Neue Serie „Young Sheldon“

Er war schon der Größte, als er noch ganz klein war

Von Nina Rehfeld, Phoenix
 - 14:15
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„Du bist doch adoptiert!“, sagt Georgie Cooper (Montana Jordan) beim Abendessen zu seinem vier Jahre jüngeren Bruder Sheldon, der soeben vier Schulklassen übersprungen hat und jetzt - wie peinlich! - in seine Klasse geht. Georgie gegenüber sitzt der neunjährige Sheldon Cooper (Iain Armitage) - jener hochbegabte Physiker und Nerd, divenhafte und unerträgliche Besserwisser, der seit zehn Jahren in „The Big Bang Theory“ seine Freunde und Mitbewohner mit seiner in jeder Lebenslage herrschenden Pedanterie den Nerv raubt. Wie zu erwarten ist Sheldon schon als Knirps um altkluge Sprüche nicht verlegen und mit erstaunlichen Phobien gesegnet.

Mit „Young Sheldon“ richtet der amerikanische Sender CBS den Blick auf die Kindheit Sheldon Coopers. Als Ableger der Comedy „The Big Bang Theory“ ist dies in erster Linie der Versuch, die große Fangemeinde der Serie für ein weiteres Produkt zu gewinnen. Für Uneingeweihte: „The Big Bang Theory“ dreht sich um einen hochnäsigen Physiker, der ebenso wie seine drei besten Freunde - ebenfalls wissenschaftliche Überflieger - mit privaten Beziehungen, seiner Stellung in der Gesellschaft und dem großen Ganzen ringt. Die Serie gewann nach ihrem Start 2007 erst allmählich an Popularität, wurde aber schließlich zum Mega-Hit, auch international. Pro Sieben könnte ohne sie kaum noch sein Programm bestreiten.

Eine halbe Million Dollar pro Episode

Die Hauptdarsteller zählen inzwischen zu den bestbezahlten Schauspielern im amerikanischen Fernsehen - eine Million Dollar bekamen Jim Parsons (als Sheldon Cooper), John Galecki (als Sheldons Mitbewohner Leonard), Kaley Cuoco (als unstudierte, aber lebenskluge Nachbarin Penny), Simon Helberg (Howard) und Kunal Nayyar (Rajesh) pro Episode, bevor sie im März des vergangenen Jahres eine zehnprozentige Honorareinschränkung zugunsten einer Gehaltserhöhung von Melissa Rauch (als Howards Ehefrau Bernadette) und Mayim Bialik (als Sheldons Freundin Amy) auf 500.000 Dollar pro Episode hinnahmen, wie berichtet wurde. Zuvor, im August 2014, hatten Simon Helberg und Kunal Nayyar mit CBS erbittert darum gekämpft, das gleiche Honorar wie die Kollegen Parsons, Cuoco und Galecki zu erhalten. Das hatte zu Produktionsverzögerungen und so weit geführt, dass CBS drohte, die Serie einzustellen.

Nun sehen wir also die Vorgeschichte von Sheldon Cooper. In den Vereinigten Staaten hat sie im September des vergangenen Jahres einen sensationellen Start hingelegt und sich seither etabliert. Die Pilotfolge erstellte kein Geringerer als Jon Favreau, der zuletzt den Marvel-Comics im Kino zu großem Erfolg verhalf. Jim Parsons, der den erwachsenen Sheldon Cooper spielt, ist als Erzähler aus dem Off zu hören - aber man muss den selbstgerechten Sonderling, der den Rest der Welt gern seinen persönlichen Standards unterwirft, nicht unbedingt kennen, um Spaß an „Young Sheldon“ zu haben.

Fans mögen sich darüber freuen, wie gekonnt Armitage bisweilen Jim Parsons Manierismen imitiert, den snobistischen Duktus zum Beispiel oder die hochnäsige Miene. Und für die, die Sheldon Cooper kennen, offenbaren sich die Ursprünge seiner Comic-Liebe, der Beziehung zu seiner Mutter und seines Misstrauens gegenüber anderen Menschen. Aber man kann „Young Sheldon“ auch einfach als Stück über einen hochbegabten, anstrengenden Jungen gucken, der in einer vermeintlich weit schlichter gestrickten Welt tapfer den großen Aufgaben entgegenfiebert, die er dereinst zu meistern hofft.

Frei von drastischen Überzeichnungen

Ihren Reiz zieht die Serie aus ihrer Prämisse: Selbstverständlich ist es eine Strafe für einen Überflieger wie Sheldon im ländlichen Texas mit einem Footballcoach als Vater und einer tiefreligiösen Mutter aufzuwachsen. Aber dankenswerterweise verkneifen sich die Serienmacher - Chuck Lorre, der schon für „Two and a Half Men“ und „The Big Bang Theory“ verantwortlich zeichnete, und Steven Molaro, ebenfalls von „The Big Bang Theory“ - drastische Überzeichnungen genauso wie Verniedlichung. Sie inszenieren eine Familienkomödie, sich von der sie auslösenden „Big Bang Theory“ nicht nur durch die erfreuliche Abwesenheit von Studiolachern unterscheidet, sondern auch durch eine gelungenere Mischung aus Herz und Hirn. Lance Barber spielt Sheldons Vater George Cooper als oft ahnungslosen Daddy, der tut, was er kann, und den Rest geschehen lässt.

Sheldons Zwillingsschwester Missy (Raegan Revord) durchschaut ihren Bruder meist ebenso leicht wie den Rest der Familie und richtet die Dinge geschickt zu ihren Gunsten ein. Georgie ist ein Halbstarker, dem die Großmutter Meemaw (Annie Potts) eine schwierige Zukunft prophezeit: „Wenn du einst Kaution brauchst, ruf nicht mich an.“ Und Zoe Perry (die Tochter der Schauspielerin Laurie Metcalf, die Sheldons Mutter in „The Big Bang Theory“ spielt) ist als Mary Cooper eine liebenswerte und pragmatische Mama, der ebenso viel an Sheldons Glück liegt wie ihm an ihrem.

Weil sie sich so sehr wünscht, dass ihr Sohn Freunde unter seinen viel älteren Klassenkameraden findet, leiht Sheldon sich Dale Carnegies „Wie man Freunde gewinnt - Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden“ aus der Schulbücherei aus. Was er um sich herum indes vorfindet, sind frustrierte Erwachsene, denen die versprochene Problemlösung verwehrt bleibt. Kein Wunder, dass Sheldon die Antworten auf zentrale Fragen des Daseins lieber in Science-Fiction-Serien und Comicbüchern anstatt bei seinen Mitmenschen sucht.

Der Schauspieler Jim Parsons selbst trug die Idee einer Vorgeschichte seiner „Big Bang Theory“-Figur den Produzenten an. Die Umsetzung, an der Parsons als Produzent mitwirkt, ist besser gelungen, als zu befürchten war. Nicht jede der halbstündigen Episoden ist eine Perle, aber hin und wieder gelingt es „Young Sheldon“, Absurditäten des Erwachsenenalltags auf die Spitze zu treiben. So kann es Sheldon nicht lassen, den Sonntagsprediger in der Kirche in Diskussionen über Erkenntnisse der Wissenschaft zu verwickeln, die den biblischen Wahrheiten zuwiderlaufen. Nein, bekräftigt der Pfarrer (Matt Hobby), am Anfang habe nicht der „Big Bang“, der Urknall, gestanden, sondern das Wort. Sheldon pariert: „War es ,Kaboom'?“

Fernsehtrailer
„Young Sheldon"
© obs, Pro Sieben

Young Sheldon beginnt am Montag um 20.45 Uhr bei Pro Sieben, die neuen Folgen von The Big Bang Theory laufen davor um 20.15 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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