„Tatort“ aus Franken

Ganz weit unten

Von Michael Hanfeld
 - 16:30

Wenn Polizisten in Fernsehkrimis eine Party feiern, ist mit dem Schlimmsten zu rechnen. Mitten in die ausgelassene Stimmung platzt der Anruf. „Ruhe, ich verstehe kein Wort!“ Die Musik wird abgestellt, die Gespräche verstummen, die Mienen verdüstern sich. Bei der Einweihungsfeier, die Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) in seiner Wohnung schmeißt, kommt es, wie es schlimmer nicht kommen könnte.

Ein aus Libyen stammendes Geschwisterpaar ist erschlagen worden. Der Täter ist mit unfassbarer Brutalität vorgegangen. Kommissar Voss packt schon auf der Fahrt zum Tatort die Sinnkrise. „Unser Leben“, sagt er, „ist ein schwarzer Raum“: Sie jagten einen Täter nach dem anderen. Hätten sie einen gefangen, komme er hinter Schloss und Riegel, und schon sei der nächste an der Reihe. Seine Kollegin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) fände es nett, wenn Voss ihr mal „was Schönes“ erzählte. Wie schlimm es auch komme, habe sie von ihrem Ausbilder zu DDR-Zeiten gelernt, man dürfe es nicht an sich heranlassen, wenn man weitermachen wolle.

Doch es dauert nicht lange, da hat Paula Ringelhahn den Rat, sich zu wappnen und Distanz zu wahren, vergessen. Die sonst stets abgeklärte Kommissarin und ihr aufbrausender Kollege drohen beide, die Nerven zu verlieren. Ihr Fall ist auch danach. Der Doppelmord sieht nach einem fremdenfeindlichen Hassverbrechen aus. Ahmad Elmahi (Josef Mohamed), der Ziehsohn der Ermordeten, ist verschwunden. Weil er ebenfalls bedroht wird, nehmen die Ermittler an. Doch was hat der Polizist Frank Leitner (André Hennicke) damit zu tun, der sich mit einem tödlichen Medikamentenmix hinters Steuer setzt und tödlich verunglückt? Man findet bei ihm rechtsradikales Propagandamaterial, ein Dossier über Ahmad Elmahi führte er auch. Für den Polizeipräsidenten Mirko Kaiser (Stefan Merki) ist die Sache klar: Da ist einer an den rechten Rand gedriftet. Für Paula Ringelhahn, die mit Leitner liiert war, ist das gar nicht klar. Dafür spürt sie, dass mit der trauernden Witwe Gudrun Leitner (Ursula Strauss) etwas nicht stimmt. Ahmad Elmahi sehen wir derweil in einem dunklen Keller sitzen und hören, wie ein älterer Mann ihm etwas von „Ehre“ erzählt. „Ich töte niemand“, antwortet Ahmad auf die Litanei. Später wird er einem Altnazi (Hansjürgen Hürrig) gegenübersitzen, der ihn mit einer Hassrede auf die Probe stellt.

Zwischen diesen Polen hat der Regisseur Max Färberböck, der gemeinsam mit Catharina Schuchmann auch das Drehbuch geschrieben hat, den „Tatort: Ich töte niemand“, angesiedelt: Zwei alte Männer reden von „Ehre“ und „Haltung“ und hetzen die Jungen auf, die Kommissare tappen im Dunkeln, ringen um Fassung und halten verzweifelt Überzeugungsansprachen, die mal punktgenau der Situation entspringen, bisweilen aber auch aufgesetzt nach politischen Leitartikeln klingen. Die Kamera von Felix Kramer taucht das alles in tiefes Dunkel, filmt aus der Hüfte, mal mit Schuss und Gegenschuss auf die Protagonisten, dann aus der Ferne, dann so, als drehe da jemand lustlos und ohne Plan.

Doch das, verbunden mit dem herausragenden Spiel des Ensembles und einem clever verschachtelten Plot, sorgt für eine von Zwischentönen und falschen Fährten geschürte Spannung, die den Film davor bewahrt, ins Deklamatorische zu kippen. Färberböck versteht sich aufs Drama (und auf etwas nötige Komik am Rande auch). „Man muss sehr weit runter, um ihnen zu begegnen“, wird am Ende Paula Ringelhahn sagen und – beinahe den Fehler ihres Lebens begehen.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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