Schwarzwald-“Tatort“

Boden und Blut

Von Oliver Jungen
 - 14:42

Das neue „Tatort“-Team aus Freiburg bleibt sich treu: Der zweite, atmosphärisch dichte Fall ist nicht weniger düster als der Auftakt. Autor Patrick Brunken wagt sich an ein brisantes Thema. Es geht um völkische Siedler im ländlichen Raum, um gut vernetzte Neonaziwölfe im Ökobauernfell also. Wenn stimmen sollte, was eine verängstigte Lehrerin im Film sagt: „Diese Leute haben einen Plan“ – gemeint ist die langfristige Unterwanderung der Gesellschaft –, dann ist die Ausbreitung der vielleicht am treffendsten „Reichsbauern“ zu nennenden Szene ins schöne Ländle eine Gefahr.

Bei der Ausgestaltung des Sonnenhofs der Familie Böttger wurde an mythologischem Brimborium nicht gespart: ein Thing-Vernetzungstreffen zu Samhain ist geplant; die Sippschaft lehnt moderne Technologie ab und läuft stets im Dreißiger-Jahre-Outfit aus Strickpulli und Latzhose oder Wollkleid herum; an der Schule wird nur das Nibelungenlied gelehrt; Vater Volkmar (Nicki von Tempelhoff) schwingt bei der Beerdigung seiner Tochter Sonnhild (Gro Swantje Kohlhof) eine Heimatschutzrede, die den Kampf der „Wehrbauern“ gegen die „Umvolkung“ beschwört. Und doch hat Regisseur Umut Dag darauf geachtet, die auf ihre Scholle schwörenden Eremiten nicht als Karikaturen zu denunzieren. Vieles von dem, was der starke Hüne Volkmar mit leuchtenden Augen über den Erhalt alter Obstsorten oder über nachhaltiges Wirtschaften im Gegensatz zu globalen Agrarkonzernen sagt, würden viele ökologisch bewusst lebende Menschen unterschreiben.

Sogar das kurze Schwanken des Kommissars und nebenberuflichen Kleinbauern Friedemann Berg in Bezug auf seine Meinung über das Heimat- und Traditionsgerede bringt Hans-Jochen Wagner einigermaßen glaubhaft herüber. Volkmar Böttger, den Berg seit Kindertagen kennt und dessen schwangere Tochter soeben an unbehandelter Diabetes gestorben ist, bemüht sich redlich um die Zuneigung des Jugendfreunds, schickt ihm gar seine ganze Sippe als Erntehelfer vorbei, um Berg den Rückgriff auf Rumänen zu ersparen. Die furchtlose Kommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) lässt allerdings nicht locker, nachdem sie herausgefunden hat, dass kurz zuvor ein V-Mann, der derselben Heimatschutzstaffel angehört hatte wie Sonnhilds Freund Torsten (David Zimmerschied), auf die gleiche ungewöhnliche (und unglaubhafte) Weise gestorben ist wie das Mädchen.

Dass Kommissar Berg in der väterlichen Zibärtle-Plantage – „kleine Knubbeldinger“, sagt die ahnungslose Städterin Tobler – nicht nur rasant verbauert, sondern seiner Kollegin miese Schlauchboot-Mittelmeer-Sprüche entgegenhustet, ist des Unguten dann freilich doch ein bisschen viel. Er fängt sich auch bald wieder, nachdem er in einer Nacht erkennen muss, mit welch Geistes Kindern er sich eingelassen hat. Da heideggert es nicht mehr erdverbunden, da hört man eher schon NS-Reichsbauernführer Walther Darré aus Thule hochwüten. „Das ist alles so ein Dreck“, wird Berg resümieren, nachdem sich die Nebel gelichtet haben, und Wagner tut das dermaßen eingängig, dass der Satz, der auch eine Abbitte für seine Feld-Wald-und- Wiesen-Blindheit ist, nicht trivial wirkt.

Auf der Krimi-Ebene wird wenig geboten: einen Verdacht haben die Ermittler früh, bald wird ein Motiv sichtbar, nur das Eingreifen bleibt erschwert, weil der Verfassungsschutz involviert ist. Der Spannung tut das keinen Abbruch, denn die resultiert auf mehreren Ebenen aus dramatischen inneren Konflikten. Dass Sonnhild ein Geheimnis hatte, einen Liebhaber, das wissen wir seit den ersten Sekunden. Auch ihre Schwester Mechthild (Janina Fautz) beginnt an der oktroyierten Ideologie zu zweifeln. Doch der Verrat geht noch tiefer, trifft ins finstere Herz der im Rassewahn versumpften Bauernschaft. Plötzlich stehen die hochgehaltenen Prinzipien Treue und Ehre der lauteren Elternliebe entgegen, und man darf gespannt sein, ob ein Film, der uns schon mit einem Kriemhild-Monolog („Ohne Reckenminne will ich immer sein“) begrüßt hat, zu einer Racheorgie im Nibelungenstil ausholt. Oder ob etwas noch Gruseligeres geschieht.

Tatort: Sonnenwende, Sonntag, 13. Mai, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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