Neue „Tatort“-Richtlinien

Tod am Sonntag

Von Tobias Rüther und Florentin Schumacher
 - 12:34
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„Mord ist machbar, Herr Nachbar“ (BR)

Schreck in der Morgenstunde in München-Bogenhausen: Im Architektenhaus des Ehepaars Schneider (Fritz Karl und Aglaia Szyszkowitz) liegt der Nachbar (Peter Lerchbaumer) im durchgefliesten, 900 Quadratmeter großen Wohnzimmer tot zwischen Ledersofa, Fernseher und Zahnarztpraxiskunst. Dem Gerichtsmediziner (Eckart von Hirschhausen) ist gleich klar: Der Mann muss erschossen worden sein. Dennoch verwickelt Kriminalhauptkommissar Müller (Peter Heinrich Brix) den Doc in einen langwierigen Dialog, wann, wie und in welcher Genauigkeit der Obduktionsbericht vorzuliegen hat – die Zeit nutzt sein neuer Kollege Meyer (Max von Thun) dazu, mit einer lässigen Geste den wachhabenden Streifenpolizisten seinen Dienstausweis hinzuhalten und gleichzeitig das Absperrband anzuheben. Dass er verspätet am Tatort ankommt, dabei Kaffee aus einem Plastikbecher trinkt und Lederjacke trägt, während sein Kollege Müller bunte Fliegen und Zweireiher mag, zeigt dem Zuschauer, dass es sich bei Meyer um einen Lebemann in einer unaufgeräumten Neubauwohnung handeln muss, bei Müller aber um einen Spießer mit Herz und Bartók-Platten.

Während die aufgelöste Gattin den beiden Kommissaren erklärt, dass ihr Mann sich seit sechs Jahren auf Dienstreise befindet, versteckt der verdächtige Sohn des Nachbarn (Robert Gwisdek) einen USB-Stick. Bis 21.07 Uhr ermitteln Meyer und Müller deswegen im Studentenmilieu und danach im Münchener Nachtleben, was der Regie die Möglichkeit gibt, ausgelassene Tanzszenen im Club mit einem Nacktauftritt der Freundin des Sohns des Nachbarn (Ruby O. Fee) zu verbinden.

Um 21.35 Uhr zeigt sich, dass keine dieser beiden Spuren richtig war, was der Zuschauer schon seit 20.23 Uhr wusste, weil: sechs Jahre Dienstreise, das hält doch keine Ehefrau aus. Beim Showdown muss sich der neue Sympathieträger Meyer auf der Jagd nach dem um 21.18 Uhr eingeführten Nebenbuhler des Nachbarn des Ehemanns ein Fahrrad von einem Passanten leihen; die Frage, wie der arme Mann es zurückerhält, ergibt einen Schmunzelgag.

„Der fünfte Mann“ (NDR)

Im winterlichen Park des Internats Louisenlund entdeckt Hausmeister Martin Schneider (Hanspeter Müller-Drossaart) bei einem morgendlichen Rundgang die Leiche einer Schülerin. Sie ist nackt. Als Kriminaloberkommissarin Julia Ebert (Jenny Elvers) am Tatort eintrifft, nicht ohne heiß geduscht und sich von ihrem jungen Liebhaber (Frederick Lau) verabschiedet zu haben, hebt sie mit ihrer wildlederbehandschuhten Hand vorsichtig die knisternde Goldfolie, auf der das Blaulicht der Streifenwagen reflektiert wird, um sich selbst ein Bild von der Toten zu machen. Sie ist nackt. Vom Direktor des Internats (Erol Sander), der Ebert bittet, nichts an die Presse durchsickern zu lassen, erfährt die Kommissarin den Namen der Toten: Anna von Seghert (Nora von Waldstätten) – die einzige Tochter des berühmten Reeders.

Weil Annas Freund, der drei Jahre ältere Schulsprecher Cornelius Lindt (Florian Bartholomäi), beteuert, seine Freundin geliebt zu haben, fällt der Verdacht zunächst auf ihn. Eloquent pariert er aber die Frage der Kommissarin nach seinem Aufenthaltsort während der vergangenen Nacht mit: „Im Bett. Alleine.“ Fortan äußert sich Lindt gegenüber der Polizei nur noch über seinen ebenso charmanten wie resoluten Anwalt (in einer Gastrolle: Wolfgang Kubicki). Um die Mauer des Schweigens zu überwinden, beschließt Ebert, ihren jungen Kollegen, Kommissar Billy Stich (Wilson Gonzalez Ochsenknecht), als neuen Schüler ins Internat einzuschleusen. Nachdem Stich ein entwürdigendes Aufnahmeritual überstanden hat, in dem er unter anderem eine halbe Dose Bier trinken und das Soloalbum von Matthias Schweighöfer hören muss, nimmt ihn der coole, allerdings Hip-Hop hörende Mike (Jimi Blue Ochsenknecht) in seinen Kreis auf.

Kommissar Stich erfährt dabei nicht nur, dass Anna ein Verhältnis mit dem Internatsdirektor hatte, um ihre Noten aufzubessern, auch Mike selbst war hinter der Schönheit her. War es also Mike? Oder der Schulsprecher? Oder der Direktor? Schließlich stellt sich aber heraus, dass alle drei in der Tatnacht an einem geheimen Fight Club im Keller des Internats teilgenommen haben, was durch blaue Flecken auf Mikes Rücken, die Stich beim Duschen zwischen Sport und Reli aufgefallen waren, subtil angedeutet wurde. Weil es auch der Anwalt nicht war, gesteht Hausmeister Schneider die Tat: Er war nicht nur heimlich in Anna verliebt, sondern auch noch heimlich Autist.

„NRW reloaded“ (WDR)

In einer technisch aufwendigen 3D-Produktion lässt der WDR den aufregendsten und unkonventionellsten „Tatort“-Ermittler auferstehen, den er je hervorgebracht hat: Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy). Gleich in der ersten Folge bricht dem Kommissar sein Bleistift ab. Während Haferkamp noch gedankenverloren am Anspitzer steht und kurbelnd einen Blick aus dem Präsidium auf das diesige Essen wirft, kommt seine neue Kollegin Beate Büdchen-Yildirim (Katrin Pollitt), die in eine sympathisch-migrantische Gemüsehändlerdynastie eingeheiratet hat, ins Büro und gleich zur Sache: zwei Tote im Grugapark, Chef!

Die folgenden fünfzehn Minuten verbringt Haferkamp damit, den Gürtel seines Trenchcoats zuzubinden und sich bei dem Versuch, seine Exfrau anzurufen, viermal zu verwählen, Handys sind nicht so Haferkamps Sache, da ist er alte Schule. Danach hält er seiner Kollegin Büdchen-Yildirim galant die Beifahrertür des Dienstwagens auf, während sie am Steuer Platz nimmt – was der Regie die Gelegenheit gibt, einen humorvoll-verschmitzten Schlagabtausch zwischen den Geschlechtern mit dem heißen Eisen #metoo zu verbinden, schließlich sind wir hier beim WDR.

Auf dem Weg zum Grugapark muss Haferkamp erst noch seine Oberhemden zur Reinigung bringen, Büdchen-Yildirim drängt ihm anschließend eine vegane Currywurst auf, was Haferkamp sich mit dem Hinweis gefallen lässt, damals an der Ostfront wären sie froh über so eine Grütze gewesen. Als das ungleiche Team endlich am Tatort eintrifft, haben die beiden Leichen ihren Fall aus Verzweiflung selbst gelöst.

„Inschallah, Kommissar Schwäbli!“ (SWR)

Das fängt ja gut an für den neuen Mann im Revier Backnang: Kaum tritt Ajatollah Schwäbli (Gedeon Burkhard) nach Jahren im Flensburger Exil seinen Dienst in der Heimat mit einem kräftigen „Moin, Moin“ und seiner pubertierenden Tochter Emma (Jella Haase) im Schlepptau an, wird er schon zum ersten Einsatz gerufen: Nach einem Großbrand in der Moschee ist eine Leiche in den rauchenden Ruinen gefunden worden. Ein Terroranschlag? Oder ein Anschlag auf Terroristen? Aber der IS, hier?

Während sich eine Bürgerwehr um den Optiker Buchwald (Christian Pätzold) sammelt und die ehrgeizige Staatsanwältin Natascha Jagellowsk (Palina Rojinski) schnell Ergebnisse sehen will, wittert Schwäblis Kollege, Kriminalinspektor Fredi Bobic (Markus Majowski), seine Chance: Eigentlich hatte der ja fest damit gerechnet, den Posten zu kriegen, auf dem jetzt Schwäbli sitzt. Also legt Bobic jetzt falsche Fährten. Das Mordopfer ist der Ehemann von Schwäblis Jugendliebe Aische (in einer Gastrolle: Natalia Wörner) gewesen. War es Eifersucht? Oder deckt Aische ein schlimmes Geheimnis? Will der IS den Gottesstaat in Backnang errichten?

Schwäbli merkt lange nicht, dass der wahre Gegner seiner Ermittlungen in den eigenen Reihen sitzt. Und Bobic merkt erst, als er sterbend in den Armen seines neuen Chefs liegt, dass er einen gewaltigen Fehler gemacht hat: Danach zeigt Schwäbli dem IS, was eine ordentliche Kehrwoche ist. Aber war es der IS? Im Anschluss diskutiert Bundesinnenminister Joachim Herrmann (CSU) mit Gerhart Baum und Frank-Walter Steinmeier bei Anne Will über den Bildungsauftrag des „Tatorts“ unter besonderer Berücksichtigung poststrukturalistischer Erzähltheorie.

„Große Fische beißen nicht“ (NDR)

Starbesetzung im zweiten Nordlicht-„Tatort“: Kommissarin Ebert (Jenny Elvers) und Kommissar Stich (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) observieren in der einzigen Flensburger Shisha-Bar einen Dealer (Bushido). Als der die Polizisten trotz Lederjacke und Sonnenbrille als Polizisten erkennt, entspinnt sich eine aufregende Verfolgungsjagd. Der Dealer entkommt in einen Hinterhof, ein Schuss ertönt, und als die Kommissare im Hof eintreffen, liegt der Verfolgte tot am Boden. Über ihm kniet ein Mann: „Moin, Moin, Ajatollah Schwäbli, LKA Stuttgart.“

Nun entfaltet sich ein beklemmendes Kammerspiel: In einem fensterlosen Konferenzraum im Präsidium sitzen sich Ebert/Stich und Schwäbli (Gedeon Burkhard) gegenüber, getrennt nur von einem dampfenden Plastikbecher. Was der Scheiß solle, fragt Ebert, womit sie gleich zur Sache kommt. Schwäbli antwortet, dass das top secret sei, er aber kurz davor, etwas Großes aufzudecken. In dem emotionalen, sich über der Causa kalter Automatenkaffee („Plörre!“) weiter verschärfenden Streit versuchen nacheinander zu vermitteln: Staatsanwältin Deggenhardt (Maria Furtwängler), Polizeipräsident Brenner (Matthias Brandt), Innenminister Schell (Gastauftritt: Jörg Schönenborn) und der Mediator Mahesh (Ranga Yogeshwar). Von einer Weisheit des Mediators oder des Innenministers inspiriert („Nur zusammen sind wir stark“), erzählt Schwäbli seinen Kollegen die ganze Geschichte, wonach ein Agent des Verfassungsschutzes (Ralf Moeller), der zugleich sein Schulfreund sei und ihm seine andere Jugendliebe (Sibel Kekilli) ausgespannt habe, die Hand aufhalte für Schmiergelder eines Rocker-Bosses (Erdal Yildiz), der eine russische Killerin (Helene Fischer) auf seine, Schwäblis, Tochter (Jella Haase) angesetzt habe. Dann essen Ebert, Stich und Schwäbli an der Ostseepromenade ein Fischbrötchen.

Quelle: F.A.S.
Tobias Ruether - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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