount einen Rückzieher machte. Mit Spike Lee, Steven Soderbergh, David Fincher und Ava DuVernay sind weitere hochkarätige Filmemacher bei Netflix unter Vertrag.

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Trailer„Godless“

Nicht alles freilich, was Netflix anfasst, wird zu Gold. Adam Sandler, der mit Netflix eine Vereinbarung über acht Filme hat, schuf bisher vier, die ebenso verrissen wurden wie Will Smiths „Bright“. Ted Sarandos begegnete der schlechten Bewertung ganz lässig. Wichtiger als die Kritikermeinung sei, dass Zuschauer die Filme guckten und liebten. Ob das so ist? Nachvollziehen – und das ist ein Knackpunkt und das große Fragezeichen der Geschichte –, lässt sich das nicht. Netflix veröffentlicht keine Einschaltquoten. Immerhin verlängerte der Konzern den ursprünglichen Deal mit Sandler über vier Filme um weitere vier. Dagegen wurde „Disjointed“, eine Sitcom von Chuck Lorre („Two and a Half Men“, „The Big Bang Theory“) nach einer Staffel eingestellt – offenbar, weil keiner die Marihuana-Comedy mit Kathy Bates sehen wollte.

Die Konkurrenz ist groß

Im Juli fiel die Netflix-Aktie dramatisch, nachdem der Abonnentenstamm zuletzt langsamer wuchs als erhofft. Im zweiten Quartal 2018 verzeichnete man statt der prognostizierten 6,2 Millionen Zugänge „nur“ 5,2 Millionen neue Zuschauer. Womöglich hat das damit zu tun, dass Netflix seine Preise inzwischen ausgeklügelt staffelt. Ein Premium-Abo mit HD-Streaming auf mehreren Bildschirmen kostet mittlerweile dann doch fast so viel wie das HBO-Paket. Pläne, das Programm mit Werbung zu spicken, sorgten zudem für Verunsicherung: Einer Online-Umfrage unter 1612 amerikanischen Zuschauern mit Internetzugang zufolge könnte das Netflix bis zu ein Viertel seiner Abonnenten kosten.

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Trailer„This Is Us“

Netflix geht es aber zweifelsohne besser als HBO. Dort läuft mit „Westworld“ zwar die klügste Serie seit langem. Aber große Stoffe und großes Schauspiel hat auf dem amerikanischen Markt und international auch die Konkurrenz zu bieten. Beim Sender Showtime läuft die Romanverfilmung „Patrick Melrose“, bei Hulu (in Deutschland bei der Telekom) die Margaret-Atwood-Adaption „The Handmaid’s Tale“.

Netflix oder HBO, wer macht bei den Emmys das Rennen? Am Ende könnte es ein lachender Dritter sein. Der Sender NBC mit „This Is Us“ etwa, das als beste Serie und für den Preis des besten Hauptdarstellers nominiert ist. Die Konkurrenz jedenfalls ist groß – in wirtschaftlicher wie in künstlerischer Hinsicht.

Quelle: F.A.Z.
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