Amazon-Serie „The Collection“

Träume in Samt und Seide werden doch noch erlaubt sein

Von Heike Hupertz
 - 16:22

Fünfhundert Arbeitsstunden Perlenstickerei für ein einziges Kleid. Oder zehn Meter Seidensatin für einen Traum in Rot, dazu ein schwarzer Hut wie ein Wagenrad und bleistiftdünne Absätze. Die reine Provokation. Was denkt sich Paul Sabine (Richard Coyle)? Haute Couture stand einmal für Lust am frivolen Überfluss, aber das war vor dem Krieg, vor der NS-Okkupation und vor der Kollaboration mit den schlecht gekleideten Deutschen. Im Frankreich des Jahres 1947 geht es um den wirtschaftlichen Wiederaufstieg. Um französische Kleider, die weltweit gekauft werden und dennoch nicht nur praktisch sind. So hat es die Politik mit ihrer einstigen Prestigeindustrie vor, und so will es auch der nicht so stille Teilhaber Jules Trouvier (James Cosmo) als Fabrikant alter Schule.

Vom französischen Präsidenten persönlich wurde der Kontakt zwischen dem Modeschöpfer Sabine und dem Finanzier Trouvier vermittelt, nicht wegen der Entwürfe des Hauses aus der zweiten Reihe, sondern wegen der politisch weißen Weste seiner Inhaber. Wenige wissen in der Auftaktfolge der Amazon-Serie „The Collection“, dass diese auch aus Leichentüchern genäht ist.

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Visionen backen kein Brot. „Ihre Nachbarn kämpfen um das Überleben“, mahnt der Teilhaber. Model Nina (Jenna Thiam), eine frühere Näherin, die gerade neun Monate „bei ihrer Tante“ verbracht hat und bald verzweifelt ihr Kind sucht, wird in vollem Ornat auf dem Gemüsemarkt von wütenden Bäuerinnen angegriffen. Die Fotos des amerikanischen Traumtänzers Billy Novak (Max Deacon), die die Attacke dokumentieren, sendet Paul Sabine heimlich an die Presse. Provokation und Extravaganz sind ganz seine Sache. Zerrissenen blutroten Satin und gammelnde Kohlköpfe auf einem Bild – magnifique! Das nächste Kleid soll nicht aus zehn, sondern aus fünfzehn Metern Stoff genäht werden. Zusammen mit Billy, dem ehemaligen Fotografen des „Life Magazine“, der die Models aus den sterilen Vorführräumen holt und sie mit Ballons vor dem Eiffelturm herumspringen oder an den Ständen der Seine-Buchhändler posieren lässt, gelingt ihm ein beispielloser Aufstieg.

Die Mode ist Sinnbild und Metapher

Dass Pauls Bruder Claude (Tom Riley) das kreative Genie im Schatten ist, während dieser sich vor allem auf die kaufmännische und PR-Seite versteht, führt bald zum theatralischen Bruderzwist im Maison Sabine. Über die Männer wacht ihre exzentrische Mutter Yvette (Frances de la Tour) pelzverhüllt mit dramatisch geschminkten Augen. In ihrem Auftrag beseitigt der Handlanger des Hauses, Victor (Alexandre Brasseur) einen Seemann, der Claudes große Liebe ist. Homosexuelle Affären stören das Geschäft im katholischen Frankreich. Pauls amerikanische Frau Helen (Mamie Gummer, Tochter von Meryl Streep) baut die Kontakte nach Amerika aus. Träume in Spitze und Samt sollen ihr, der Idealistin, die Erinnerungen an die Kriegsjahre ersetzen. Mode transformiert nicht nur die Person, die sie trägt, sondern auch ihre Historie und ihre Verbrechen. Das ist die Idee.

Visuell üppig, aber nicht überbordend opulent erzählt die Serie von Oliver Goldsmith in der ersten britischen Amazon-Eigenproduktion das Gleichnis vom Aufstieg und Fall eines Tycoons der Haute Couture. „The Collection“, 2016 mit France Télévisions und BBC Worldwide entstanden, ist auch das erste britisch-französische Beispiel eines Fernsehgeschäftsmodells, bei dem wie bei „Babylon Berlin“ öffentlicher Sender mit Privatwirtschaft gemeinsam produziert. Das Ergebnis hat Charme und Chic, wenn man über eine gewisse Simplizität hinwegsieht. Das Szenenbild gleicht vielfach überpittoresken Realentwürfen des Disney-Zeichentrick-Universums (beispielsweise „Aristocats“, 1970). Auch Yvette Sabine, die dämonische Übermutter und Strippenzieherin im Hintergrund, wirkt ausgesprochen Cruella-de-Ville-haft, nicht nur wegen der Mäntel („101 Dalmatiner“, 1961). Daneben wird das Aschenputtelmotiv durchgespielt. Nina steigt von der Näherin zum gefeierten Mannequin auf, Männer verlieben sich unsterblich in sie und sehen in ihr die Projektion eines Ideals von natürlich-charmanter Weiblichkeit in quecksilbriger Bewegung, das die steife Eleganzpose früherer Models ablöst. Sie aber will – Freiheit. Schicksalhaft verbinden die Brüder ihre Familiengeheimnisse. Die Mode ist, natürlich, Sinnbild und Metapher. Antike Tragödie trifft auf Nadel und Faden.

Ein gewisser Vergleich mit „Mad Men“ liegt nahe, aber „The Collection“ wirkt insgesamt weniger modern denn märchenhaft. Oder eben so, wie man sich in Großbritannien ein mondänes Retro-Frankreich mit dem gewissen „Oh là là“ vorstellen mag. Von der reduzierten erzählerischen Komplexität einmal abgesehen, überzeugt die Besetzung der Hauptrollen mit britischen und amerikanischen Schauspielern fast durchweg. Swingsongs wie „I love Paris“ und Chansons von Charles Trenet, Jazzmusik und nachgestellte Fotos wie der bekannte „Kuss“ von Robert Doisneau machen „The Collection“ ansehnlicher und hörenswerter, als es die Story der Serie an sich verdient.

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Serientrailer„The Collection“

The Collection ist bei Amazon verfügbar.

Quelle: F.A.Z.
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