Der Lindholm-Tatort

Diesen Fall kann sie nicht lösen

Von Heike Hupertz
 - 17:14

Einen Albtraum schenkt man einer Kommissarin normalerweise nicht zum Jubiläum“, sagt Christian Granderath, verantwortlicher Redakteur des NDR über den 25. Fall der Kommissarin Charlotte Lindholm. Maria Furtwänglers Rollenfigur wurde schon für einige „Tatorte“ ausgezeichnet, darunter „Wegwerfmädchen“, in dem es um Frauenhandel geht. Auch im tausendsten „Tatort“-Fall, „Taxi nach Leipzig“, war sie an der Seite Axel Milbergs zu sehen. Nicht sicher schien, ob es für Furtwängler eine Ehre war, in diesem „Tatort“ mitzuspielen oder ob Lindholm sich hier die Ehre gab. Fest steht: Für die Kommissarin lief es bislang, trotz einiger Widrigkeiten, richtig gut.

„Der Fall Holdt“, die Silberfeier der „Tatort“-Kommissarin, ist nun weit mehr als eine realistischer Polizeiarbeit abgeschaute Nachtmahrgeschichte mit Ermittlungspannen und Frustrationen, wie sie etwa der BR mit „Die Wahrheit“ im vergangenen Jahr ausstrahlte. Dort wurde der Täter einer Messerattacke, der sein Opfer anscheinend wahllos in der belebten Münchner Innenstadt niedergestochen hatte, bis zum Schluss nicht ermittelt. Die Vergeblichkeit der Routinen hinterließ Spuren bei den erschöpften Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec). Es war nicht ihre Schuld. Schlimm für ihr Ego. Schlimmer läuft es aber für Lindholm. Auch in „Der Fall Holdt“ geht schief, was schiefgehen kann, die Schuldfrage aber kann eindeutig nicht zurückgewiesen werden. Lindholm macht unter Druck Fehler über Fehler. Anfängerfehler, Fehleinschätzungen, überschreitet Tabugrenzen bei der Befragung des Hauptverdächtigen, trägt Indizien zusammen, die vor Gericht nie standhielten.

Wenn Blicke töten könnten, überlebte nur der Hund

Mit Jan Braren („Homevideo„) hat „Der Fall Holdt“ einen preisgekrönten Autor, der die Kommissarin als Opfer und Schuldige zugleich durch die Krise treibt. Die Regisseurin Anne Zohra Berrached, „Tatort“-Debütantin, die zuvor erst zwei Langfilme drehte, darunter „24 Wochen“, der im Wettbewerb der Berlinale lief und den Deutschen Filmpreis gewann, bringt überzeugende Gestaltungsideen ins Spiel, die diesen Fall düster und geheimnisvoll machen und ihn aus der Menge ähnlicher Stoffe herausheben. Kamera (Bernhard Keller) und Szenenbild (Janina Schimmelbauer) haben ein klares Konzept. Dieser „Tatort“ spielt hauptsächlich in der winterlichen Einsamkeit eines „Stangenwaldes“, hier steht ein Stamm neben dem anderen, ohne viel Unterholz zu bieten, eigenwillig abweisende Natur, und mitten im Wald das Haus der Holdts, wie ein gewollt großspuriger Villenversuch in Distanz zu jeder Nachbarschaft im nicht gerade großstädtischen Walsrode.

Eindrücklich ist der Beginn der Entführungsgeschichte im Haus des Leiters der örtlichen Sparkassenfiliale, der so gar nichts von einem Bankier hat. Frank Holdt (Aljoscha Stadelmann) kommt morgens kurzatmig vom Joggen, kontrolliert das Handy seiner Frau auf Nachrichten. Sie spricht kein Wort mit ihm und packt Koffer, er redet sie nicht an, liebkost nur den Hund, jeder geht seinen Verrichtungen nach. Eine Ehe ohne Kommunikation, choreographiertes Schweigeballett und ganz stark inszenierte Szene. Wenn Blicke töten könnten, würde hier nur der Hund überleben. Der Hund allerdings wird das erste Todesopfer im „Fall Holdt“, den Jan Braren in einigen Zügen dem Entführungsfall Maria Bögerl nachempfunden hat.

Aljoscha Stadelmann als erratische Persönlichkeit

Julia Holdt (Annika Martens) wird im Wald von zwei Männern verschleppt. Eine Lösegeldforderung begleitet ihren abgeschnittenen Zopf im Paket. Die Schwiegereltern Rebenow (Ernst Stötzner, Hedi Kriegeskotte) rücken bei Frank Holdt an, unklar ist, ob zur Unterstützung oder zur Kontrolle des dubiosen Mannes. Der Schwiegervater hat beste Verbindungen ins Innenministerium, er informiert gegen den Willen des Ehemannes die Polizei. Ihr Vorgesetzter Marc Kohlund (Stephan Grossmann) schickt Lindholm und die erfolgshungrige Assistentin Frauke Schäfer (Susanne Bormann). Die Regisseurin Anne Zohra Berrached zeigt beide beim ersten Aufeinandertreffen vor dem bedrückenden Haus der Holdts als Zerrspiegelung. Identische Bluse, gleiche Haarfarbe, eine Art Déja-vu der Gestalten. Schäfer hat das Lindholmhafte aufgesaugt. Lindholm selbst sieht mehr und mehr aus „wie ein gerupftes Huhn“, so ihr Chef.

Sie stellt die Spurensicherung besserwisserisch in den Senkel, verrennt sich in Nebensächlichkeiten und bringt den verdächtigen Ehemann mit Vorsatz und Vernehmungsdruck zur Strecke, als Julia Holdt tot und misshandelt aufgefunden wird und Fotos häuslicher Gewalt auftauchen. Frank Holdt hat, wasserdicht bewiesen, seine Frau krankenhausreif geschlagen, weil sie ihn verlassen wollte, aber macht ihn das zum Drahtzieher der Entführung?

Aljoscha Stadelmann zeigt glänzend eine erratische Persönlichkeit, aufbrausend und abgründig. Man sieht ihn, der vorwiegend als Theaterschauspieler arbeitet, nicht oft genug im Fernsehen, es ist ein Grund mehr, diesen „Tatort“ nicht zu verpassen. Holdts Sohn Jonas (Moritz Jahn) steht irritierend kompromisslos zu seinem Vater, Lindholm aber nimmt das nicht einmal zur Kenntnis.

Die Kommissarin ist nicht von ungefähr durch den Wind. Anne Zohra Berrached und Jan Braren stellen einen Prolog voran, der in seiner Deutlichkeit peinigend ist und alles über die Folgen von Gewalt von Männern gegen Frauen zeigt, was man wissen muss. Lindholm feiert mit ihrem Freund Henning (Adam Bousdoukos) ausgelassen im Club. Vor der Damentoilette ist eine lange Schlange, also sucht sie sich einen menschenleeren Parkplatz für ihre Notdurft. Drei Männer, aufgetaucht aus dem Nichts, filmen sie, belustigen sich gemeinsam. Forsch verlangt sie das Löschen der Aufnahmen und wird zu Boden geschlagen und getreten. Sie vertraut sich niemandem an, schweigt aus Scham und Ohnmacht. Und funktioniert nicht mehr. Zu nah gehe ihr der Fall, mutmaßt der Vorgesetzte aus den falschen Gründen.

Dass Maria Furtwängler, die sich seit langem für weibliche Gewaltopfer engagiert, eine emotional mitreißende Vorstellung gibt, ist wohl nicht zuletzt diesem Engagement geschuldet. Insgesamt rüttelt der 25. Fall der Kommissarin an vielen „Tatort“- Grundpfeilern. Auch diese Folge kann man experimentell nennen und damit die neue Beschränkungsregel der ARD ad absurdum führen. Keine Gewissheiten und Sicherheiten, nur Verluste.

Tatort. Der Fall Holdt, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD.

Quelle: F.A.Z.
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