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„Tagesschau“ und Freiburg-Mord

Jetzt berichten sie doch

Von Michael Hanfeld
 - 16:49
Er weiß, was „relevant“ ist und was nicht: Kai Gniffke, der Chefredakteur von „ARD aktuell“. Bild: NDR/Thorsten Jander (M), F.A.Z.

Stellen Sie sich vor, sie schalten abends die „Tagesschau“ ein und erwarten den Überblick der wichtigsten Themen das Tages und eines, das die Schlagzeilen beherrscht, kommt nicht vor. Am Samstag kam in der „Tagesschau“ der ARD nicht vor, dass die Polizei im Mordfall der neunzehnjährigen Medizinstudentin Maria L. aus Freiburg einen Tatverdächtigen gefasst hatte. Es handelt sich um einen siebzehn Jahre alten Flüchtling aus Afghanistan, auf den als Täter eine Kette von DNA-Spuren verweist. Das gaben Staatsanwaltschaft und Polizei am Samstagnachmittag bekannt.

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Dass dies breite Aufmerksamkeit erfuhr, hat mit den Umständen der Tat zu tun – die Studentin wurde vergewaltigt und ertrank in der Dreisam –, damit, dass kurz danach* eine zweite junge Frau in der Nähe von Freiburg vergewaltigt und ermordet wurde, die Stadt ein wachsendes Sicherheitsproblem hat, das – auch – im Kontext mit dem Zuzug junger, männlicher Flüchtlinge steht. Die Bürger sind beunruhigt, es macht sich nicht nur ein Gefühl der Verunsicherung breit, die Sicherheit im öffentlichen Raum ist eingeschränkt. Die Polizeipräsenz in der Stadt wird um 25 Beamte aufgestockt. Kurzum: Freiburg hat ein Thema und das ganze Land schaut darauf. Die „Tagesschau“ hatte das Thema nicht.

Berichte nur über „relevante“ Ereignisse

Wie Kai Gniffke, der Chefredakteur der für die „Tagesschau“ zuständigen Redaktion „ARD aktuell“ meint, hatte sie es mit guten Gründen nicht. „Wir berichten nur selten über einzelne Kriminalfälle“, schreibt Gniffke im Blog auf „tagesschau.de“ in einem Beitrag, den er am Sonntagabend um 22.46 Uhr online stellte – das Wochenende über hatte sich die Kritik an der Nicht-Berichterstattung der „Tagesschau“ gemehrt.

Es gebe „im Medienmarkt Redaktionen, die sich auf die Berichterstattung über Kriminalfälle spezialisiert haben und dies in der Regel auch sehr angemessen tun. Die ,Tagesschau’ berichtet über gesellschaftlich, national und international relevante Ereignisse. Da zählt ein Mordfall nicht dazu.“ Das heiße nicht, dass die „Tagesschau“ niemals über Verbrechen berichte. „Aber wir können und wir wollen nicht über jeden der circa 300 Mordfälle pro Jahr berichten (wobei interessant ist, dass diese Zahl in den vergangenen 15 Jahren dramatisch abgenommen hat).“

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Der Mordfall von Freiburg hebe sich nach dem Verständnis der „Tagesschau“-Redaktion nicht von anderen ab, schreibt Gniffke. Deshalb habe man die Tat nicht gemeldet und auch nicht die Verhaftung des Tatverdächtigen. Die Herkunft des Täters habe damit nichts zu tun. Dass man kein Problem damit habe, „gegebenenfalls auch die Herkunft von Tatverdächtigen zu nennen“, habe man bei der Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht sehen können, „bei der wir von Anfang an die Herkunft der mutmaßlichen Täter genannt haben“. Man hätte im Mordfall aus Freiburg, konzediert Gniffke, auch anders entscheiden und mit dessen „Gesprächswert“ argumentieren können. Doch gewichte man diesen „etwas geringer gegenüber dem Kriterium der Relevanz“.

Dann lagen alle anderen wohl falsch. Denn alle anderen, inklusive der „heute“-Nachrichten im ZDF, hielten das Thema für relevant genug, um darüber zu berichten. Dass es hier um ein Verbrechen geht, welches das zentrale innenpolitische Thema – die Flüchtlingskrise –, berührt, zeigt sich an der Anteilnahme im ganzen Land und am Ende an den Reaktionen aus der Politik. Klickt man sich etwa im Internet auf „tagesschau.de“ durch die „regionalen Nachrichten“ hindurch, findet man auch dort Beiträge zum Sexualmord von Freiburg. Sie stammen vom Südwestrundfunk, vornedran findet sich ein Interview der „Landesschau“ mit dem Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon von den Grünen, der davor warnt, von diesem Einzelfall auf alle Flüchtlinge zu schließen. In ähnlichem Sinn äußern sich tags darauf die CDU-Politikerin Julia Klöckner und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der obendrein vor „Hetze“ von Rechts und vor „Verschwörungspropaganda“ warnt.

Nur „regionale Bedeutung“?

Doch wie schreibt die „Tagesschau“ auf Facebook? Der Mordfall aus Freiburg habe eher „regionale Bedeutung“, zudem gelte bei dem minderjährigen Tatverdächtigen „der besondere Schutz von Jugendlichen“. Wenn das die Kriterien der ARD-Nachrichtengebung sind, werden wir uns darauf hin wohl jeden einzelnen Beitrag anschauen müssen: Ist das nicht zu regional? Ist der Täter eventuell minderjährig? Vor den genannten Hintergründen, die in die Wahrnehmung dieses Verbrechen hinein spielen, erscheint es schon ziemlich unverständlich, dass die „Tagesschau“ ihre Leerstelle auch noch als Ausweis einer besonders sorgfältigen Nachrichtenauswahl ausgibt. Über den Kampfslogan „Lückenpresse“ braucht sich jedenfalls niemand mehr zu wundern. Hier geht es nämlich nicht um das „Sicherheitsgefühl“ der Bürger, nach dem allein der Freiburger OB im SWR gefragt wird, sondern um objektiv nachvollziehbare Gegebenheiten. Es geht nicht um warme Worte der Anteilnahme für das Opfer und dessen Familie, mit denen Kai Gniffke seine Argumentation verziert. Es geht auch nicht um den „Gesprächswert“. Es geht um die vom Nachrichtenchef der ARD bemühte Relevanz, um die Bedeutung eines Themas, die zu erkennen eine journalistische Grundaufgabe ist. Dass sich die „Tagesschau“ dieser nicht gewachsen zeigt, ist fatal und die beste Vorlage für „Hetze“ und „Verschwörungspropaganda“. Eine größere Blöße kann sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht geben.

Dass seine Erklärungen in eigener Sache vielleicht nicht ganz so konsistent und überzeugend wirkten, wie gewünscht, wurde dann schließlich am Montagnachmittag offenbar, als Kai Gniffke Zuschauer der „Tagesschau“ zum Chat bei Facebook lud. Mal um Mal wiederholte er sein Mantra, dass dieser „Einzelfall“ nicht die nötige „gesellschaftliche Relevanz“ besitze, auf dass die „Tagesschau“ über ihn berichte. Anders verhalte es sich bei Vorfällen in den Vereinigten Staaten, bei denen Polizisten Schwarze töteten; anders habe es sich auch im „Fall Tugce“ verhalten, weil dort eine junge Frau gegen den Angriff auf eine andere eingeschritten sei, also Zivilcourage gezeigt und dabei ihr Leben verloren habe, was ein „relevantes“ Thema. Nicht relevant wiederum sei es, wenn ein siebzehnjähriger Deutscher ein neunzehnjähriges Flüchtlingsmädchen töte – auch dann würde die „Tagesschau“ nicht berichten, sagte der Chefredakteur und ließ dann – die Katze aus dem Sack: „Wir werden über den Fall berichten. Wir werden nicht um zwanzig Uhr, aber in den ,Tagesthemen’ berichten.“ Warum? „Weil aus dem Thema, aus dem Einzelfall, eine so große Relevanz entstanden ist, eine so große Zahl von Menschen Stellung genommen hat – das hat jetzt eine Schwelle überschritten, so dass wir eine gesellschaftliche Diskussion haben.“

Welche Conclusio dürfen wir daraus ziehen? Vielleicht folgende: Die ARD-Nachrichten berichten über manche Dinge erst, wenn sich genügend Zuschauer darüber beschwert haben, dass sie nicht berichten. Die ARD-Nachrichten berichten erst, wenn sich genügend Politiker zu Wort gemeldet haben. Die ARD-Nachrichten berichten erst, wenn der Druck zu groß wird. Die ARD-Nachrichten berichten erst, wenn der Chefredakteur dreimal hintereinander das Wort „Relevanz“ ausgesprochen hat. Relevanz, Relevanz, Relevanz. Die ARD-Nachrichtenredaktion weiß nicht mehr, was relevant und was nicht. Das hat Relevanz.

* Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Beitrags hieß es, vor dem Mord an der Dreisam sei in der Nähe Freiburgs ebenfalls eine Frau getötet worden. Tatsächlich ist der Mord in Freiburg Mitte Oktober, der in Endingen erst Anfang November passiert.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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