„Tatort“ aus Bremen

Zum Leben zu wenig, zum Sterben auch

Von Oliver Jungen
 - 17:38

Dieser „Tatort“, der vorvorletzte des Bremer Teams, ist gar keiner, und trotzdem ist er sehenswert. Sein wichtigster Satz lautet nicht „Wo waren Sie gestern Nacht?“, auch wenn der durchaus fällt, sondern: „Das muss man sich mal vorstellen: Hier in Deutschland!“ Was Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) so erregt, ist der Umstand, dass es in unserem reichen Land Menschen gibt, die sich das Leben nicht mehr leisten können. Weil sie pflegebedürftig geworden sind. In einer ergreifenden, harten Szene erstickt der Rentner Horst Claasen (Dieter Schaad) seine über alles geliebte, alzheimerkranke Frau mit einem Kissen und schluckt dann einen ganzen Tablettencocktail: „Es ging nicht mehr.“ Die Ersparnisse waren aufgebraucht. Um jeden Preis sollte eine Sozialbestattung vermieden werden. Erschreckenderweise überlebt Claasen seinen Suizidversuch – und muss sich nun wegen Mordes verantworten. Aber verschwimmen da nicht die Kategorien des Strafrechts?

Es geht hier nicht nur um den Pflegenotstand, der mit zu wenig Personal zusammenhängt. Mit der Aussage, alte Patienten lägen in ihren Ausscheidungen, hatte der junge Pfleger Alexander Jorde Kanzlerin Angela Merkel während des Wahlkampfs in die Bredouille gebracht (auch das sieht man). Es geht auch nicht nur um korrupte (osteuropäische) Pflegedienste, die teils unter Mithilfe der auf Geld angewiesenen Pflegebedürftigen ein System des Abrechnungsbetrugs aufgebaut haben, wie jüngst durch die Nachrichten ging. Der Film stellt insbesondere heraus, wie erschütternd die Lage gerade für die vielen Menschen ist, die ihre Angehörigen zuhause pflegen und dadurch häufig auf ein Leben auf Hartz-IV-Niveau zurückfallen.

Sogar die Drehbuchautorin Katrin Bühlig räumte im Vorhinein ein, dass das Krimiformat dabei nicht auf der Hand lag. Wenn man Menschen an einem mitleidlosen System scheitern lässt, dann sei die Tätersuche „überschaubar und nicht unbedingt der Spannung dienend“.

Natürlich gibt es dann doch noch einen handelsüblichen Todesfall, werden mehrere Verdächtige artig präsentiert, auch wenn ihre möglichen Tatmotive allesamt schwach sind. Als Krimi nimmt dieser Film einfach keine Fahrt auf, selbst die Auflösung ist notdürftig. Und doch gibt es einen guten Grund, dem Publikum einen „Tatort“ unterzujubeln, der eigentlich eine Dokumentation ist: die Einschaltquote. Das Thema ist von so immenser Wichtigkeit, dass man dafür einen „Tatort“ (zumal einen Bremer) ruhig einmal opfern kann. Mit volkserzieherischer Besserwisserei hat das wenig zu tun. Es ist ein veritabler Hilferuf.

Regisseur Philip Koch, der zuletzt mit der ebenfalls nah an der Realität entlanggeführten Porno-Episode „Hardcore“ von sich reden machte, nimmt sich auch hier Zeit für seine Figuren. Er beschönigt und verschweigt nichts, zeigt, dass selbst verzweifelte Menschen, die ihren Angehörigen zubrüllen „Wann stirbst du endlich?“, dann wieder sehr liebevoll sein können. Drei Fallgeschichten werden uns in hoher Authentizität präsentiert. Neben der herzzerreißenden Fabel der Claasens sehen wir eine mit der Pflege ihrer dementen Mutter (Hiltrud Hauschke) völlig überforderte Frau (Dörte Lyssewski) sowie einen an der Kompetenz der zugewiesenen Intensivpflegerin zweifelnden jungen Vater (Jan Krauter), dessen Frau seit einem Fahrradunfall bewegungsunfähig im Krankenbett liegt. Ein vierter Erzählstrang rund um den für den Medizinischen Dienst der Krankenkassen tätigen und damit für die Pflegestufen-Einstufung verantwortlichen Gutachter Carsten Kühne (Peter Heinrich Brix) bindet all diese Erzählungen zusammen. All diese Episodenschauspieler sind hervorragend.

Das hingegen diesmal durchweg blass und starr wirkende Hauptensemble zeichnet sich nicht durch einen sonderlich subtilen Umgang mit dem Thema aus: Inga Lürsen, selbst in fortgeschrittenem Alter, ist so angefasst von dem Gesehenen, dass sie im Gespräch mit ihrem jüngeren, weit weniger persönlich erschütterten Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen), vor allem aber mit der eigenen, auf Recht und Gesetz – und damit für Mordermittlungen – pochenden Tochter Helen (Camilla Renschke) zwischen Angst, Protest und Zynismus schwankt.

Das Drehbuch legt Lürsen gar das Unwort des Jahres 1998 in den Mund, das „sozialverträgliche Frühableben“. Dass diese Prägung durch den Ärztekammerpräsidenten Karsten Vilmar auch vor zwei Jahrzehnten bereits als sarkastische Kritik an Einsparungen durch die rot-grüne Regierung gemeint war, macht es nicht besser: Sie wirkt auch hier deplatziert.

Die Schlusssequenz bietet fast so etwas wie einen neuen Generationenvertrag: die starke Botschaft eines selten harten, als Krimi misslungenen, aber wichtigen Films.

Der Tatort: Im toten Winkel läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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