Tatort-Sicherung

Dürfen Polizisten schießen, um zu töten?

Von Kais Harrabi
 - 21:45
zur Bildergalerie

Mitten im Wahlkampf um das Amt des Rostocker Bürgermeisters wird die Kandidatin der rechtspopulistischen Partei „PFS“, Sylvia Schulte (Kathrin Bühring) tot aufgefunden. Sie wurde grausam bei lebendigem Leib verbrannt.

Bukow und König (Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau) schießen sich schnell auf Karim Jandali (Atheer Adel) ein. Der ist aus Syrien geflohen und hat Karriere als Schultes persönlicher Referent gemacht. Hat er sie aus politischen Motiven getötet?

Doch auch Schultes Parteifreund Herlau (Michael Wittenborn) hätte ein Motiv. Und dann ist da noch Schultes Vergangenheit in einer Neonazi-Kameradschaft. Der Druck auf Bukow und König steigt, das Interesse an dem Fall ist groß. Und dann wird Karim Jandali auch noch entführt.

Der Sonntagabendkrimi im Realitätstest

***

Frage 1: Gegen Bukow und König läuft ein Disziplinarverfahren wegen Körperverletzung im Amt. Dürfen Polizisten in dieser Situation überhaupt ermitteln?

Antwort von Sophie Pawelke (Sprecherin Polizeipräsidium Rostock):

Ein Disziplinarverfahren wegen Körperverletzung im Amt zieht nicht automatisch eine "Entfernung aus dem Dienst" – wie es im Polizeideutsch heißt – mit sich. Dies ist von der Schwere der Körperverletzung und dem Ausgang eines in der Regel durchzuführenden Strafverfahrens gegen den Beamten abhängig. Besteht der Verdacht, dass es im Dienst oder im Einsatz zu leichten Körperverletzungen, zum Beispiel Handumdrehen oder einem Tritt gegen das Schienbein gekommen ist, wird trotz Disziplinarverfahren der Dienst vorerst fortgeführt.

Beim Verdacht der schweren Körperverletzungen, zum Beispiel durch massive körperliche Gewalt ohne Rechtfertigung, wird der Beamte vorläufig aus dem Dienst entfernt, bis das Verfahren abgeschlossen ist.

***

Frage 2: Der persönliche Referent der rechtspopulistischen Politikerin Sylvia Schulte ist ein ehemaliger syrischer Geflüchteter. Migranten in einer rechtspopulistischen Partei? Wie oft kommt das vor?

Antwort von Kai Arzheimer (Politikwissenschaftler, Universität Mainz):

Dass Menschen mit Migrationshintergrund sich in Anti-Immigrationsparteien engagieren, kommt durchaus vor, ist aber sehr selten. Die Motivlage der Parteien ist dabei klar: Sie können öffentlichkeitswirksam demonstrieren, dass der Vorwurf des Rassismus scheinbar ungerechtfertigt ist. Schwerer zu verstehen ist, warum sich Menschen mit Migrationshintergrund in solchen Parteien engagieren. In der Migrationsforschung wird manchmal das Phänomen des „closing the door behind you“ thematisiert. Damit ist gemeint, dass Angehörige von Gruppen, die historisch früher angekommen sind, neuen Migrationswellen skeptisch entgegentreten, um die Position der eigenen Gruppe zu stärken oder zumindest zu sichern. Im Falle von Toni Iwobi, der für die Lega in den italienischen Senat gewählt wurde, ist diese Erklärung nicht unplausibel, da er sich seit Jahrzehnten legal in Italien aufhält. Zudem wurde die Lega zum Zeitpunkt seines Eintritts in den 1990er Jahren primär als regionalistisch und wirtschaftsfreundlich (Herr Iwobi besitzt ein Unternehmen) wahrgenommen, auch wenn es schon damals fremdenfeindliche Aussagen gab. Insgesamt reduziert ein sogenannter Migrationshintergrund die Wahrscheinlichkeit, eine solche Partei zu wählen oder sich ihr gar anzuschließen aber dramatisch.

Vor diesem Hintergrund ist das von Ihnen beschriebene Szenario extrem unplausibel. Geflüchtete Syrer sind in größerer Zahl erst in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen und haben kein Motiv, sich für eine Partei zu engagieren, die gerade die aktuellen Flüchtlinge zu ihren Lieblingsfeinden auserkoren hat. Umgekehrt wäre eine solche Person auch für die AfD oder eine vergleichbare Partei kein Gewinn, da dies in zu starkem Widerspruch zu ihrer Kernbotschaft stehen würde. In der zynischen Logik dieser Parteien weitaus attraktiver wären EU-Ausländer oder Türkischstämmige, die einer christlichen Minderheit angehören oder sich vom Islam losgesagt haben. Diese sollten dann idealerweise als Kandidaten oder Abgeordnete fungieren, da sie so viel besser sichtbar sind als in der Rolle des persönlichen Referenten.

***

Frage 3: Der frühere Mann von Sylvia Schulte lebt als völkischer Siedler auf dem Land. Die Gruppe scheint auch hier – wie schon im kürzlich ausgestrahlten „Tatort: Sonnenwende“ – enge Verbindungen zu Neonazis zu haben. Wie eng sind die Verbindungen von Neonazi-Kameradschaften und völkischen Siedlern?

Antwort von Andrea Röpke (Journalistin und Co-Autorin mehrerer Bücher über Rechtsextremismus, u.a. „Mädelsache! - Frauen in der Neonazi-Szene“):

Das ist sehr eng verwoben. Viele der heutigen jungen Völkischen sind in Gruppen wie dem "Sturmvogel - Deutscher Jugendbund" organisiert, und deren Eltern waren noch bei der 1994 verbotenen militanten "Wiking-Jugend". Die Szene hat einen unglaublich radikalen Hintergrund, das heimelige Erscheinungsbild von der guten deutschen Familie mit vielen gehorsamen Kindern soll darüber hinwegtäuschen.

***

Frage 4: Die Entführer von Karim Jandali schicken ein Bekennervideo, in dem sie Sylvia Schulte als „aufrechte Deutsche“ bezeichnen. Bukow stutzt, Schulte ist aus der rechten Szene ausgeschieden und sollte doch eigentlich – als Aussteigerin – deren Hass auf sich ziehen. Wie geht die rechte Szene wirklich mit Aussteigern um?

Antwort von Bernd Wagner (Geschäftsführer von Exit-Deutschland):

In der Tat stutzt der Kommissar zurecht, da hier ein möglicher Widerspruch abgebildet wird. Es ist tatsächlich gemeinhin eher wahrscheinlich, dass die Stigmatisierung als „Verräterin“ an der Sache einsetzt, was wir sehr oft in unserer Tätigkeit erlebt haben. Es können folgende Sachverhalte vorliegen: die rechtsextremen Videoproduzenten verfügen über den (begründeten oder unbegründeten) Eindruck oder das Wissen, dass die Frau weltanschaulich-politisch noch zu ihrer ultranationalistischen „Sache“ steht. Oder sie wollen die Frau in der Öffentlichkeit mit einem rechtsextremen „Geruch“ subtil stigmatisieren und so ihre Wirksamkeit kontaminieren, demontieren – zu eigenem Nutzen oder aus Rache. Rechtspopulisten werden in manchen politischen Erzählungen der Rechtsextremisten auch als Konkurrenz angesehen und für die "eigentliche Sache“ abträglich.

***

Frage 5: Als Bukow und König die Entführer von Karim Jandali ausfindig machen, kommt es zum Showdown. Einer der Entführer hält Jandali eine Waffe an den Kopf, der andere bedroht die Kommissare. Doch Bukow tötet beide mit einem gezielten Kopfschuss. Darf er das?

Antwort von Sophie Pawelke (Sprecherin Polizeipräsidium Rostock):

Wenn der Schuss die einzige Möglichkeit ist, das Leben der Geisel und der Kommissare zu retten, dann ist dieser Schuss erlaubt. Ziel bei einer solchen Bedrohungslage, wie im „Polizeiruf“ dargestellt, ist, den Täter angriffsunfähig zu machen. Das kann – wenn er der Geisel bereits eine Waffe an den Kopf hält – nur durch einen Schuss in das Kleinhirn erfolgen. Ein Schuss ins Bein würde nicht mit Sicherheit zu einer Angriffsunfähigkeit führen. Sie merken: Es ist immer eine Einzelfallentscheidung.

***

Wie fanden Sie den neuen „Polizeiruf?“

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenNeonaziPolizeiruf 110TatortRostockUniversität Mainz