Sozialer Netzdienst App.net

Du sollst Kontrolle haben

Von Katrin Rönicke
 - 14:50

Was muss man tun, um ein Soziales Netzwerk zu schaffen, das die Privatsphäre schützt, in dem die Inhalte den Nutzern gehören und das Drittanbieter mit durchfüttert und wachsen lässt? Am Anfang der Geschichte steht eine einfache Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt.

Im Juni 2012 begann die Geschichte von App.net (kostenloser Zugang unter https://join.app.net/from/diekadda), einer Plattform, die antrat, eine neue Philosophie in den sozialen Medien zu etablieren. Der Entwickler und Gründer von App.net, Dalton Caldwell, wollte weg von einer Doktrin, die das Netz bestimmt wie auch hemmt: der Kostenlosmentalität. Wenn alles kostenlos sei, die Plattformen aber immer weiter wachsen sollten und immer mehr Features gewünscht würden, dann entstehe ein Zielkonflikt, meint er.

Entromantisierung durch Masse

Caldwell hat dies in dem Musiknetzwerk „imeem“ erlebt, das er 2003 gründete. Es war ein Netzwerk, das mehrere Millionen Nutzer hatte und sehr beliebt war: „Ich sah, wie schwer es war, imeem durch Werbung zu finanzieren“, sagt Caldwell im Gespräch mit dieser Zeitung. „Als die Nutzungszahlen sehr hoch waren, stellte ich ein Team von zwanzig bis dreißig Leuten an, um ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Wir waren in dem Stadium, in dem wir Geld machen mussten.“

Das Problem haben viele kostenlose Plattformen. Anfangs sind sie klein. Es bewegt sich eine überschaubare Zahl von Menschen darin, die dankbar ist, die Fotos, Anekdoten, Veranstaltungshinweise, Musik oder Videos miteinander teilt. Die Plattformen wachsen, erfreuen sich größerer Beliebtheit, und mit dem Geheimtipp ist es bald vorbei. Die Plattformen sind so lange schön, bis die Masse kommt; dann geht die Suche nach dem nächsten Geheimtipp los. Wobei es im Netz meist umgekehrt läuft: Ein Netzwerk, so die Logik vieler, ist erst dann erfolgreich und interessant, wenn es möglichst viele Menschen erfolgreich und interessant finden. Zieht die Masse weiter, stirbt das Netzwerk, wie die Beispiele StudiVZ und SchülerVZ gezeigt haben.

Gebot zur Kontrolle

Facebook, Twitter, Google Plus, Instagram und Youtube haben die sympathischen Eigenschaften von Netzwerken längst der Profitorientierung geopfert. Was nicht alle Nutzer hinnehmen. Das Foto-Netzwerk Instagram zum Beispiel hat einen großen Einbruch bei den Nutzerzahlen hinnehmen müssen: Die Ankündigung, in Zukunft würden die Bilder, die dort eingestellt werden, Instagram gehören (und das tun sie jetzt), zog eine große Austrittswelle nach sich.

Die Idee von App.net ist dem diametral entgegengesetzt. Die Philosophie lautet: Du bist nicht das Produkt. Du sollst Kontrolle über deine Videos, deine Fotos, dein Microblogging, deinen Webspace und deine Chats haben. Du sollst keine Ware sein - App.net ist ein Dienstleister, die dazugehörigen Clients, also Anwendungen, die auf dem Computer des Nutzers laufen, und Apps, die man etwa für Smartphones und Tablets erwerben kann, sind das Produkt.

Alternative zu Twitter

App.net steht für einen Sinneswandel: Es klingt banal, aber hier wird der Dienst als echte Dienstleistung verstanden, und die Nutzer werden als Kunden betrachtet. Dalton Caldwell und seine Leute wollten einen Fehler vermeiden, der andere Netzwerke hemmt, so wie damals imeem: „Wir endeten damit, das Ökosystem der Entwickler stark zu verletzen, denn es war nicht ersichtlich, wie man damit Geld machen sollte“, sagt er rückblickend. „Wir mussten auch einige Entscheidungen treffen, die für die Nutzer nicht gut waren, die aber einfach getroffen werden mussten, um aus dem Netzwerk Geld zu machen. Ich habe also gesehen, was geschehen kann, wenn man etwas schafft, das sehr erfolgreich und groß wird. Am Ende muss man heftige Entscheidungen treffen, damit auch das Geschäftsmodell irgendwie tragfähig ist. Diese Erfahrung hat die Entwicklung von App.net stark beeinflusst.“

App.net wird momentan als eine Alternative zu Twitter gehandelt, dabei ist es wesentlich mehr. Die Entwickler haben die Basis extra breit gelegt. „Wir haben eine sehr teure Programmierschnittstelle gebaut“, sagt Caldwell. „Es ist sehr leicht für Entwickler, damit Gruppennachrichtendienste oder Photosharing-Dienste zu basteln.“ Der Code, der App.net zugrunde liegt und mit dem die Entwickler von Apps und Clients arbeiten, hält bewusst viele Türen offen.

Er wurde solide und klar geschrieben. Auf ihm lassen sich Microblogging-Dienste aufbauen, also so etwas wie Twitter; aber es gibt auch schon Photosharing-Apps wie „Sprinter“, die eine ernstzunehmende Alternative zu Instagram darstellen - die Fotos liegen auf dem App.net-Account der Nutzer, denen sie auch gehören. Videosharing ist im Kommen, ebenfalls rege genutzt wird ein Chat-Raum namens „Patter“.

Das Ziel ist, alles an einem Ort zu haben. Dazu bietet App.net einen zehn Gigabyte großen Speicherplatz an. Nahezu wöchentlich erscheinen neue Apps, neue Funktionen und Nutzungsmöglichkeiten. Es gibt eine sehr produktive Konkurrenz unter den Entwicklern; sie fühlen sich vom Basisdienst geschätzt, nicht verschmäht.

Symbiose aus Kunden und Entwickler

Einer der bekanntesten frühen Anwender von App.net, Tim Pritlove, glaubt, dass diese Herangehensweise sich auch beim Datenschutz niederschlägt. „Facebook hat kein Interesse daran, deine Daten wirklich bei dir zu belassen. Aber App.net hat ein sehr großes Interesse daran“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Pritlove hat sich schnell für das Projekt begeistert, weil sich parallel zu Caldwells Crowdfunding-Kampagne bei Twitter die Sitten änderten: Mit den Änderungen an seiner Programmierschnittstelle hat Twitter die Entwickler von Apps in die Schranken gewiesen. Grund war wieder einmal, dass sich durch die starke Nutzung solcher Apps keine Werbung und damit kein Geld machen ließ.

Der Einfluss von Twitter auf das Wirken der App-Entwickler war den Investoren, die Geld sehen wollen, zu gering. Die Anzahl der Apps, die für Twitter existieren, geht infolgedessen immer weiter zurück, neue werden nicht mehr entwickelt. Auf App.net hingegen, so erklärt Tim Pritlove, seien „die Dienstleister, die Kunden und die Entwickler eine interessante Symbiose eingegangen“.

Selbstverliebte Welterklärungsversuche

Zu den frühen Anwendern von App.net gehören erstaunlich viele Podcaster, die Audios und Videos anbieten. So treffen hier zwei unterschiedliche Philosophien aufeinander, und sie harmonieren offenbar bestens. Das Podcasting steht im Netz für die Wiederentdeckung der Langsamkeit, es steht dafür, wieder Herr seiner Zeiteinteilung zu sein, und für die intensive Befassung mit einem Thema. Dalton Caldwell hat den positiven Effekt von Podcasts selbst bemerkt. Heute machen er und seine Kollegen einen regelmäßigen Podcast zu und über App.net.

Auf App.net weht also ein anderer Wind als bei den großen, kommerzialisierten Netzwerken. Auf Twitter dominieren die jüngst im „Time Magazine“ beschriebenen „Millennials“, Welterklärungsversuche, die von Selbstverliebtheit gekennzeichnet sind und die auf Retweets und Zuspruch aus sind. Auf App.net findet man, so beschreiben es viele Nutzer, die ursprünglichen Dinge, wegen deren man einmal anfing, bei Social Media mitzumachen: Input zu verschiedenen Themen, Vernetzung und Kontakte, die beruflichen Zwecken oder dem intellektuellen Austausch dienen.

Bewegungsfreiheit auf App.net

Um all das zu ermöglichen, kann man auf App.net sowohl Störenfriede wesentlich besser ausgrenzen als auch mehreren Personen Direktnachrichten schreiben und sich zu Debatten oder zur Planung von Projekten im Patter-Raum einfinden und chatten. Viele Twitter-Exilanten entdecken auf App.net die verloren geglaubte Möglichkeit, im Netz zu kommunizieren, ohne dabei andauernd in einen Hype verwickelt, angepöbelt und denunziert oder mit dem nächsten Piratenskandal genervt zu werden.

Es ist entspannt auf App.net - und vielseitig. Entgegen allen Unkenrufen und anderslautenden Behauptungen sind auf App.net auch sehr viele Frauen unterwegs, man kann Menschen aus der ganzen Welt entdecken (einfach mal auf Global Stream stellen). Und auch sehr junge Leute fühlen sich hier offensichtlich wohl.

Die Autorin betreibt auf FAZ.NET gemeinsam mit Marco Herack das Blog „Wostkinder“.

Quelle: F.A.Z.
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