Sexismus in Amerikas Medien

Schockiert und wütend

Von Nina Rehfeld, Phoenix
 - 11:51

Nach den zahlreichen Enthüllungen über sexuelle Belästigung von Untergebenen durch mächtige Figuren in der amerikanischen Medienbranche und Unterhaltungsindustrie ist jetzt ausgerechnet der öffentlich finanzierte amerikanische Nachrichtensender National Public Radio (NPR) in die Kritik geraten, in einem Fall in den eigenen Reihen erst nach der Veröffentlichung von Vorwürfen in der „Washington Post“ reagiert zu haben. Wie der „Post“-Reporter Paul Farhi berichtete, hatten zwei Journalistinnen dem Nachrichtenchef des Senders, Michael Oreskes vorgeworfen, sie bei Arbeitsbesprechungen mit ungewollten Zungenküssen überfallen zu haben. Die Ereignisse sollen sich bereits vor zwei Jahrzehnten zugetragen haben, als Oreskes als Redakteur bei der „New York Times“ arbeitete.

Nun stehen NPR und dessen Chef Jarl Mohn in der Kritik, weil sich der Sender erst am Tag nach Erscheinen von Farhis Geschichte von Oreskes getrennt hat, obwohl, wie Farhi berichtete, seit zwei Jahren Beschwerden von Mitarbeiterinnen bekannt waren. Erst nachdem die „Post“ mit der Geschichte kam, bestätigte NPR die Beschwerde einer Produktionsassistentin von 2015. In den Redaktionsräumen von NPR, der als progressiver Nachrichtensender gilt und aus Steuergeldern und Spenden finanziert wird, herrschte Entsetzen. Zahlreiche Mitarbeiterinnen unterschrieben eine Erklärung, in der es heißt, man sei „zutiefst beunruhigt über den Umgang NPRs mit Beschwerden über sexuelle Zudringlichkeiten und die unzureichenden Bemühungen der Senderführung, eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die fair und frei von Bedrohungen ist“. Die „Post“ zitierte Susan Stamberg, eine Veteranin des Senders, mit den Worten, die Stimmung sei geprägt von Fassungslosigkeit, Schock und Wut.

Weitere prominente Journalisten wie der einstige ABC- und NBC-Korrespondent Mark Halperin, der mit „Game Change“ einen Bestseller über die Präsidentschaftswahl 2008 schrieb (HBO kippte eine geplante zweite Verfilmung als Serie im Zuge der Vorwürfe) und der Literatur-Redakteur Leon Wieseltier von der „New Republic“ waren bereits als übergriffig geoutet und von ihren Arbeitgebern entlassen worden. Der Schauspieler Kevin Spacey, von dem sich der Videodienst Netflix getrennt und dessen Serie „House of Cards“ gestoppt hat, ist nur der prominenteste der nach Harvey Weinstein bekanntgewordenen Fälle.

Der Fall Oreskes bei NPR zeigt, wie schwer man sich immer noch damit tut, Machtmissbrauch in den Chefetagen des Medien- und Unterhaltungsbetriebs ohne Umschweife einen Riegel vorzuschieben. Die beiden Frauen, die Oreskes’ Übergriffe aus den späten Neunzigern zu Protokoll gaben, wollten sich aus Sorge um ihre berufliche Karriere nur anonym äußern. In vielen der aktuellen Schilderungen junger Frauen (und, wie im Fall von Kevin Spacey, junger Männer) ist von einer tiefen Verunsicherung die Rede, von der bangen Frage, ob das Erdulden von Übergriffen Vorgesetzter „dazugehöre“, von der Angst um den Arbeitsplatz, um die Laufbahn, um die vermeintlich große Chance. Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass eine E-Mail von NPR-Chef Jarl Mohn mit der Aufforderung an Mitarbeiterinnen, Übergriffe zu melden, kein Echo fand.

NPR hatte Oreskes zwar nach der Beschwerde im Herbst 2015 zurechtgewiesen. Aber als der Geschäftsführung 2016 und 2017 weitere Beschwerden zweier Frauen über Zudringlichkeiten Oreskes aus den Neunzigern bekannt wurden und die Frauen Oreskes’ Rolle als Nachrichtenchef im Lichte der Vorwürfe gegen Harvey Weinstein in Frage stellten, reagierte NPR erst einmal nicht. Mohn verteidigte dies zunächst mit den Worten, zwei der behaupteten Übergriffe hätten sich „nicht bei NPR, und vor zwanzig Jahren zugetragen“. Bei NPR selbst sei nichts von vergleichbarem Ernst geschehen.

Das wirft die Frage auf, wo denn der Ernst beginnt – und wie Zudringlichkeiten in den nun selbst betroffenen Medien zu differenzieren sind. Suzanne Muchin, eine Publizistin und Markenberaterin, fand folgende Antwort: „Worum es hier letztlich geht, der gemeinsame Nenner, ist Männer und Macht“, sagte sie dem Journalisten Jim Warren, der für das Poynter Institute die amerikanische Medienlandschaft beobachtet. „Das Machtgefälle zwischen der Kellnerin und dem Restaurantmanager, der Bankangestellten und dem Filialleiter, der Autorin und dem Verleger ist die einzig notwendige Bedingung für Drangsalierung.“ Es gebe einen „Moment der Wahrheit“, so Muchin, in dem ein Mann mit Macht beschließe, dass er sich ein Benehmen leisten kann, von dem er weiß, dass es falsch ist – und auf diesen Moment gelte es das Augenmerk zu legen.

NPR-Chef Jarl Mohn hat sich inzwischen bei seiner Belegschaft entschuldigt, nicht früher und entschiedener reagiert zu haben.

Quelle: F.A.Z.
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