ZDF-Serie „Schuld“

Vom Flackern an den Rändern des Rechts

Von Oliver Jungen
 - 19:22
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Das Verbrechen schläft nicht, schon gar nicht im deutschen Fernsehen. Die Reflexion über die Bewertung einer Tat, deren Ort in der Regel der Gerichtssaal ist, kommt trotzdem oft zu kurz. Es ist ja auch nicht leicht, die Schwere einer Schuld abzuwiegen, weil dabei das Subjektivste überhaupt zu objektivieren ist. Und der Kriminalfilm will Eindeutigkeit.

Bei den für ihre ästhetische Raffinesse, schauspielerische Qualität und genaue Dramaturgie zu Recht gefeierten Verfilmungen der Kurzgeschichten Ferdinand von Schirachs, die Oliver Berben seit vier Jahren fürs ZDF produziert, ist das wohltuend anders. Hier dreht sich alles um die Betrachtung einer Straftat in psychologischer, anthropologischer Hinsicht. Wir sehen, wie sich vor unseren Augen Moralvorstellungen auflösen und neu formieren. Wie sich ganz normale Menschen am Scheideweg zwischen Licht und Dunkel impulsiv entscheiden. Wir erkennen, wie schmal die Grenze zwischen Anstand und Schuld, zwischen Strafe und Rache ist und wie leicht man in ein Dilemma gerät, wo Schatten einander überlagern. Selten sahen moralische Ambivalenzen so gut aus.

Zu den bislang sechs Folgen nach dem Band „Verbrechen“ (2013) und den sechs nach dem Band „Schuld“ (2015) kommen nun weitere vier Episoden hinzu, die sich größtenteils am Band „Schuld“ orientieren. Als Regisseur fungiert Hannu Salonen, der schon sechs der erwähnten Episoden gedreht hat und als kongeniale Ergänzung zum Autor gelten darf. Mehr noch: Erst in diesen Verfilmungen scheinen die im betont ungerührten Protokollstil literarisch zur Marke erstarrten, immer schon an Drehbuch-Plots erinnernden Erzählungen ihre Bestimmung gefunden zu haben. Obwohl die Zusicherung des Autors, seine „Storys“ seien „wahr“, wenn auch nicht „real“, keineswegs ein True-Crime-Zertifikat ist, sondern gerade das Eingeständnis des Ausgedachtseins, umgibt sie der Nimbus des Authentischen. Denn: Juristen lügen nicht. So sieht gutes Marketing aus.

Für die Filme ist das Sensationsreportagehafte der Vorlage kein Problem. Sie verleihen den spröden Handlungsskizzen Opulenz und Tiefe, schmücken aus und verzichten programmatisch auf jedes Authentizitätsversprechen. Mut zur Lücke findet sich aber auch hier. Eine ganzer Kranz aus Lücken umgibt etwa die Zentralfigur, den Anwalt Friedrich Kronberg: Von Moritz Bleibtreu sympathisch zurückgenommen gespielt, wirkt dieser stoische Streiter für die absolute, deshalb sogar der Gnade fähige Souveränität des Rechts wie eine Kunstfigur zwischen all den von Leidenschaften und Ängsten getriebenen Protagonisten, die ihr Leben vor ihm ausbreiten. Kronberg scheint keine Interessen jenseits der Verteidigung Angeklagter zu haben, keine Laster, keine Freunde, keine Familie. Charakterlich ist das zwar dürftig, aber nicht eigentlich ein Einwand, denn so wird seine herausgehobene, olympische Position unterstrichen: ein Spielleiter gewissermaßen. Das markiert den Abstand zu all den Serien, in denen sich Ermittler in Nebenhandlungen verkämpfen.

Alle Folgen erfreuen mit einem wuchtigen Auftakt, der den Zuschauer fast schon verboten nah an die Figuren heranführt, nur um Andeutungen später um- und umzuwenden. In der ersten Folge (Buch Niels Holle) sitzen wir mit einem zwielichtigen Herrn (Marcus Mittermeier) im Kino, betrachten mit seinen Augen das junge Pärchen in der Reihe vor uns, rücken so nah an den Hals des Mädchens heran, dass wir ihr Parfum zu riechen meinen – und dann heben wir gemeinsam das Messer. Attraktion, Eros, Bitterkeit und Gewaltphantasie, all das ist dank Wolf Siegelmanns ruhiger Kamera auf engstem Raum zusammengedrängt.

Bald erfahren wir, dass dieses Mädchen vor vielen Jahren das Leben des Mannes zerstört hat: mit einem Vergewaltigungsvorwurf. Die Episode lässt es die längste Zeit in der Schwebe, wer Täter und wer Opfer ist. So spielt die Regie klug mit unserer Empathie, verwirrt den inneren Kompass. Leider ist die spätere Auflösung so unglaubwürdig wie im Buch, daran ändert auch eine hinzuerfundene Affäre nichts. Aufmerken sollte man hier – wie stets – bei den Utensilien, die wie böse Omen durchs Bild schweben.

Noch deutlicher laufen wir in der nächsten Episode „Anatomie“ (Buch André Georgi) in die Von-Schirach-Falle. Sie wirft die Frage auf, ob es einen Einfluss auf die Beurteilung der fahrlässigen Tötung eines jungen Mannes hat, dass dies die Gesellschaft vor Schlimmerem bewahrte. „Ein Leben ist immer ein Leben“, sagt Kronberg, aber ausgerechnet die Mutter des Toten – eine überzeugende Iris Berben – steht auf einem anderen Standpunkt. Die Episode „Das Cello“ (Buch Nina Grosse) wiederum, deren Vorlage aus dem Band „Verbrechen“ stammt, führt auf andere Weise über die Grenze des Rechts hinaus: Es ist eine Familientragödie von solch schmerzhafter Intensität, dass Gerichte kaum noch zuständig sind. Josefine Preuß spielt die am Schicksal verzweifelnde Protagonistin mit Bravour.

Für Humor, der für die erste, rasante Von-Schirach-Staffel noch prägend war, ist wenig Platz. Er findet sich vor allem in der letzten Episode (Buch Annika Tepelmann), die ein modernes Märchen über zwei ungleiche (Halb-)Brüder ist. So lustig abgerissen und volldeppert hat man Lars Eidinger, den Bruder mit der Knastkarriere, noch nicht gesehen; aber auch Jürgen Vogel als schwerreichen Buddhisten kann und soll man so ganz ernst wohl nicht nehmen. Inhaltlich ist es die schwächste Geschichte, denn sie stellt die platte Frage, ob es ein (sozial vererbtes) Kriminellen-Gen gibt. Eben das negiert diese Serie ja gerade. Das vermeintlich Böse erweist sich stets als traurige Verstrickung. Wir sehen Glückssucher, die sich verstolpert haben und mit der dunklen Seite ihrer selbst konfrontiert sind. Alle Figuren besitzen schwarze und weiße Partien, aber dadurch werden sie nicht grau, sondern meliert. Menschlich eben, allzu menschlich.

Fernsehtrailer
„Schuld nach Ferdinand von Schirach“
© ZDF, ZDF

Diese bis in die Nebenrollen hinein prominent besetzte Serie, die auf so emotionale wie intelligente und verspielte Weise (man achte auf den irgendwo zwischen Sünde und Erkenntnis gereiften Apfel, seit 2013 das Leitsymbol der Verfilmungen, und die kunstvollen Überblendungen) von der Kluft zwischen Recht und moralischem Empfinden erzählt, gehört gegenwärtig zum Besten der hiesigen Kriminalfilmindustrie.

Die vier Episoden von Schuld. Nach Ferdinand von Schirach laufen freitags, 21.15 Uhr im ZDF. Sie finden sich von sofort an in der Mediathek.

Quelle: F.A.Z.
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