FAZ.NET-Tatortsicherung

Wie schnell kommt ein Bankier an Lösegeld?

Von Eva Heidenfelder
 - 21:45
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Der 25. Fall von „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) beginnt mit einem geläufig klingenden Plot: die Bankiersgattin Julia Holdt (Annika Martens) wird entführt; die vom Ehemann im Alleingang organisierte Lösegeldübergabe geht schief. Rasch gerät Frank Holdt (Aljoscha Stadelmann) selbst in Verdacht: Wollte er seine Schulden tilgen?

Auch die Affäre seiner Frau und der Umstand, dass sie sich von ihm trennen wollte, reichen der Ermittlerin als Motiv. Holdt beteuert seine Unschuld, doch sowohl die Kommissarin als auch die öffentliche Aufmerksamkeit treiben ihn in die Enge. Als Julia Holdt ermordet aufgefunden wird, nimmt er sich das Leben.

Die Handlung von „Der Fall Holdt“ lässt sofort an den Fall Maria Bögerl denken. Die Frau eines Heidenheimer Bankiers war 2010 zunächst entführt und dann ermordet worden, ihr Ehemann erhängte sich ein Jahr später. Der oder die Täter wurden bis heute nicht gefasst.

Verspricht der Rest des Films einen hohen Wahrheitsgehalt, nur weil die Handlung von einem echten Kriminalfall inspiriert wurde? Der aktuelle „Tatort“ im Realitätstest.

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Entführer: „Frank Holdt? Wir haben Ihre Frau. Wenn Sie sie lebend wiedersehen wollen, besorgen Sie 300.000 Euro in gebrauchten Scheinen bis 16 Uhr. Haben Sie das verstanden? Und keine Polizei.“ (Minute 16/17)

Frage 1: In „Der Fall Holdt“ ist der Ehemann der Entführten Leiter der Volksbank Walsrode. Er versucht im Alleingang, das Geld bei seinem eigenen Institut aufzutreiben. Zwar gelingt es ihm nicht, die geforderte Summe innerhalb des Zeitfensters von vier Stunden zu besorgen, gut 200.000 Euro kann er aber als Lösegeld übergeben. Ein denkbarer Ablauf?

Antwort von Joachim Matz (Pressesprecher der Volksbank Lüneburger Heide eG):

Ich darf aus Sicherheitsgründen keine Auskunft darüber geben, wie hoch die Barbestände in unseren Filialen sind. Wir sind allerdings bestrebt, sie möglichst gering zu halten. Zudem wird beispielsweise der Nachttresor täglich geleert. Einbruch oder Überfall sind dadurch wenig lukrativ. Insofern ist das im Film Geschilderte eine sehr unrealistische Darstellung. Auch wegen des Vier-Augen-Prinzips des Bankenwesens kann ein Filialleiter alleine nicht an Geld gelangen, er müsste beispielsweise seinen Stellvertreter bitten, mit ihm an den Tresor zu gehen. Unsere Mitarbeiter sind darüber hinaus angewiesen, bei auffälligen Szenarien sofort die Polizei einzuschalten.

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Frage 2: Die Entführte wird schließlich tot aufgefunden. Die Obduktion ergibt Folgendes: Nach Schlägen und Tritten erlitt das Opfer einen Schädelbasisbruch, ein Epiduralhämatom entstand, das auf das Gehirn drückte und Kopfschmerzen sowie Erbrechen verursachte, allerdings nicht sofort tödlich war. Zudem erlitt das Opfer eine Larynxfraktur, die Atemwege waren mit Erbrochenem und Blutgerinseln gefüllt, es ist von einer partiellen Atemwegsverlegung die Rede. Das Opfer konnte nicht mehr sprechen und bekam schlecht Luft. Ist diese Schilderung aus rechtsmedizinischer Sicht nachvollziehbar?

Antwort von Prof. Dr. Michael Klintschar (Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover):

Es ist nicht ganz richtig, dass ein Epiduralhämatom, also eine massive Blutung zwischen Schädelknochen und der harten Hirnhaut, dem sogenannten Epiduralraum, durch einen Schädelbasisbruch entsteht, sondern zumeist durch einen Bruch des Schädeldaches. Dass in Folge einer solchen Blutung enormer Druck auf das Hirn entsteht und zu Kopfschmerzen und Erbrechen führt, ist jedoch korrekt. Auch ist es stimmig, dass es aufgrund einer Larynxfraktur, also eines zerquetschten Kehlkopfs, zu einer partiellen Atemwegsverlegung, also einer Behinderung der Atmung kommen kann, da sich die Atemwege mit Erbrochenem und Blutgerinnseln füllen. Dass das Opfer durch diese Verletzung sicher nicht mehr sprechen konnte, ist ebenfalls korrekt, dass es schlecht Luft bekam, ist ebenfalls eine logische Konsequenz.

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Charlotte Lindholm im Verhör zu Frank Holdt: „Dann kam es zu einer Rippenserienfraktur mit einem Spannungspneumothorax. Da bläht sich der Pleuraspalt noch ein wenig weiter auf und drückt nach und nach auf Lunge und Herz. Das ist ein qualvoller, ein langsamer Tod.“ (Minute 81)

Frage 3: Ist diese Schilderung vor allem dramaturgisch aufgeladen oder medizinisch korrekt?

Antwort von Prof. Dr. Michael Klintschar:

Dass eine Rippenserienfraktur, also der Bruch mehrerer Rippen, zu einem Spannungspneumothorax führen kann, ist korrekt. Denn wird durch Knochensplitter die Lunge verletzt, kann Luft in den Pleuraspalt, also den schmalen Spalt zwischen Brustfell und Lunge, gelangen und auf Herz und Lunge drücken und auch das kann zu Atemnot führen. Allerdings möchte ich noch hinzufügen: Man wird nicht einwandfrei feststellen können, in welcher Reihenfolge die Verletzungen dem Opfer zugefügt wurden und welche tatsächlich zum Tod geführt hat. Alle drei Verletzungen für sich können unbehandelt tödlich sein. So wäre es folglich theoretisch denkbar, dass das Opfer aufgrund der Kopfverletzung bewusstlos wurde, bevor es erstickte. Auch könnte das Herz aufgrund des erhöhten Drucks im Pleuraspalt versagt und das zum Tod geführt haben. Wenn das Opfer allerdings bei vollem Bewusstsein immer schlechter Luft bekam, litt es sicher Todesangst. Es ist auch anzunehmen, dass das Opfer nicht unmittelbar nach der ersten Gewaltanwendung gestorben ist. Aber wie gesagt, zweifelsfrei feststellbar ist das nicht.

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Quelle: FAZ.NET
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