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Wie trostlos ist häusliche Pflege?

Von Kais Harrabi
 - 21:45
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Horst Claasen (Dieter Schad) kann nicht mehr: Der Rentner pflegt seit Jahren seine Frau zu Hause. Doch jetzt sieht er keinen Ausweg mehr. Er tötet sie und will sich selbst das Leben nehmen. Doch die Polizei rettet ihn in letzter Sekunde.

Für Inga Lürsen und ihren Kollegen Stedefreund (Sabine Postel und Oliver Mommsen) ist der Fall eigentlich klar. Nur ein Motiv fehlt noch. Auf der Suche danach lernen die beiden den Pflegegutachter Carsten Kühne (Peter Heinrich Brix) kennen, der ihnen zeigt, was im Pflegesektor alles schiefläuft.

Als Kühne ermordet wird, entspinnt sich vor den Kommissaren ein ganzes Netz aus Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen und mit den Nerven am Ende sind. Jeder von ihnen hat ein Motiv, aber wer hat den Gutachter umgebracht? Und welche Rolle spielt der zwielichtige Pflegedienst Domamed? Der neue „Tatort“ im Realitätstest.

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Frage 1: Horst Claasen hat seine Frau umgebracht und wollte sich anschließend selbst töten. Der Selbstmord ist gescheitert. Nun droht ihm Gefängnis. Muss man denn mit 85 immer noch ins Gefängnis?

Antwort von Alexander Vollbach (Referatsleiter beim Senator für Justiz und Verfassung in Bremen):

Grundsätzlich gilt: Alter schützt vor Inhaftierung nicht. Bei einem Tötungsdelikt würde der überführte Täter, Herr Claasen, in Haft genommen (Untersuchungshaft, Strafhaft). Für den Vollzug des Haftbefehls beziehungsweise der Untersuchungshaft ist eine ärztliche Untersuchung, die vor dem Antritt der Untersuchungshaft stattfindet, erforderlich. Wird die Haftfähigkeit verneint, verhindert das den Vollzug der Untersuchungshaft. Die Beurteilung der „Haftfähigkeit“ hängt von medizinischen Faktoren ab, sie liegt beispielsweise vor, wenn es Anhaltspunkte für eine „Geisteskrankheit“ oder Krankheiten gibt, die bei Vollstreckung eine nahe Lebensgefahr bedeuten. Das muss ärztlich festgestellt werden. Ist die ärztliche Gesundheitsfürsorge in der Justizvollzugsanstalt, im Anstaltskrankenhaus oder aber unter Überwachung im allgemeinen Krankenhaus nicht möglich, so gelten dann für den Beschuldigten die Regeln für den Haftaufschub.

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Frage 2: Akke Jansen pflegt ihre alzheimerkranke Mutter zu Hause und ist mit den Nerven völlig am Ende. Damit ihre Mutter einen höheren Pflegegrad bekommt, will sie sogar mit dem Gutachter schlafen. Sind Menschen, die ihre Angehörigen pflegen irgendwann notwendigerweise fertig mit den Nerven?

Antwort von Volker Donk (zuständig für den Pflegebereich beim Netzwerk Selbsthilfe Bremen):

Das ist sehr realistisch. Wir haben hier in Bremen seit acht Jahren eine Selbsthilfegruppe und da sind Überlastungssituationen an der Tagesordnung. Einen Angehörigen zu pflegen ist ja nicht mit acht Stunden getan. Da hat man teilweise 12- bis 16-Stunden-Tage. Wir hatten hier zum Beispiel eine Frau, die hat ihre demente Mutter zu Hause gepflegt. Und die Mutter hat den ganzen Tag nach ihrer Tochter gerufen. Das hat dazu geführt, dass die Tochter sich kaum noch aus dem Haus traute. Ihre Versuche, sich persönliche Freiräume zu schaffen, haben nicht geklappt und dann ist sie zusammengebrochen. Also, die Situation emotional, mental und körperlich ausgebrannt zu sein, haben wir sehr häufig.

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Frage 3: Dazu kommt, dass Akke Jansens Mutter beim Besuch des Gutachters einen guten Tag hat. Hängt so ein Gutachten und die Einschätzung der Pflegekasse wirklich nur an einem einzigen Hausbesuch des Gutachters?

Antwort von Volker Donk:

Der gute Tag, das ist ein Klassiker. Die zu Pflegenden wollen oft auch zeigen, was sie noch alles können. Denen ist es manchmal auch einfach peinlich, dass sie Hilfe brauchen. Aber darum weiß ja auch der medizinische Dienst, von dem die Gutachter kommen. Da wird viel mit Hintergrundgesprächen gearbeitet. Und man hat natürlich immer noch die Möglichkeit, Widerspruch gegen so ein Gutachten einzulegen. Das geht erstmal formlos innerhalb einer Frist von vier Wochen mit der gleichzeitigen Anforderung des Pflegegutachtens, auf dessen Basis man den Widerspruch dann formulieren kann. Und dann gibt es verschiedene Möglichkeiten. Man kann verpflichtet werden, vier bis sechs Wochen ein Pflegetagebuch zu führen, sodass man sieht, was alles nötig ist. Die Pflegekasse kann dann entweder nach Aktenlage entscheiden oder es wird ein neuer Gutachter rausgeschickt. Und dann kann man immer nochmal Widerspruch einreichen. Das kann bis zum Sozialgericht gehen.

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Frage 4: Gutachter Carsten Kühne entscheidet für die Pflegekasse, wer wie viel Geld bekommt. Nehmen Gutachter sich wirklich so wenig Zeit, wie im Film zu sehen?

Antwort von Volker Donk:

Das ist nicht so, wie im Film dargestellt. Da hat sich viel verändert. Was stimmt, ist die Begutachtung an einem bestimmten Termin. Allerdings mit mehr Zeit und veränderten Prüfkriterien. Früher wurde zum Beispiel wirklich nach Minutenpflege überprüft. Also, wie viel Minuten für welche Pflegetätigkeit gebraucht werden. Heute schaut man viel eher darauf, was im Alltag eigentlich noch möglich ist, für den zu Pflegenden. Also nicht „ist eine Treppe im Haus?“, sondern: „kann der zu Pflegende noch Treppen steigen“. Es geht da viel mehr um ein Abfragen von Alltagskompetenz.

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Frage 5: Lürsen und Stedefreund kommen dem zwielichtigen Pflegedienst Domamed auf die Spur. Der steht im Verdacht, zu betrügen. Leistungen würden abgerechnet, die gar nicht erbracht werden. Ein Einzelfall?

Antwort von Marie Müller (Sprecherin des Bundeskriminalsamts):

Konkrete Angaben zu Fallzahlen zum Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen durch Pflegedienste liegen nicht vor, da diese in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht explizit ausgewiesen werden. Das BKA hat sich aber in der Vergangenheit projektbezogen in Zusammenarbeit mit den Polizeibehörden der Bundesländer mit dem Phänomen Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen durch ambulante Pflegedienste, die mehrheitlich von Personen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion geführt werden, beschäftigt. Hierbei handelt es sich um ein bundesweites Phänomen, das insbesondere dort auftritt, wo sich durch Sprachgruppen geschlossene Systeme bilden.

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Quelle: FAZ.NET
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