FAZ.NET-Tatortsicherung

Wie stark ist die italienische Mafia in Deutschland?

Von Kais Harrabi
 - 21:41
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Kopper (Andreas Hoppe) trifft beim Orangenkaufen zufällig seinen Jugendfreund Sandro (Michele Cuciuffo) wieder. Die Freude über das Wiedersehen ist groß. Die beiden gehen auf einen Grappa in eine Bar. Doch dann taucht plötzlich ein italienischer Junge auf, der Sandro erschießen will. Kopper schießt zuerst und flieht mit Sandro.

Schnell stellt sich heraus, dass Sandro zur Stidda gehört, einer italienischen Mafiagruppierung, die in Ludwigshafen sehr aktiv ist. Sandro will aussteigen, möchte Zeugenschutz. Dafür bietet er eine Aussage an, die Kopper auf Video aufnehmen soll. Die Killer der Stidda sind den beiden allerdings dicht auf den Fersen.

Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) wundert sich unterdessen nur über das seltsame Verhalten ihres langjährigen Kollegen. Erst spät kommt sie Kopper und Sandro auf die Spur.

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Frage 1: Kettenrauchen in der Zelle und Schmuggel von draußen nach drinnen: Geht es in deutschen Gefängnissen wirklich so zu, wie in Gangsterfilmen?

Antwort von Angelika Feils (Sprecherin Justizministerium Rheinland-Pfalz):

Wir haben ein Nichtraucherschutzgesetz und das gilt grundsätzlich auch in der JVA. Das Rauchen in der eigenen Gefängniszelle ist für einen allein untergebrachten Häftling abweichend davon regelmäßig erlaubt, weil das quasi – soweit im Justizvollzug möglich - sein persönlicher Bereich ist. Ansonsten gilt, dass Drogen und Alkohol nicht erlaubt sind, genauso wenig wie Handys. Auch Computer sind nicht allgemein zugänglich. Auch wenn es mitunter einmal vorkommt, dass unerlaubt Dinge in die JVA geschmuggelt werden, ist es regelmäßig nicht so einfach, wie das in Filmen häufig dargestellt wird. Der rheinland-pfälzische Justizvollzug hat ein engmaschiges Sicherheitsnetz, das derartigen Geschehnissen gezielt entgegenwirkt. Soweit ein unerlaubter Austausch von Gegenständen, Informationen oder ähnlichem versucht wird oder ausnahmsweise stattgefunden hat, sind sofort die notwendigen und passenden Maßnahmen zu veranlassen. Das kann je nach Anlass eine disziplinarische Maßnahme sein, aber unter Umständen auch bedeuten, dass betreffende Gefangene getrennt oder in eine andere Einrichtung verlegt werden.

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Frage 2: Wie aktiv ist die italienische Mafia in der Rhein-Neckar-Region?

Antwort von Petra Reski (Journalistin, Autorin des Buchs „Von Kamen nach Corleone - Die Mafia in Deutschland“):

Sie ist höchst aktiv, seitdem sich sizilianische Clans aus der Provinz Agrigent im Gefolge der Gastarbeiter vor Jahrzehnten in Städten wie Mannheim oder Pforzheim niederließen. Die Clans, die sich in Mannheim niedergelassen haben, gehören zur „Stidda“, einer Abspaltung von der sizilianischen Cosa Nostra, die ihre materielle Stärke vor allem aus ihren Geschäften in Deutschland zog, also aus Gastronomie, Drogen- und Waffenhandel, später auch aus weiteren Geschäftsfeldern wie dem Baugewerbe und dem Immobilienhandel. Die Clans der Stidda kamen aus der Gegend des sizilianischen Palma di Montechiaro in den Mannheimer Stadtteil Jungbusch - wo Anfang der 1990er Jahre auch blutige Bandenkriege ausgetragen wurden.

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Frage 3: Sandro, der als Kronzeuge aussagen will, spricht von einer „Straße des Todes“ zwischen der sizilianischen Provinz Agrigent und Mannheim. Gibt es diese Verbindung, diese „Straße“ wirklich?

Antwort von Petra Reski:

Die Verbindung zwischen Palma di Montechiaro, einer Hochburg der Stidda, und Mannheim wurde „Pista della morte“, „Route des Todes“ genannt: Killer, die in Mannheim als Kellner arbeiteten, fuhren nach Sizilien, um dort einen Mord zu erledigen und danach wieder nach Deutschland zurückkehren. Einer dieser Morde war der an dem jungen sizilianischen Antimafia-Staatsanwalt Rosario Livatino im Jahr 1990: Die beiden Antimafia-Staatsanwälte Falcone und Borsellino haben sich mit der Ermordung von Rosario Livatino und den Hintergründen der Mafiaclans in Deutschland bis kurz vor ihrem Tod befasst. Im Jahr 2011 und 2012 kam es in Sizilien zu weiteren Morden an Mannheimer Mafiabossen, die gerade auf „Heimaturlaub“ waren - und im Jahr 2013 wurde im Mannheimer Stadtteil Kirschgartshausen ein Doppelmord begangen: Ein sizilianischer Gastronom, aktenkundig wegen Verstößen gegen das Waffengesetz, das Betäubungsmittelgesetz und wegen Urkundenfälschung, wurde zusammen mit seiner thailändischen Lebensgefährtin regelrecht hingerichtet. Soweit ich weiß, ist der Mord bis heute nicht aufgeklärt worden.

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Frage 4: Weiter behauptet Sandro, dass die Mafia-Familien mittlerweile zusammenarbeiten würden. Dabei weiß man doch aus Filmen, dass die sich eigentlich feindselig gegenüberstehen. Wie viel ist an Sandros Behauptung dran?

Antwort von Petra Reski:

Gemeint ist damit sicher die „pax mafiosa“, die seit einigen Jahren herrscht: Die einstige Rivalität zwischen der Stidda und den Clans der Cosa Nostra, die vor allem Anfang der 1990er Jahre ihren Höhepunkt erreichte, wurde beigelegt. Heute arbeitet die Stidda in bester Harmonie mit den Clans der Cosa Nostra zusammen - die Stidda hat sich gefügt.

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Frage 5: Im Film geht es um illegal verklappten Giftmüll, den die Mafia für deutsche Firmen entsorgt hat. Jetzt soll der Müll ein zweites Mal (gewinnbringend, dank EU-Subventionen) entsorgt werden. Ein typisches Mafia-Geschäftsmodell?

Antwort von Petra Reski:

Definitiv. Giftmüll ist dank der öffentlichen Gelder für die Mafia Gold wert. Dafür entsorgt man auch gerne drei Mal.

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Frage 6: Womit verdient die italienische Mafia in Deutschland ihr Geld?

Antwort von Petra Reski:

Die klassischen Standbeine sind Waffen- und Drogenhandel, Geldwäsche, Baugewerbe, Prostitution, Giftmüll, Immobilienhandel, Restaurants. Viele deutsche Politiker scheinen in der Geldwäsche eine Art Konjunktur-Ankurbelungsprogramm zu sehen. Anders ist es nicht zu erklären, dass in Deutschland, einem Land, in dem wie Geldwäscheexperten in einer Studie im Auftrag des Finanzministeriums bekannt gaben, pro Jahr jährlich mindestens 100 Milliarden Euro gewaschen werden, neuerdings der Zoll für die Verdachtsmeldungen wegen Geldwäsche zuständig ist. Und beim Zoll wurde nicht nur das Personal halbiert, sondern er hat auch keinen Zugriff auf polizeiliche Datenbestände.

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Quelle: FAZ.NET
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